Stuttgarter Ballett Edward Clug holt den „Nussknacker“ ins 21. Jahrhundert

Der Choreograf Edward Clug bei Proben mit der Tänzerin Elisa Badenes Foto: Roman Novitzky/RN

Alle Vorstellungen sind ausverkauft – entsprechend gespannt erwarten die Stuttgarter Ballettfans den neuen „Nussknacker“. Choreograf Edward Clug gibt erste Einblicke.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Spricht er schon fließend Deutsch? Edward Clug schüttelt den Kopf: „Leider nicht, in der Tanzwelt reden ja alle Englisch.“ Die Nachfrage drängte sich auf – nicht nur wegen der vielen Aufenthalte des rumänischen Choreografen in Stuttgart, wo er seit drei Jahren mit dem Bühnenbildner Jürgen Rose den „Nussknacker“ neu erfindet und seit drei Monaten mit Tänzerinnen und Tänzern intensiv an seiner Version des Ballettklassikers arbeitet.

 

Auch in Wien und Zürich hatte Edward Clug schon viel zu tun, die Kompanien dort haben sein erstes, 2015 für die eigene Kompanie entstandenes Handlungsballett „Peer Gynt“ übernommen. Überhaupt ist Clugs Blick auf Ibsens Drama enorm erfolgreich; auch in Riga, Novosibirsk und demnächst in Dortmund tanzt sein nordischer Faust.

Der Tanz erkundet die Gefühle

Was Clugs „Peer Gynt“ so attraktiv macht, war jüngst bei zwei Vorstellungen seiner Kompanie, dem slowenischen Nationalballett Maribor, im Forum in Ludwigsburg zu sehen: Ein schlichtes Bühnenbild lässt schräge Kostüme und knorrig gezeichnete Charaktere prima aufscheinen, während der Tanz die Gefühlswelt der Protagonisten erkundet.

Ungewöhnliches Thema fürs Ballett

Edward Clug freut sich über das Interesse an diesen Gastspielen. „Es ist toll, dass das Publikum hier kurz vor der ,Nussknacker‘-Premiere die Gelegenheit hat, meine theatralische Sprache besser zu verstehen. Seit 2009, seit meinem Debüt mit ,Pocket Concerto’ ist meine Arbeit in Stuttgart präsent, jetzt konnte man auch meine Kompanie erleben und wo ich herkomme.“

Das Faust-Thema auf der Ballettbühne ist ungewöhnlich, Clug hat es in seinen folgenden Handlungsballetten – einem „Faust“ für Zürich und dem Bulgakow-Ballett „Meister und Margerita“ für das Bolschoi-Ballett – vertieft. Was ihn daran interessiert? „Ich teile mit dem Protagonisten, dass wir neugierige Charaktere sind“, sagt Clug. „Sein Ehrgeiz treibt ihn an weiterzukommen, bis er Opfer seiner Wissbegierde wird.“

Es geht um die Kraft der Fantasie

Ist im Vergleich dazu das Weihnachtsmärchen, mit dem sich der Choreograf auf Wunsch des Stuttgarter Intendanten Tamas Detrich befasst, nicht recht belanglos? Edward Clug wehrt entschieden ab, schließlich verhandle E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Nussknacker und Mäusekönig“ das dem Theater immanente Thema von Fantasie und Illusion. „Ich bin dieses Ballett mit genau so viel Ernsthaftigkeit angegangen. Hier geht es um die Fantasie eines Kindes, um Traum und Wirklichkeit und um die Fähigkeit, einen anderen zu lieben trotz seines vermeintlich hässlichen Aussehens“, fasst der Choreograf die fantastische Reise zusammen, bei der Clara am Weihnachtsabend durch ihre vorbehaltlose Liebe den Nussknacker, eigentlich ein verwunschener junger Mann, von einem Fluch erlöst.

