Stuttgarter Ballett Großer Auftritt für die furchtlose Agnes Su

Großer Schritt nach vorn: Agnes Su gibt am Sonntag ihr Debüt als Tatjana in „Onegin“. Unser Foto zeigt sie in Johan Ingers Ballett „Out of Breath“. Foto: © Stuttgarter Ballett

Ballettfans kennen Agnes Su als Tänzerin, die sich furchtlos in Neukreationen stürzt. Am Sonntag übernimmt die Amerikanerin erstmals die vielleicht schwierigste Rolle im Stuttgarter Repertoire.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - Aufgeregt? „Nur ein wenig“, sagt Agnes Su und wählt für ihren Stuhl einen Sonnenplatz im leeren Haydée-Saal. Die Tänzerin lacht viel im Gespräch, überhaupt hat sie die Ruhe weg. Diese Gelassenheit ist beneidenswert. Immerhin steht für die Solistin in wenigen Tagen die erste richtig große Rolle an – und dann gleich die Tatjana, die John Cranko in seinem Ballett „Onegin“ wie in einem Zweikampf dem Hochmut des Titelhelden aussetzt.

 

Ein schwärmerischer Teenager reift nach einer Demütigung zur starken Frau: Das ist die Rolle im Stuttgarter Ballettrepertoire, die Tänzerinnen am meisten herausfordert. Auch Agnes Su hatte sie auf ihrer Wunschliste, seit sie vor acht Jahren, da war sie noch an der Cranko-Schule, zum ersten Mal das Ebenbild von Sue Jin Kang in der berühmten Spiegelszene gab.

Sie hat sich eine jugendliche Neugierde bewahrt

Als Schülerin und auch später als Elevin, erinnert sich Agnes Su, sei sie auf der Bühne enorm nervös gewesen. „Ich war so fokussiert auf die Musik, auf meine Schritte, dass ich mich anschließend kaum noch an den Moment des Auftritts erinnern konnte. Mit der Erfahrung wächst zum Glück auch das Vertrauen in die eigene Kunst.“

Was sich die heute 25-Jährige aus dieser Zeit bewahren konnte, ist jugendliche Neugierde. „Wenn man jung ist, macht man einfach und quält sich nicht so sehr mit Selbstzweifeln“, sagt Agnes Su. Diese Furchtlosigkeit führte dazu, dass sie schon bei den Jazztagen im Theaterhaus mit dem Quartett um den Saxofonisten Magnus Mehl improvisierte – und dass sie eine Tänzerin ist, auf die sich Choreografen gern verlassen.

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So kennt das Ballettpublikum das zierliche Energiebündel vor allem aus vielen Neukreationen. In einer zehnköpfigen Männerriege war Agnes Su etwa in Marco Goeckes „Lucid Dream“ ein Hingucker. Hellwach ihre Gesten, anrührend ihr versöhnliches Versinken in einem Pas de deux nach einem Aufruhr der Körper. Auch Andreas Heise setzte auf diese Tänzerin, die er in „Lamento“ effektvoll aus dem Dunkel steigen ließ.

„Ein guter Tänzer ist wie ein Cocktail“, erklärt die Solistin, warum die Wahl häufig auf sie fällt. „Es braucht viele Zutaten, ein perfekter Körper, schöne Linien machen nur einen Teil aus. Wichtig ist auch, wie man arbeitet, wie man Musik hört. Es macht mir einfach wahnsinnig viel Spaß, gemeinsam etwas aufzubauen, mitzudenken und kreativ zu sein“, sagt die Tänzerin. Neben der guten Stimmung im Ballettsaal schätzt sie das Vertrauen und den Respekt, den Künstler ihr entgegenbringen.

