Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf den Vögeln – was wenig verwunderlich ist, schließlich ist sie am Stuttgarter Naturkundemuseum Kuratorin für Ornithologie. Regelmäßig im November und Dezember, dem madagassischen Frühsommer, untersucht sie in verschiedenen Lebensräumen des Gebiets Vögel. „Frühmorgens, wenn die Fledermäuse wieder in ihren Tagesquartieren sind, stellen wir unsere Netze“, sagt sie. „Da tropft es noch überall, und die Blutegel sind in froher Erwartung, Beute zu machen“, fügt sie lächelnd an. Die Egel sind nichts für schwache Nerven, weil sie sich bei einer Wanderung durch den nassen Wald überall festsaugen. Auch die andauernde Feuchtigkeit geht an die Substanz: „Die Kleider zu trocknen, ist gar nicht so einfach – wir hängen die Wäsche eben immer dorthin, wo gerade die Sonne am Boden ankommt.“
Wenn die Biologen mit ihren Netzen Vögel fangen wollen, darf es allerdings nicht regnen, weil dann die Fangeinrichtungen durch die anhaftenden Tropfen gut sichtbar sind. Bei trockenem, windstillem Wetter stehen die Chancen gut, dass sich Vögel in den feinen Maschen verheddern. Vorsichtig werden sie dann befreit und in einen Stoffbeutel gesteckt. In der Beringungstation folgt die Routinearbeit: Um eines der dünnen Beinchen wird ein Ring mit einer Nummer gelegt, die das Tier kennzeichnet. Über die Jahre hinweg fangen die Forscher immer wieder Vögel, die sie schon früher beringt haben. So können sie interessante Schlussfolgerungen über wandernde wie auch gebietstreue Tiere ziehen – und sagen, wie alt sie werden.
Blut aus der Flügelvene
Im Labor des Dschungelcamps werden die Vögel außerdem gewogen, ihre Körpermaße sowie der Gesundheitszustand protokolliert. Ebenso entnimmt Friederike Woog Blut aus den Flügelvenen. Diese Proben stellen die Grundlagen für weitergehende Forschungen dar. Aus den Blutproben etwa lässt sich ableiten, welche Blutparasiten, beispielsweise die Erreger der Vogelmalaria, die Vögel in Madagaskar haben und ob diese nur lokal oder sogar weltweit vorkommen. Auch welche Mücken diese Blutparasiten übertragen, wurde bereits von Forschern in Friederike Woogs Arbeitsgruppe untersucht. Dabei entdeckten sie sowohl neue Mückenarten als auch neue Blutparasiten.
Ausgezupfte Vogelfedern liefern ebenfalls interessante Informationen, wenn man sie genauer untersucht. Spezialisten messen, wie hoch die Konzentration der verschiedenen Varianten des Kohlenstoff-Atoms sind. Daraus wiederum lassen sich Rückschlüsse ziehen, wo der betreffende Vogel sich bevorzugt aufgehalten hat, als die Feder im Zuge der Mauser gewachsen ist. Im dichten Regenwald oder im offenen Agrarland? „So können wir Aussagen über die unterschiedliche Lebensweise und Lebensräume zweier Vogelarten machen, die sich äußerlich kaum voneinander unterscheiden“, sagt Friederike Woog. Es gebe zum Beispiel zwei Newtonia-Arten, die zu den Vangawürgern gehören. „Sie ernähren sich zwar ganz ähnlich, gehen sich aber aus dem Weg, indem sie unterschiedliche Lebensräume nutzen.“ Die eine Art hält sich bevorzugt im offenen Wald sowie in den Baumwipfelregionen auf , die andere dagegen im Unterholz. Die Vangawürger kommen nur auf Madagaskar und den benachbarten Komoren vor – und sie faszinieren die Forscherin: „Diese Vogelfamilie weist eine noch stärkere Differenzierung auf als die berühmten Darwinfinken auf den Galapagos-Inseln.“
Strapazen im Dschungelcamp
Wenn Friederike Woog über solche Forschungsergebnisse berichtet, ist ihre Begeisterung nicht zu überhören. Und ihre Neugier: „Über die Tiere, die hier in Europa leben, ist schon so viel bekannt. In den Tropen ist das ganz anders.“ Was nicht heißen soll, dass sie die Forschung in Stuttgart vernachlässigt: Seit Jahren verfolgt sie beispielsweise intensiv das Leben der Graugänse im Mittleren Neckartal und beobachtet in jüngster Zeit gespannt, wie sich die Koexistenz von Graugänsen und den sich stark ausbreitenden Nilgänsen entwickelt.