Problembewusstsein für Petipas schwieriges Erbe

Die literarische Vorlage will Clug ebenso ernst nehmen wie die Musik Tschaikowskys, die er neu zu hören versucht. Schließlich weiß der Choreograf um das schwierige Erbe, das Petipas Klassiker der Ballettwelt mit seinen exotischen Divertissements hinterlassen hat. Wie geht er also um mit dem chinesischen, dem arabischen Tanz, den die Komposition vorgibt? „Wir waren uns von Beginn an des Problems bewusst“, sagt Clug und ist froh, eine Lösung gefunden zu haben.

„Es ist spannend, nach 25 Jahren, in denen ich eine zeitgenössische Ästhetik erkundet habe, zurückzukehren zu meinen Wurzeln als klassisch ausgebildeter Tänzer“, sagt Clug. „Mein Ziel ist ein ,Nussknacker‘, den das Publikum sehen will, der ins 21. Jahrhundert und zu meiner choreografischen Logik passt – und der trotzdem die Tradition wahrt.“ Bewusst spricht der Choreograf den Ort an, an dem sein neues Stück entsteht. „John Cranko hat in Stuttgart das moderne Handlungsballett erfunden“, so Clug, der 1973 am selben Tag geboren wurde, an dem Cranko starb. Nicht nur deshalb fühlt sich der Mann aus Maribor hier am richtigen Ort mit der Idee von einem „Nussknacker“, der bewegen will. „Die Unterstützung im ganzen Theater ist immens“, sagt Clug, niemand werde nervös, wenn er kurz vor der Premiere noch Schritte ändere. „Dieses große Vertrauen sorgt dafür, dass das Stück frisch, voller Leben und Liebe ist.“

Die Walnuss ist Inspiration

Für die Idee eines minimalistischen Bühnenbilds, berichtet der Choreograf, sei Jürgen Rose sehr offen gewesen. Die Walnuss – ins Riesige vergrößert -, ihr Baum und ihre Farbe waren Inspiration und bilden den Hintergrund für die Reise im zweiten Akt. „Wir haben ein klares, einfaches Konzept entwickelt“, so Clug. „Aber bei den Kostümen eröffnet uns Jürgen Rose seine Traumwelt.“

Spaß an der Arbeit mit Kindern

16 Rollen für Kinder aus der Cranko-Schule gibt es im „Nussknacker“, mit drei Besetzungen arbeitet Clug und blickt mit gemischten Gefühlen auf diese neue Erfahrung. „Es ist das erste Mal, dass ich mit Kindern arbeite, und es macht mir große Freude“, sagt der zweifache Vater. „Ich finde es aber zugleich traurig, dass ich hier viel Spaß mit fremden Kindern habe, anstatt diese Zeit mit meinen eigenen zu verbringen.“ Auch deshalb ist für Clug klar: Sein „Nussknacker“ wird ein Ballett für die ganze Familie.

Info

Künstler
Edward Clug, 1973 in Beius geboren, hatte sein erstes Engagement als Tänzer am Slowenischen Nationalballett in Maribor, das er seit 2003 als Direktor leitet. 2009 entdeckte Reid Anderson den Choreografen für das Stuttgarter Ballett, inzwischen arbeitet er für wichtige Kompanien wie das Nederlands Dans Theater. „Ich habe attraktive Angebote erhalten, andere Kompanien zu übernehmen“, sagt Clug. „Aber in Maribor habe ich viele Freiheiten und kann für andere Ensembles arbeiten.“

Termine
„Nussknacker“ hat am Freitag, 25. November, 19 Uhr, Premiere im Opernhaus. Bis zum 18. Dezember folgen 14 bereits ausverkaufte Vorstellungen; eventuell gibt es Restkarten an der Tageskasse.

Stück
Aller guten Dinge sind drei, das gilt auch für den „Nussknacker“ in Stuttgart. John Cranko machte den Anfang und interpretierte Petipas 1892 uraufgeführten Klassiker 1966 neu. Das Ballett, zuletzt 1968 aufgeführt, wurde nicht aufgezeichnet und ging bis auf wenige Ausschnitte verloren. ‚Wenig kindgerecht war auch Marco Goeckes düstere Version des Klassikers, die 2006 im Kammertheater herauskam. Nun will Edward Clug in Jürgen Roses Kulisse das Weihnachtsmärchen familientauglich erzählen.

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