Stuttgart Süd St. Maria Bürgerbeteiligung Das Mittelschiff als Labor für neue Nutzungen

Von  

Die City-Kirche St. Maria an der Tübinger Straße sucht mit Bürgern nach neuen Nutzungsmöglichkeiten, weil die Gemeinde allein das Gotteshaus nicht auslastet.

Der Kirchenraum ist völlig verwandelt Foto: Kathrin Wesely
Der Kirchenraum ist völlig verwandelt Foto: Kathrin Wesely

S-Süd - Die Leute kommen in Sandalen und kurzen Sachen hereingeschlendert. Der Kirchenraum ist angenehm kühl, die bunten Fenster dimmen das Sonnenlicht. Man riecht Weihrauch und das Holz, aus dem der große runde Tisch im Mittelschiff samt den Hockern darum herum gezimmert ist. An Leinen hängen weiße Baumwolllaken – die Reste einer Performance vom Vorabend – weiße Sitzbälle kullern durchs Mittelschiff. Der alte Kirchenraum ist komplett verwandelt – eine Mischung aus Atelier, Meditationsraum, Büro. Er hat seine Ehrfurcht einflößende Schwere verloren und seine Würde erhalten. „Ich würde mir wünschen, dass er so offen bleibt“, sagt Corinna Waltz. Das schreibt die Besucherin auch genau so in eines der Bücher, die auf dem runden Tisch bereit liegen.

Dieses Arrangement gehört zu dem Bürgerbeteiligungsexperiment, das die Marienkirche derzeit wagt. Hintergrund ist, dass die Gemeinde der Marienkirche über die Jahre geschrumpft ist und nur noch drei mal die Woche Gottesdienste stattfinden, so der leitende Pfarrer der Gesamtkirchengemeinde Stuttgart-Süd, Paul Kugler. Die Gemeinde und das Stadtdekanat wollen nun mithilfe der Bürger Ideen zusammentragen, wie man den Kirchenraum außer für sakrale Zwecke auch noch nutzen könnte. Unterstützt wird die katholische Kirche dabei vom Verein Stadtlücken, der beispielsweise die einladende Raumgestaltung für das Projekt ersonnen hat.

Es geht nicht bloß ums Design

Um das Ideenkarussell erst mal in Schwung zu bringen und Leute für das Gotteshaus zu interessieren, haben die Initiatoren zum Auftakt eine Veranstaltungsreihe angestoßen, die am Ende weitaus ambitionierter ausfiel, als man zu hoffen gewagt hatte. „Da kamen mitunter mehr Leute als zum Gottesdienst“, sagt Domenik Schleicher, Laienvorsitzender im Kirchengemeinderat von St. Maria. Man hatte diverse Kulturschaffende und Engagierte angesprochen und ist dabei auf derart große Resonanz gestoßen, dass St. Maria in den letzten beiden Maiwochen mit einem umfangreichen Veranstaltungskalender aus Konzerten, Performances, Workshops, Kinderprogramm und sogar Sport aufwarten konnte.

Den ganzen Tag über kommen nun Leute hereinspaziert, staunen ein bisschen, schauen sich die Ausstellung über das Beteiligungsprojekt an, und manche notieren ihre Ideen. „Die Tübinger Straße ist ja jetzt auch eine Flaniermeile geworden, da schauen schon eher mal Leute vorbei. Das Leben hier“, sagt Pfarrer Kugler, „hat sich durch die Verkehrsberuhigung sehr verändert“. Es ist an der Zeit, dass sich auch Kirche verändert, finden die Projektbeteiligten. Der Pastoralreferent von St. Maria, Andreas Hofstetter-Straka, erzählt von einem Ausstellungsbesucher, der meinte, die katholische Kirche müsse ihr Design verändern. „Aber es geht nicht bloß ums Design, es geht um eine neue Haltung: nämlich darum, die Leute zu Wort kommen zu lassen.“ Auch die Religionszugehörigkeit soll keine Rolle dabei spielen, wenn Bürger ihre Vorstellungen für den Kirchenraum äußern, meinen die Projektbeteiligten. Letztlich sollten die Vorschläge lediglich mit der Würde eines Kirchenraums in Einklang zu bringen sein.

Zimperlich ist man dabei nicht. Die Trampolinspringer des MTV neulich oder die spielenden Kinder während des Gottesdienstes betrachtet man jedenfalls nicht als atmosphärische Störfaktoren im Kirchenraum. Der Kirchengemeinderat Schleicher sieht die City-Kirche als kreative Chance, weil „die durchdesignte Stadt ansonsten nur noch wenig Freiraum bietet“. Und die Besucherin Corinna Waltz kann sich Bürgerveranstaltungen in St. Maria vorstellen oder auch einfach „einen Raum, wo man mal Ruhe findet, inmitten der Stadt“.

Zeit und Raum für Interimsprojekte

Die konzeptionelle Offenheit des Gotteshauses ist auch seinem miserablen baulichen Zustand zu verdanken: Die neugotische Kirche sei im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und in den 1950-er Jahren rasch wieder aufgebaut worden, berichtet Pfarrer Kugler. Der Putz löse sich von der Decke, Risse zeigten sich. St. Maria ist stark renovierungsbedürftig. Um die Kirche wieder verkehrssicher zu machen und um das Ausmaß der Schäden genau eruieren zu können, wurden die Kirchenbänke eingelagert – das schaffte jetzt erst einmal Platz im Schiff. Die Sanierung dürfte sich einige Jahre hinziehen, schätzt Kugler. Da bleibe viel Zeit für Interimsprojekte. Außerdem ist der Plan, die Anregungen der Bürger, die man im Zuge des laufenden Beteiligungsexperiments ermittelt, in die Renovierung und Neugestaltung des Kircheninnenraums einzuarbeiten. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.marienkirche-an-der-zukunft-von-st-maria-basteln.33f37b74-a6d4-4967-bbf2-79f87d66f8de.html

Sonderthemen