Stuttgarter Ballett tanzt Gala Auf den Spuren John Crankos

Beklemmendes Finale: Zum Abschluss der Gala tanzte das Stuttgarter Ballett eine Rekonstruktion von „Spuren“, eines der letzten Ballette John Crankos. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Eine tiefe Verbeugung war die Gala für John Cranko: In 14 Programmpunkten tanzte sich das Stuttgarter Ballett durch sein Werk und zeigt lange nicht Gesehenes.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Mehr als vier Stunden dauerte die Gala, mit der sich das Stuttgarter Ballett am Freitagabend im Opernhaus vor seinem Gründer verbeugte. John Crankos Todestag war der Anlass; 50 Jahre ist es nun her, dass der Choreograf beim Rückflug von einem USA-Gastspiel starb. Nicht unbedingt ein Grund für Feierlaune, deshalb sorgten auch keine internationalen Gäste auf der Bühne für Glamour.

 

Made by Cranko? Dem Publikum der seit langem ausverkauften Gala reichte das als Unterhaltungsgarantie. Mit einer Zeitreise durch Crankos Stuttgarter Jahre, mit der Beschränkung auf seine Werke, Kompanie und Schule war das Programm dem aktuellen Intendanten Tamas Detrich auch Selbstvergewisserung. Wo kommt das Stuttgarter Ballett her? Ein Blick in den Rückspiegel schadet ja nie für die sichere Fahrt nach vorn.

Ein Paar verschwindet im Licht

Das letzte Bild aus dem Gala-Spiegel brennt sich ein: ein Paar, das aus dem Dunkel ins Licht schreitet. So endet Crankos seit 1974 nicht mehr getanztes Ballett „Spuren“, und es liegt heute nah, das schnelle Verglühen seines eigenen Lebens da mitzulesen. Ein Auszug des nur teilweise dokumentierten Stücks wurde mit Hilfe seiner ersten Protagonistin Marcia Haydée, seines Ausstatters Jürgen Rose und einem alten Film für die Gala rekonstruiert. In „Spuren“ gehe es darum, erklärt der Choreograf in einem Einspieler, wie eine aus einem totalitären Regime Geflüchtete die „Gespenster der Vergangenheit“ verdrängen müsse, um in ihrem neuen Leben Fuß zu fassen.

Fallende Umhänge entblößen KZ-Nummern

Fünf Paare zeichnen den gesellschaftlichen Rahmen, vor dem Elisa Badenes, Friedemann Vogel als ihr Begleiter in der Gegenwart und Martí Fernández Paixà als eines der Opfer zeigen, wie Cranko Seelenqualen in kantigen Tanz fasste. Als die Kahlgeschorenen im Hintergrund ihre Umhänge fallen lassen und KZ-Nummern auf dem Rücken entblößen, ist die Beklemmung wahrscheinlich kaum kleiner als bei der Premiere 1973. Im Jahr, in dem Pina Bausch ihr Tanztheater-Ensemble gründete, suchte auch Cranko nach einer gegenwärtigen Tiefe.

Einen ähnlich anrührenden Moment bot das Mammutprogramm gleich zu Beginn. 14 Mädchen der Cranko-Schule sitzen beim Auftakt von „Etüden“ auf dem Boden; die freudige Erwartung dessen, was kommt, zaubert einigen ein ansteckendes Lächeln ins Gesicht. Cranko lag die Schule am Herzen. Wie man in seinem Sinn nicht nur den Körper, sondern auch den Geist entwickelt, skizziert eine lebendige Abfolge von Bravourstückchen, von einer Klasse zur nächsten weitergereicht, bis der 120-köpfige Nachwuchs komplett auf der Bühne ist.

