Stuttgart stärkt den Radverkehr Hier haben Radfahrende Vorfahrt

Die Möhringer Straße (im Bild der Abschnitt nach der Matthäuskirche in Fahrtrichtung Marienplatz) ist die mittlerweile vierte Fahrradstraße in Stuttgart. Foto: Uli Nagel

Die mittlerweile vierte Fahrradstraße in Stuttgart ist jetzt offiziell frei gegeben worden. Umbau der 1,4 Kilometer langen Strecke auf der Möhringer Straße kostet gut zwei Millionen Euro. Dennoch gibt es am Marienplatz Probleme.

Redaktionsleiter: Uli Nagel (uli)

Die Landeshauptstadt will für die Radfahrenden attraktiver werden und investiert kräftig in die dafür nötige Infrastruktur. Das Ziel: Der Ausbau des Hauptradroutennetzes soll 2030 abgeschlossen sein. Allein gut zwölf Millionen Euro kostet die Hauptradroute 2 zwischen Hedelfingen und Stuttgart-Ost, eine gut drei Kilometer lange Strecke. Die bauliche Umsetzung erfolgt in drei Abschnitten, wobei der erste zwischen Wangen Marktplatz und den Otto-Konz-Brücken mittlerweile abgeschlossen wurde. Im August hat die zweite Phase begonnen, die von den Otto-Konz-Brücken bis zum Hedelfinger Platz reicht. Mit der Fertigstellung des gesamten Projekts rechnet die Verwaltung im Jahr 2025.

 

Kritik an langwieriger Umsetzung

Doch allein dadurch lässt sich der Radverkehrsanteil auf Stuttgarts Straße sicher nicht auf die anvisierten 25 Prozent im Jahr 2030 steigern. Ein wichtiger Baustein stellt deshalb auch das Thema „Fahrradstraßen“ dar, die allerdings erst nach und nach im Stuttgarter Straßenbild auftauchen. Ein Fakt, der vor einigen Monaten wieder einmal für Debatten und Unmut im Gemeinderat gesorgt hatte.

Vor allem SPD und Linke kritisierten die ihrer Meinung nach „viel zu lange Umsetzungsdauer“. Allein die Planungsphase für solche Radverkehrsprojekte liegt laut Stadtverwaltung zwischen zwei und vier Jahren, was jedoch Standard sei in deutschen Großstädten.

Autofahrer nur ein „Gast“

Kein Wunder, dass bisher nur drei Fahrradstraßen realisiert wurden: die Tübinger Straße (2016), die Eberhardstraße (2019), und die Wiesbadener Straße (2022) in Bad Cannstatt. Mit der Möhringer Straße präsentiert sich jetzt auf gut 1,4 Kilometern Länge eine weitere Straße, auf der Autofahrer „nur Gäste“ sind. „Wieder ein Abschnitt, auf dem der Radverkehr besser rollt“, sagte der Tiefbauamts-Chef Jürgen Mutz, als er bei einem Vor-Ort-Termin den zweiten Streckenteil zwischen Böheimstraße und Karl-Kloß-Straße offiziell frei gab. Zwischen der Heslacher Matthäuskirche und Marienplatz genießt der Radfahrer schon seit einigen Wochen gegenüber den Autos Vorfahrt in der Möhringer Straße, was an den markanten, türkisfarbenen Flächen in den Kreuzungsbereichen und den übergroßen Piktogrammen unschwer zu erkennen ist.

„Insgesamt haben wir hier rund zwei Millionen Euro investiert, um die Qualität der Hauptradroute 1 weiter zu stärken“, sagt Mutz. Der Tiefbauamts-Chef weiß allerdings, dass es auf dieser wichtigen Verbindung zwischen Vaihingen und Bad Cannstatt bis nach Fellbach noch einige dicke Bretter zu bohren gibt. Dazu gehört auch die Führung des Radverkehrs über den Verkehrsknoten Marienplatz in die Tübinger Straße, für die es momentan noch keine adäquate Lösung gibt. Dennoch hat das Tiefbauamt bereits die nächsten Projekte im Visier. „Im kommenden Jahr wollen wir definitiv mit der Burgstallstraße beginnen“, sagt Mutz. Auch die Grazer Straße in Feuerbach stehe auf der Agenda. Zudem gebe es in Stuttgart-West Überlegungen, wo eine Fahrradstraße installiert werden könne.

Insgesamt sollen in den kommenden Jahren rund 25 solcher Vorfahrtsstraßen für Radfahrer ausgewiesen werden.

Ginge es nach den Verantwortlichen des Tiefbauamts, so sollen bereits im nächsten Doppelhaushalt die dafür nötigen Mittel festgezurrt werden. Momentan investiert die Stadt noch 20 Euro pro Einwohner jährlich in den Ausbau und die Stärkung der Radinfrastruktur. Bei rund 610 000 Einwohner sind das nach Adam Riese heute 12,2 Millionen Euro. „Unser Ziel ist, diesen Betrag zu verdoppeln“, sagt Jürgen Mutz.

Fahrradstraße


Regeln
In einer Fahrradstraße wird die ganze Fahrbahn zum Radweg. Radfahrende haben hier Vorrang und dürfen nebeneinander fahren. Offiziell dürfen hier laut ADAC nur Fahrräder und E-Scooter fahren. Fahrradstraßen dürfen seit der sogenannten Fahrrad-Novelle der StVO im Jahr 1997 ausgewiesen werden.

Ausnahmen
Zusatzschilder können Auto- und Motorradverkehr zulassen, zum Beispiel in Wohngebieten. Es gilt aber immer eine Höchstgeschwindigkeit von Tempo 30.

Vorbild
Mit Stand Oktober 2022 gibt es in München 91 Fahrradstraßen mit einer Gesamtlänge von gut 43 Kilometern Länge. Damit hat München weiterhin die meisten Fahrradstraßen in Deutschland, gefolgt von Essen mit 82.

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