Stuttgarter Ballett So tanzen die jungen Choreografen

Angelina Zuccarini hebt ab in Martino Semenzatos Noverre-Debüt „Notes for Peace“. Foto: Stuttgarter Ballett/SB

Coronavirus und Quarantäne haben die Zahl der Beiträge des neuen Noverre-Abends reduziert. Im Schauspielhaus kann vor allem ein Anfänger überzeugen.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Vor dem letzten Stück des neuen Noverre-Abends bleibt es so lange dunkel im Schauspielhaus, dass Gastgeberin Sonja Santiago zum Mikrofon greifen muss. „Alles okay, nur der Vorhang geht nicht hoch.“ Mit Blick auf die Weltlage will man das auf keinen Fall als schlechtes Omen sehen, eher als eine der behoben geglaubten Macken der Bühnentechnik. Denn Martino Semenzatos Uraufführung heißt „Notes for Peace“, und Anmerkungen zum Frieden kann’s nicht genug geben in Zeiten des Kriegs.

 

Vor dem Finden steht das Suchen

Doch das Warten auf den fünften Beitrag zum Choreografen-Jahrgang 2022 lohnt sich. Denn dem jungen Stuttgarter Gruppentänzer gelingt eine so locker hingetupfte Begegnung, wie es die blauen Pinselstriche auf den weißen Hemden der vier Tänzer schon andeuten. Sie erzählen davon, wie vier Menschen in Eintracht aufeinandertreffen, einander begleiten, sich trennen – bis einer am Boden liegt. Doch auch da findet das Quartett eine Lösung – und immer wieder einen unerwarteten Kick.

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Dass das Suchen vor dem Finden steht, zeigt Martino Semenzato in seinem Noverre-Debüt. Der Entstehungsprozess scheint cool durch und deutet an, was für ein Glück es ist, jung und ein Tänzer in Stuttgart zu sein. In den anderen vier Beiträgen klingt dann eher die Last des Menschseins an. Timoor Afshar eröffnet mit seinem inzwischen dritten Noverre-Stück den Reigen. „Zeitorgan“ geht auf den Spuren von Thomas Manns „Zauberberg“ der Frage nach, wie unser Körper Zeit wahrnimmt. Sechs Tänzer lässt er dafür eine rote Schnur als Kreis auslegen und darin mal mit kaum spürbarer Verzögerung, mal mit beschleunigten Ausschlägen agieren. Obwohl der rote Faden sichtbar auf der Bühne liegt, wollen sich die einzelnen Momente nicht zum Ganzen fügen – und müssten eigentlich auch nicht. Doch die Kostüme deuten ebenso eine Erzählung an wie der metallische Maschinensound. Wie der Tanz seine eigenen Impulse setzt, ist allerdings sehr souverän gelöst.

Aus täglichem Getriebensein wird Show-Tanz

Bewegungsimpulse am Fließband schenkt dagegen Adrian Oldenburger seinen sieben Tänzern: „Better late than never“ walzert mit Johann Strauß Jr. im Pferdchensprung über die Bühne. Das dritte Stück des amerikanischen Gruppentänzers zeigt Menschen im täglichen Getriebensein. Mit anzugtragender, neoklassischer Eleganz fangen sie Aktenkoffer, hetzen zur Nachtruhe – und finden zu wenig Zeit für die schönen Dinge. Oldenburgers Gruppe hat zwar viele vorhersehbare Showeffekte – macht aber immerhin eine Frau im Nadelstreifenanzug zur Taktgeberin. Denn in der durch Virus und Quarantäne in diesem Jahr dezimierten Choreografenriege fehlt leider eine weibliche Stimme.

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Anreisen konnten Sasha Riva und Simone Repele. Das Choreografen-Duo inszeniert im Trio mit Yumi Aizawa zu Schuberts Streicherhit „Der Tod und das Mädchen“ die Schwellen am Anfang und am Ende eines Lebens. Denkt man sich die Tänzerin in urbaner Clubwear statt in Häubchen und vergisst die Überdosis Pathos, mit der hier die Windmaschine Kleid und Emotionen in Wallung bringt, dann könnte „La jeune fille et les morts“ überzeugender von den Verführungen des Lebens und des Tods erzählen.

Getanzte Hommage an die Brüderlichkeit

Die Stuttgarter Erstaufführung von Alessandro Giaquintos beim „Blick hinter die Kulissen“ vorbereiteten Duetts machte den Abend komplett. Den japanischen Titel „Yasuragi no chi“ erhielt das Stück für die Premiere beim Tokio-Gastspiel im März. Der sichere Hafen, auf den er anspielt, meint die enge Beziehung zweier Menschen. Mit nackten Oberkörpern lassen Giaquinto und Henrik Erikson die Muskeln spielen, dann sind ihre Bewegungen wie Spiegelbilder. So wird dieses Duett zur Hommage an eine Brüderlichkeit, die auch der Welt draußen gut tun würde.

Info

Bühne
Im Schauspielhaus war der Noverre-Abend „Junge Choreografen“ am 23. und 24. April zu sehen.

Stream
Das Stuttgarter Ballett zeigt nach der Live-Übertragung der Premiere am Samstag den „Junge Choreografen“-Abend als Video on Demand auf seinem Youtube-Kanal und auf der Webseite www.stuttgarter-ballett.de. Für die Nachwuchschoreografen ist die weltweite Plattform eine prima Visitenkarte, die der Ballettsponsor EnBW ermöglicht.

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