Stuttgart von oben – Alte Dorfstraße in Birkach Als das Dorf noch eine Straße war

Von Alessa Becker 

Stuttgart-Birkach ist aus einer Straße entstanden: aus der Alten Dorfstraße. In unserer Luftbild-Serie „Stuttgart von oben" blicken wir auf diese Keimzelle des zweitkleinsten Stuttgarter Stadtbezirks.

Birkach ist seit 1955 stark gewachsen. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec 27 Bilder
Birkach ist seit 1955 stark gewachsen. Foto: Stadtmessungsamt/Plavec

Birkach - Marianne Ölschläger streckt den Kopf aus ihrer Haustür und blinzelt der Sonne entgegen. Vor der Tür liegt ihre Alte Dorfstraße, an der sie seit 64 Jahren wohnt. „Ich habe Birkach noch erlebt, als hier Hühner frei herumliefen“, sagt sie. Die 93-Jährige ist noch voller Energie. In den letzten Jahren sei es so ruhig geworden an der Alten Dorfstraße, „fast langweilig“, sagt sie.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Birkach im Jahr 1140. Der Ort bestand anfangs aus sieben Bauernhöfen entlang der Alten Dorfstraße. Die Straße lag mitten im Dorf – sie war das Dorf. Mit den Jahren verlor sie ihre Bedeutung als Geschäftsstraße, Läden siedelten sich vor allem entlang der Welfen- und der Birkheckenstraße an. Die einst zu umtriebige Alte Dorfstraße wurde zur verkehrsberuhigten Anliegerzone.

Einer der noch wenigen erhaltenen Höfe in Stuttgart-Birkach

Das Haus von Marianne Ölschläger ist ein frisch renoviertes Fachwerkhaus. Blumen wachsen vor der Tür, Bienen und Schmetterlinge tummeln sich dort. Es steht nah an der „Linde“, dem Beginn der Alten Dorfstraße. Um das Jahr 1450 erbaut, ist Ölschlägers Haus einer der wenigen noch erhaltenen Höfe in Birkach.

Ihre Straße kennt Marianne Ölschläger wie ihre Westentasche. Ein paar Meter von ihrem Haus steht auf der rechten Straßenseite ein weiteres schön restauriertes Fachwerkhaus. Es ist der ehemalige Obere Esslinger Spitalhof, auch „Hinderes Haus“ genannt. Er war früher im Besitz des Spitals Esslingen und ist etwa 500 Jahre alt, einer der ältesten Höfe in Birkach.

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Weiter vorn ist das ehemalige Café Fröschle. „Manche Räumlichkeiten finden heute einen ganz neuen Nutzen“, sagt Ölschläger. Vor über zehn Jahren ist ins Café Fröschle das Gemeindepsychiatrische Zentrum eingezogen, das einen Schutzraum für Menschen mit psychischer Erkrankung bietet. Noch immer steht „Café Fröschle“ in roten Lettern über der Tür.

Drei Fleischer habe es im Ort gegeben

Ölschläger findet es schade, dass die Geschäfte schwinden. „Früher gab es hier bei weniger Einwohnern mehr Geschäfte als heute.“ Allein drei Bäcker und drei Fleischer sowie zahlreiche Wirtschaften habe es gegeben, als sie eine junge Frau war. Größer sei Birkach geworden, anonymer.

„Morgens sind hier viele Kindergartengruppen unterwegs“, sagt Marianne Ölschläger. Im Haus Nummer 29 ist ein Kindergarten. Das Haus wurde 1826 erbaut und war früher das Alte Rathaus, bis 1970 war es gleichzeitig das Schulhaus.

Wer die Alte Dorfstraße schon fast bis zur Hälfte hinter sich hat, trifft auf eine um das Jahr 1900 erbaute Villa, die ruhig und majestätisch zwischen hohen Bäumen steht. Das Gebäude wurde nach dem Großkaufmann Friedrich Eckstein benannt, der sowohl die Villa erbaute, als auch die Konstruktion der Birkacher Wasserleitungen finanzierte. Seit 1901 befindet sich darin der evangelische Kindergarten.

„Und dann darf man unsere Franziskakirche nicht vergessen“, sagt Marianne Ölschläger. Eine Kirche, die die Liebe Herzog Karl Eugens von Württemberg zu seiner Franziska, Reichsgräfin von Hohenheim, symbolisieren sollte und im Jahr 1780 eingeweiht wurde. Ganz am südöstlichen Ende der Alten Dorfstraße beginnt das Gebiet der Universität Hohenheim, das von drei hohen Studentenwohnhäuser markiert wird. „Da lebt die Zukunft“, sagt Marianne Ölschläger.

Früher ein Friseur, heute ein Eiscafé

Diese Zukunft arbeitet auch im Eiscafé neben Marianne Ölschlägers Haus. Dort steht Daniela Boca hinter dem Tresen und lächelt den Besuchern entgegen. Früher war in diesen Räumlichkeiten noch der Friseursalon von Marianne Ölschläger angesiedelt, später dann über 30 Jahre die Bäckerei Lang. Im April hat Esref Karagöz vom Imbiss Stern Kebap an der Birkheckenstraße die Eisdiele eröffnet.

Daniela Boca verdient sich mit dem Eisverkauf etwas dazu. „Ich studiere Bauingenieurswesen in Vaihingen“, erzählt sie. Die 22-Jährige wohnt mit ihren Eltern gleich gegenüber. Birkach sei für junge Leute attraktiv, sagt sie. „Man wohnt ruhig und ist ganz schnell in Stuttgart, deshalb kann ich mir gut vorstellen noch lange hier zu wohnen.“ In einem Dorf, das aus einer Straße gewachsen ist.

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