Stuttgart-Süd Wie viel Mobiliar verträgt der Marienplatz?

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Die Menschen lieben den Marienplatz. So sehr, dass sie ihn am liebsten mit all ihren Spielsachen zustellen würden, wenn sie nur dürften. Sein Urheber führt manchmal regelrechte Abwehrkämpfe. Aber manchmal knickt Heinz Lermann auch ein.

Die Form eines  fast freien Halbkreises macht den Marienplatz unverwechselbar, verleiht ihm Großzügigkeit und  Eleganz. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Die Form eines fast freien Halbkreises macht den Marienplatz unverwechselbar, verleiht ihm Großzügigkeit und Eleganz. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

S-Süd - Ein leerer Platz weckt in einer dicht bebauten Stadt wie Stuttgart unwillkürlich Begehrlichkeiten. Denn hier war es immer eng, bedingt durch die besondere Topografie und Entwicklungen wie insbesondere die explosionsartige Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die massenhaft nach Wohnraum für die Werktätigen verlangte. Wie man weiß, hat sich die Lage seither nicht entspannt. Ein freier Fleck wie der Marienplatz im Süden ist da beinahe eine Provokation. Und so nimmt es nicht Wunder, dass dessen Architekt Heinz Lermann immer wieder unter Legitimationsdruck gerät und den von ihm entworfenen Platz verteidigen muss. Aktuell sind es die Parkour-Läufer, die am südöstlichen Ende des Platzes, unter der Zacke-Brücke, eine Fläche für Betonklötze zum Trainieren erhalten sollen. Im vergangenen Jahr wünschten Gastronomen, dass die Ummauerung durch Sitzstufen ersetzt werde. Letzteres konnte abgewehrt werden, und für die Parkour-Sportler wird es wohl einen Kompromiss geben.

Platz für alle und alles

Lermann geht es nicht um ein architektonisches Reinheitsgebot oder gar um ein städteplanerisches Denkmal für sich und sein Büro Planungsgruppe 7. Solche Eitelkeit ist ihm fremd, und er spielt auch nicht den Geschmackspolizisten. Es geht ums Konzept: „Es soll ein Platz sein, der offen ist für alle und alles.“ Inspiriert habe ihn bei der Gestaltung des Marienplatzes der Stadtplaner Kevin Andrew Lynch (1918 – 1984). Den Amerikaner beschäftigten etwa Fragen nach der sozialen Verstrickung öffentlichen Raums, nach dessen Einprägsamkeit und Lesbarkeit. Insofern ist Lermann „happy“ darüber, dass die Menschen über den Platz reflektieren, ihn immer wieder verändern, ihren Bedürfnissen anpassen wollen. Er stört sich auch nicht im geringsten am Ansinnen der Parkour-Sportler, deren Geschick und Geschmeidigkeit Lermann bewundert. Aber bauliche Manifestationen sollten wohl überlegt sein: „In dem Entwurf sind jetzt diese Riesenbetonteile direkt in die Lauflinie der Leute gestellt, die oben von der Treppe her kommen.“ Das sei nicht nur unpraktisch, auch die Lesbarkeit des Ortes leide: „Ohne Parkour-Läufer verstehen die Menschen gar nicht, wozu diese Betonklötze überhaupt gut sind.“

Für einen guten Vorschlag hält er indessen, einige Parkour-Geräte auf der oberen Ebene aufzustellen, wo bislang nur ein paar Sitzbänke stehen. „Das hat dann auch was von einer Bühne da oben.“ Aber dann sollte Schluss sein mit der Möblierung, meint der Architekt: „Mehr verkraftet der Platz nicht.“ Seinen Nutzern solle auch künftig noch genug Raum bleiben, ihn neu zu deuten, zu nutzen und zu beleben.

Kein Hipster-Biotop

Dass dieses offene und skeptisch beäugte Konzept aufgegangen ist, lässt sich an jedem Tag verifizieren, an dem es keine Katzen regnet. Auf dem Platz breiten Leute Picknickdecken aus, lernen Kinder Radfahren, halten Bürgerinitiativen Meetings ab, planschen Kleinkinder, wird Markt abgehalten, gastieren Bands, Zirkuskünstler und Theaterleute. Die Aufzählung ließe sich sehr lange fortsetzen, und deshalb sind immer auch Leute da, die einfach bloß hocken und gucken, was geht. Eine hartnäckige Mär hingegen ist, dass der Marienplatz ein sortenreines Hippster-Biotop sei. Auch die Nachbarschaft nimmt den Platz in Beschlag, Trinker haben ihre Plätzchen, Pfandsammler sind hier heimisch. Es ist tatsächlich ein Platz für alle, nicht nur für bestimmte Gruppen.

„In den USA käme niemand auf die Idee, an so einem Ort einen Platz für sich zu belegen“, sagt Lermann. Und auch wenn er das nicht sagt, so drängt sich doch die Frage auf: Wieso eine so partikuläre Erscheinung wie die Parkour-Läufer hier einen eigenen Raum bekommen sollte. Was will man antworten, wenn die nächsten ihre Interessen anmelden? Wenn Barfußgeher einen Pfad wünschen, Klettermaxe eine Calisthenicsstellage und Raucher vernünftige Aschenbecher?

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