Stuttgart-Premiere: „Dinge, die ich sicher weiß“ Große Kinder, große Sorgen
Sind Kinder wirklich so anstrengend? Im Alten Schauspielhaus kann man bei „Dinge, die ich sicher weiß“ atemlos verfolgen, was in modernen Familien läuft.
Sind Kinder wirklich so anstrengend? Im Alten Schauspielhaus kann man bei „Dinge, die ich sicher weiß“ atemlos verfolgen, was in modernen Familien läuft.
Soll sie einem nun auf die Nerven gehen – oder ist das wahre Fürsorge? Fakt ist: Fran weiß, wie ihre Kinder ticken. Zieht Kummer auf, hat sie es längst geahnt. Geheimnisse gibt es im Hause Price nicht, dafür sorgt die Mutter mit stetem Bohren und Fragen. „Ich bin eure Mutter“, sagt sie. In ihrer Familie soll alles auf den Tisch. Und wo etwas schiefgeht, wird Mutti es richten.
Im Alten Schauspielhaus geht allerdings viel schief. Die Familie, die in dem neuen Stück „Dinge, die ich sicher weiß“ auf der Bühne steht, hat vier Kinder, die eigentlich längst erwachsen sein sollten, aber noch an Mamas Zipfel hängen – und auch hängen sollen, wenn es nach den Eltern geht. Andrew Bovell, ein australischer Autor, hat heutige Familien genau ins Visier genommen für sein Stück, das all das zusammenmixt, was Familie ausmacht: Sicherheit und Enge, Vertrauen und Distanzlosigkeit, Wärme und Krach.
Bei den Prices kracht es regelmäßig, dabei sind die drei Ältesten längst ausgezogen. Ben hat einen guten Job in der Finanzbranche, lässt sich von Mutti aber noch immer die Hemden bügeln. Pip parkt die Kinder ständig bei der Omi. Und Rosie, das Nesthäkchen, ist großspurig mit dem Rucksack in die Welt gefahren, um schon bald reumütig zu Mamapapa zurückzukehren. Sie mag nicht erwachsen werden – „ich bin noch nicht so weit“.
Ulrike Knospe und Andreas Klaue spielen überzeugend dieses Ehepaar, das viel geackert hat, damit es den Kindern gut geht und der Kredit fürs Haus abbezahlt wird. In diesen zwei Stunden Theater widerfährt Bob und Fran allerdings so ziemlich alles, was Eltern gemeinhin durchmachen müssen. Nach dem Motto „Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen“ setzt der Autor auf stete Reizsteigerung, so dass diese Familie von einer Misere in die nächste Katastrophe schlittert – und es im Rückblick fast harmlos erscheint, dass sich die älteste Tochter von heute auf morgen aus dem Staub macht und Mann und Kinder zurücklässt. Schlimmer geht immer.
Der Ausstatter Lars Peter hat ein dezent abstrahiertes Bühnenbild entworfen, das der Fantasie genug Freiraum lässt, sich dieses Häuschen mit Garten vorzustellen. Hier Baumstamm und Schaukel, dort der Esstisch – und dazwischen ein Kommen und Gehen, bei dem die Kinder jedes Mal wieder ein neues Päckchen Sorgen abladen. Das ist auch für Zuschauer mitunter anstrengend, zumal der Regisseur Harald Weiler die Konflikte eher laut austragen und wenig Raum für leise Zwischentöne lässt. Und doch verfolgt man atemlos, welche Krise als Nächstes einbrechen wird.
Am Ende fühlt man sich wie Pip (Stefanie Klimkait) und Mark (Nikilaij Janocha), Ben (Sebastian Volk) und Rosie (Lilli Meinhardt) und versucht sich im Strudel der ambivalenten Gefühle zurechtzufinden – und die Botschaft des Autors herauszulesen. Letztlich gibt der Titel „Dinge, die ich sicher weiß“ die Richtung: Die Nähe, die Familie mit sich bringt, bedeutet keineswegs, den anderen zu kennen. So erwartet jeden der Familie Price ein bitteres Erwachen, weil alle ihre Geheimnisse haben.
Vorstellungen bis zum 4. Juni dienstags bis samstags um 20 Uhr