Eine weitere Motivation, immer wieder die Strapazen des Forschungscamps auf sich zu nehmen, ist die Zusammenarbeit mit den Madagassen. „Da haben sich im Laufe der Jahre feste Freundschaften entwickelt“, sagt Friederike Woog und schwärmt von den „vielen hilfsbereiten, freundlichen Menschen.“ Es sei wichtig, auf das Wissen der lokalen Bevölkerung zu bauen, etwa bei der Auswahl der Beobachtungsflächen.
Beim Transport der Ausrüstung in den Regenwald sind die Forscher ebenso auf die Unterstützung der Einwohner angewiesen wie beim Unterhalt der Forschungsstation. Träger, Führer, Köchin, Wächter: Da werden viele Helfer gebraucht. „Die Jobs für die Forschung oder für die Führung von Touristen stellen oft die einzige Einnahmequelle dar und werden unter den Familien des Dorfes so verteilt, dass jeder etwas davon hat“, sagt Friederike Woog. Dabei macht sie keinen Hehl daraus, dass das Leben im Forschungscamp manchmal ziemlich hart sein kann und es immer wieder Rückschläge gibt – etwa nach einem heftige Zyklon, der die Infrastruktur zerstört hat. Oder wenn die politischen Verhältnisse mal wieder angespannt sind.
Die Ratte ist immun
Weil seit einigen Jahren immer mehr internationale Gruppen in diesem wissenschaftlich reizvollen Gebiet aktiv sind, erlebt die Erforschung einen beeindruckenden Aufschwung und kann so einen wichtigen Beitrag zum Schutz der bedrohten madagassischen Tier- und Pflanzenwelt liefern. Jüngstes Beispiel ist eine aus Asien stammende giftige Krötenart: Ähnlich wie die vor Jahren in Australien eingeschleppte Aga-Kröte, die dort heimische Tiere bedrängt, könnte die Schwarznarbenkröte Madagaskar vor große Probleme stellen.
Ein internationales Forscherteam hat nun gezielt im Erbmaterial von 77 madagassischen Tierarten untersucht, wie diese Tiere mit dem Gift der Kröte zurecht kommen könnten. Auch Friederike Woog war an der Studie beteiligt, die kürzlich im renommierten Fachblatt „Current Biology“ veröffentlicht wurde. Dabei zeigte sich, dass eine breite Zusammenarbeit von Forschern unterschiedlicher Fachrichtungen unerlässlich ist, um zu fundierten Ergebnissen zu kommen. Mögliche Fressfeinde der Kröte müssen bekannt sein, die Blutproben der verschiedenen Tierarten – darunter 28 Vogelarten – müssen zur Verfügung stehen, und schließlich sind die für die Abwehr des Gifts verantwortlichen Genabschnitte im Erbgut zu analysieren.
Nun lässt sich besser abschätzen, wie bedrohlich die Kröte für die madagassischen Tiere ist. Das Besorgnis erregende Ergebnis: Nur einer Art – der ebenfalls eingeschleppten Ratte – macht das Gift der Schwarznarbenkröte wohl nichts aus. „Und in einigen der Vögel, von denen wir die Blutproben geliefert haben, wurde immerhin eine teilweise Resistenz gegen das Gift festgestellt“, sagt Friederike Woog. Gleichwohl glaubt sie, dass „die invasiven Kröten wahrscheinlich große Auswirkungen auf viele in Madagaskar beheimatete Arten haben werden – was die bestehenden Naturschutzprobleme im Land weiter verschärft“.
Die Biologin will ihre Arbeit im Regenwald fortsetzen. Neues zu entdecken reizt sie dabei genauso wie die Hilfe für den Artenschutz in Madagaskar. Spannend für sie ist dabei, mit Studenten und Wissenschaftlern aus aller Welt zusammen zu arbeiten – was nicht zuletzt auch für das Stuttgarter Naturkundemuseum von Vorteil ist: Denn dadurch ist man in die internationale Forschung eingebunden und profitiert von neuesten wissenschaftlichen Methoden.