Stuttgart-Süd Berufswahl Spielend sich bewerben lernen

Von Torsten Schöll 

Dalia und Pavel sind Schüler an der Kaufmännischen Schule in Stuttgart-Süd und nehmen an einen Berufswege-Planspiel für rund 70 Schüler des Berufskollegs I teil. Es hilft ihnen dabei, ihre eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen.

Dalia und Pavel  bauen eine Brücke aus Papier. Foto: Torsten Schöll
Dalia und Pavel bauen eine Brücke aus Papier. Foto: Torsten Schöll

Stuttgart - Eine Schere, ein paar Blätter, Tesafilm, eine Aufgabe und zehn Minuten Zeit: Baut im Team zwischen zwei Tischen eine Brücke, die eine Schere trägt. Eine typische Aufgabe, wie sie in Bewerbungsverfahren größerer Unternehmen in einem sogenannten Assessment-Center gestellt wird. Worauf es dabei ankommt: Teamfähigkeit, Kreativität, soziale Kompetenz, Stressresistenz und natürlich alles andere, was sich in einer solchen Situation bewerten und beobachten lässt.

Es dauert nicht lang, bis in der kleinen Gruppe einer die Führung übernimmt: „Am besten wir falten die Blätter, damit sie stabiler werden“, sagt Pavel Lisenkov. Gute Idee, finden die anderen und machen sich an die Arbeit. Die zwei Tische, die die Brücke verbinden soll, stehen noch viel zu nah beieinander. Sie soll am Ende 50 Zentimeter lang sein. Ob das hält? „Da müssen mehr Klebestreifen ran“, sagt Dalia Pignanelli. Keiner der Sechs denkt daran, die Länge der Brücke abzumessen. Wird schon passen. Und die Zeit? Kurz nachdem die Schere auf der Papierbrücke balanciert, sind die zehn Minuten vorbei. Knapp geschafft. Jetzt heißt es die Arbeit dem Prüfer vorzustellen. Doch wie macht man das eigentlich?

Dalia und Pavel sind Schüler an der Kaufmännischen Schule 1 in Stuttgart-Süd und nehmen an einen Berufswege-Planspiel teil, das die Schulsozialarbeiter der Evangelischen Gesellschaft (EVA) am Mittwoch und Donnerstag für rund 70 Schüler des Berufskollegs I organisiert haben. Die Spiel-Stationen, die die Teilnehmer am einjährigen Berufskollegs dabei durchlaufen, soll ihnen dabei helfen, im echten Leben eine Ausbildungsstelle zu finden. Die Angebote reichen vom Eignungstest über Berufsberatung bis zum Bewerbungsgespräch, und auch das Assessment-Center, in dem die beiden 17- und 22-jährigen Schüler eine Papierbrücke konstruierten, gehört dazu.

Genauso das fingierte Vorstellungsgespräch, das Pavel an diesem Mittwochvormittag in der Schule an der Zellerstraße 37 mit einem echten Personaler der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) führt. Die Bewerbungsmappe des 22-Jährigen, die er eigens angefertigt hat, überzeugt Christian Schmidt, Leiter Aus- und Weiterbildung der LBBW. Auch im Gespräch macht der junge Russlanddeutsche eine gute Figur. „Man spürt, dass Sie viel Energie haben“, sagt Schmidt. Es wird aber auch klar, was der Schüler noch besser machen kann: „Auf das Unternehmen, auf das Sie sich bewerben, können Sie sich noch besser vorbereiten.“ Ansonsten: „Top Unterlagen“, sagt der Personaler und verabschiedet Pavel Lisenkov, der erst vor fünf Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen ist, mit einem festen Händedruck und der Hoffnung, ihn wiederzusehen. Der Schüler, der in der Realschule sprachbedingt noch große Probleme hatte, will unbedingt das zweite Jahr des Berufskollegs erreichen und die Fachhochschulreife ablegen. Das gelingt nicht jedem, der das Berufskolleg 1 besucht. Laut der Schule erreichen nur rund 20 Prozent das Berufskolleg II, das zur Fachhochschulreife führt.

Fragen zur Allgemeinbildungs sind unberechenbar

Die 17-jährige Dalia hat unterdessen die Station „Einstellungstest“ durchlaufen, bei dem Deutschkenntnisse abgefragt werden und Mathematik- und Konzentrationsaufgaben gelöst werden müssen. „Die Fragen zur Allgemeinbildung fand ich besonders schwer“, sagt die Schülerin. Ob man weiß, welcher Berg in Deutschland den höchsten Gipfel hat, sei Zufall, sagt Dalia. „Auf diese Fragen, kann man sich nicht vorbereiten.“

Nach mehr als vier Stunden Planspiel sind Pavel Lisenkov und Dalia Pignanelli zwar ein wenig erschöpft, doch gelohnt, sagen beide, hat es sich allemal: „Das Gespräch mit dem Mitarbeitern der Agentur für Arbeit hat mir viel gebracht“, resümiert die Jugendliche, die nach der Fachhochschulreife am liebsten Steuerfachangestellte werden möchte. Auch sie war in der Realschule, wie sie sagt, „noch mittelmäßig“. Inzwischen weiß sie: Rechnungswesen ist genau ihr Ding.

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