Wie die Kalifornierin nach Stuttgart kam

Die Vorliebe für Modernes hat die aus Kalifornien stammende Amerikanerin chinesischer Abstammung auch nach Stuttgart geführt. Nach einem erfolgreichen Wettbewerb hätte die damals 14-Jährige ebenfalls Stipendien für die Schule des Royal Ballet in London und des American Ballet Theatre in New York annehmen können. Cranko-Schule und Stuttgarter Ballett, so die Empfehlung von Agnes Sus Mutter, würden besser zu ihr passen.

„Sprich im Geist mit dir selbst!“, so der Tipp von Reid Anderson

Bereut hat Agnes Su die Entscheidung nicht, auch wenn sie zu Beginn schlimmes Heimweh plagte. „Stuttgart ist, was Größe und Klima angeht, einfach perfekt“, schwärmt sie heute. „Alle meine Freunde sind hier. Ich fühle mich sehr wohl und bin gut vernetzt.“

Volle Aufmerksamkeit hat Agnes Su am Sonntag bei ihrem Tatjana-Debüt. Die Vorstellung ist ausverkauft, auch die Eltern der Tänzerin werden im Publikum sitzen. Bis Weihnachten wollen die Sus bleiben, vielleicht gibt es bis dahin ja noch Gelegenheit, die Tochter in „Dornröschen“ beim nächsten großen Debüt und als Aurora von der klassischen Seite zu erleben.

Doch zuerst steht sie an der Seite des wenig prinzenhaften Onegin im Rampenlicht. Während andere Tänzerinnen sich über die Rolle von Tatjanas Schwester der großen Partie annähern, ist Agnes Su kein Anlauf gegönnt. „Ich stand oft in der Warteschlange für die Olga, aber immer kam etwas dazwischen“, sagt die Tänzerin und tröstet sich damit, dass ihr die Nachdenklichkeit der Tatjana vielleicht besser liege als die Aufgekratztheit der Olga.

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Sicher fühlt sich Agnes Su dank eines erfahrenen Partners. „Jason Reilly hat bereits den Onegin mit Sue Jin Kang getanzt, als ich ihr Spiegel-Double war; jetzt bin ich die Tatjana“, sagt die Tänzerin und lacht. Mit ihm können die vier komplizierten Hebungen, die John Cranko in die Pas de deux eingebaut hat und bei deren angedeuteter Demonstration Agnes Su nun doch etwas nervös wird, eigentlich nur gelingen.

Wie füllt man Puschkins Drama nur über Mimik und Gesten mit Leben? „Reid Anderson hat mir den Tipp gegeben, im Geist mit mir selbst zu sprechen“, verrät Agnes Su, die sich daneben auf Lektüre und Lebenserfahrungen verlassen will. Als Tänzerin weiß sie, was die großen Cranko-Rollen im Stuttgarter Repertoire bedeuten. „Mit diesen Stücken bin ich groß geworden“, sagt die junge Frau. „Sie sind die DNA der Kompanie.“

Vom Pazifik an den Neckar

Tänzerin
Agnes Su, die aus Newport Beach stammt, hat ihre Ballettausbildung in ihrer kalifornischen Heimat begonnen. 2010 kam sie nach Stuttgart an die Cranko-Schule, ihren Highschool-Abschluss machte sie nebenbei im Fernstudium. Seit 2013 tanzt sie für das Stuttgarter Ballett, erst als Elvin, seit 2019 als Solistin.

Choreografin
Die Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln gab 2019 mit „White Light“ ihr Debüt als Choreografin bei einem Noverre-Abend. Im Oktober 2020 schuf sie mit „Resonanz“ das erste Stück im Auftrag der eigenen Kompanie für den Ballettabend „Response II“.

Debüt
An diesem Sonntag gibt Agnes Su ihr Debüt als Tatjana in der Abendvorstellung (19 Uhr) von „Onegin“ an der Seite von Jason Reilly. Am Nachmittag (14 Uhr) sind die beiden Ersten Solisten Rocío Alemán und Martí Fernández Paixà erstmals in den Hauptrollen zu sehen. Beide Vorstellungen sind ausverkauft. ak

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