Cranko unterstrich das Individuelle seiner Tänzer

Im direkten Vergleich dazu wirkte das klassische „Defilée“ der Kompanie, von Tamas Detrich über eine Showtreppe herab inszeniert, fast ein wenig blutleer. So gesichtslos sah John Cranko seine Tänzerinnen und Tänzer zum Glück nie, selbst „Party-Pieces“, wie er seine Gala-Stücke nannte, schaffen Platz für Individualität und überraschende Wendungen. „Salade“ etwa, an diesem Abend vom Nachwuchs getanzt, gibt zu jazziger Musik von Milhaud jedem der vier Beteiligten unter den putzigen Planetenhauben eine eigene Farbe – und dem Ganzen viel Witz. Crankos Humor, das beweisen auch Auszüge aus „Pineapple Poll“, „Brouillards“ und „The Lady and the Fool“, ist eine besondere Gabe, welche die Stuttgarter Tänzer zur Freude des Gala-Publikums in allen Schattierungen zum Glänzen bringen.

Wie kommt die Tänzerin nach oben?

Lehrreich war die Cranko-Chronologie in 14 Kapiteln gerade beim Blick auf seine Gala-Duette: vom angestrengten Kraftakt entwickelten sie sich zur heiteren Verbeugung vor dem Tanz und der Gemeinschaft, die er bedeutet. Die 1964 entstandene „Hommage à Bolschoi“, souverän gestemmt von Jason Reilly und Elisa Badenes, könnte man auch als Abhandlung der verschiedenen Arten beschreiben, wie ein Tänzer seine Partnerin nach oben bringt und dort hält. „Aus Holbergs Zeit“, drei Jahre jünger, verpackt seine Bravour in ein leichtes Stück Tanz, durch das Veronika Verterich und Martí Fernández Paixà wie ein Sommerwind rauschen. In „Legende“ zollte Cranko 1972 nochmals dem russischen Ballett Respekt; Jason Reilly und Anna Osadcenko lassen im Fluss des Tanzes Schweres leicht erscheinen. Ob Ein-Hand-Popo-Lift oder Ballerinen, die sich im Herabgleiten drehen und die Luft mit ihren Beinen wie Scheren schneiden: Crankos Tricks kennt man nach diesem Abend.

Rares wie der Pas de huit aus „Nussknacker“ oder „Opus 1“, dieser Lebenstanz in elf Minuten, sind das Salz in diesem Gala-Menü; Auszüge aus Crankos großen Balletten so etwas wie die Sättigungsbeilage, die nicht fehlen darf. Geschichten zu erzählen, Gefühle und Beziehungen in Tanz auszudrücken, ist schließlich Crankos bestes Erbe; es wird in Stuttgart von einer Tänzergeneration zur nächsten weitergereicht: David Moore und Anna Osadcenko bringen „Romeo und Julia“ und ihre erste Verliebtheit zum Schweben; Elisa Badenes und Friedemann Vogel stürzen sich im „Onegin“-Spiegel-Pas-deux in schwindelerregende Jungmädchen-Träume, Gabriel Figueredo lässt einem den Atem stocken beim Blick in Lenskis Seele, Ciro Ernesto Mansila macht mit virilem Auftrumpfen, Agnes Su mit weiblichem Überdruss daran die „Widerspenstige“ zum aktuellen Charakter.

Cranko feierte den Sinn für Gemeinschaft

Klug hat Tamas Detrich diese Szenen ausgewählt, temporeich Übergänge gestaltet; das Staatsorchester bereitet unter Mikhail Agrest und Wolfgang Heinz dem Tanz einen opulenten Klangteppich. Für den einzigen Misston sorgte der Intendant selbst, als er in seiner Ansprache die unbestrittene Exzellenz seiner Kompanie über die der Musiker stellt. Beim Blick in den Rückspiegel müsste ihm klar sein: Dem Stuttgarter Ballett gelingt nur im Einklang mit dem Orchester Bestleistung. Es ist dieser Sinn für Gemeinschaft, den John Cranko in Stücken wie „Initialen“ feierte.

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