Hallo Stuttgart! Würde eine der Gemeinderatsfraktionen bitte so freundlich sein und den Antrag stellen, die Villa Berg in Villa Berg- und Talfahrt umzubenennen! Das träfe es besser. Denn das Auf und Ab, das Hin und Her, das Drunter und Drüber rund um die einstige Prachtvilla, die eigentlich einmal ein Schloss war, spottet jeder Beschreibung.
Seit mehr als 15 Jahren steht die 1846 bis 1853 für den späteren württembergischen König Karl und seine Frau Olga erbaute Villa leer. Die Stadt hatte das im Krieg beschädigte und später von SDR und SWR genutzte Gebäude 2016 von einem Investor erworben – eine richtige Entscheidung, weil die Villa Berg samt ihrem großzügigen Park eine für Stuttgart und speziell für den Stuttgarter Osten buchstäblich herausragende Anlage ist.
Das Projekt hat sich von den Bürgern entfernt
Herausragend war auch das Engagement der Berger Bürger und anderer Stuttgarter für „ihre“ Villa. Der vor vielen Jahren gestartete Beteiligungsprozess hat Vorbildcharakter, weil es in einem gut moderierten Verfahren gelang, höchst unterschiedliche Vorstellungen zu einem Konzept für „Ein offenes Haus für Musik und mehr“ zu verschmelzen, in dem sich viele der Beteiligten mit ihren Wünschen wiederfanden.
Auf diese lange steile Bergfahrt, begleitet von vielen Hoffnungen, folgte jedoch eine ebenso steile Talfahrt. Irgendwann nämlich entfernte sich das Vorhaben weg von den Bürgern und hin zur Stadt, die dem Projekt einen eigenen, kulturpolitischen Stempel aufdrückte. Aus dem niedrigschwelligen Bürgerschlössle für alle entwickelte sich ein hochambitioniertes Kulturprojekt, für das es seinerseits gute Gründe, aber wenig Realisierungschancen gibt, wie sich zu Jahresbeginn in der ablehnenden Haltung der CDU-Gemeinderatsfraktion zeigte.
Die Verzögerung kostet auch Glaubwürdigkeit
Der späte Einspruch ist ärgerlich. Die CDU kommt hinterher „wie die alt Fasnet“, wie man landestypisch sagt, denn bereits im Oktober hatte das mit der Planung beauftragte, renommierte Atelier Brückner seine Entwürfe vorgelegt. Gleichzeitig muss die Stadt sich fragen lassen, ob sich da möglicherweise etwas verselbstständigt hat. 170 Millionen Euro wurden zuletzt für das Projekt veranschlagt, wobei 70 Millionen für die Sanierung der Parklandschaft mit Brunnenanlagen und Tiefgarage angesetzt sind, und 100 Millionen für die Villa selbst – plus Anbauten. Das ist viel Geld, zumal die Stadt gleichzeitig an vielen anderen Stellen gefordert ist. Es dürfte aber noch teurer werden, wenn man weitere Jahre verstreichen lässt. Dazu kommen die Kosten für die Glaubwürdigkeit, die man im Begriff ist zu verspielen. Die Enttäuschung darüber, wie sich die Dinge entwickelt haben, so meint ein langjähriger Streiter für die Villa Berg, werde den Bürgern „noch lange in den Knochen stecken“.
Jetzt muss es darum gehen, die Talfahrt des Projekts Villa Berg zu stoppen. Das Atelier Brückner hat seine Entwürfe bereits eingedampft. In den nächsten Wochen, passend zur Fastenzeit, will die Stadt alle Beteiligten – auch die Bürger – versammeln, um das Vorhaben weiter abzuspecken. Ob und vor allem wann der Gemeinderat die eingefrorenen weiteren Planungsmittel freigibt, ist offen, zumal am 9. Juni ein neues Stadtparlament gewählt wird. Es wäre wünschenswert, die Kandidaten zögen mit einem klaren Bekenntnis zur Villa Berg in den Wahlkampf. Sie muss ja keine Elphi werden, sollte aber auch nicht zu einer Villa Zwerg schrumpfen. Ein Leuchttürmchen, wonach die Stadt sonst gerne Ausschau hält, darf’s schon gerne sein.
Im Übrigen geht es bei der Villa Berg, von der es seit Jahren beschönigend heißt, sie liege „im Dornröschenschlaf“, nicht darum; irgendjemanden wachzuküssen. Nein, hier geht’s ums Wachrütteln, lieber Gemeinderat. Andernfalls steht die alte Villa Berg nicht wieder auf.