An einem eiskalten Wintertag, der keine Gedanken an zurückkehrende Zugvögel als Frühlingsboten zulässt, dringt ein maskulines Grollen durch Stuttgart-Botnang. Aus einer nach Motoröl und Benzin riechenden Doppelgarage rollt eine 92 Jahre alte französische Schönheit heraus. Oh la la! Ihre Karosserie leuchtet azurblau, ihre Felgen wurden einzeln von Hand in einem matten Schwarzton gestrichen. Und über ihrer Motorhaube breitet ein silbern glänzender Pegasus seine Flügel aus.
Am Steuer sitzt ein Mann mit unverwechselbar gelb getönten Brillengläsern, ein schillernder Pfau der Stuttgarter Kulturlandschaft: Michael Gaedt, früherer Frontmann der Kleinen Tierschau, heute unter anderem als Schrauber „Schrotti“ aus der Krimiserie Soko Stuttgart bekannt. „Es vermuten wahrscheinlich die wenigsten, dass ich tatsächlich an alten Fahrzeugen herumschraube“, sagt Gaedt. Doch in Wahrheit steckt im Comedian Michael Gaedt ein besessener Oldtimerfan und Bastler.
Für Gaedt war es keine Liebe auf den ersten Blick
Seine neueste Liebe hat er drei Jahre lang in der Garage bekniet: Ein zigarrenförmiger Sportwagen der Marke Amilcar, dem Gaedt im Februar 2020 auf der Oldtimermesse Retro Classics in Stuttgart erstmals begegnet ist. „Das Auto war in einem furchtbaren Zustand“, erzählt Gaedt. „Wer an dem herumgemurkst hat, hat alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.“ Für Gaedt, 66, war es keine Liebe auf den ersten Blick.
Doch Corona änderte alles. Im März 2020 kam der erste Lockdown. „Da war ich von einem Tag auf den anderen arbeitslos“, erzählt Gaedt: „Keine Galas, keine Filmdrehs, keine Auftritte, keine Tournee.“ In diesem Moment des persönlichen Stillstands erinnerte sich Michael Gaedt an den vermurksten Oldtimer, kontaktierte dessen Besitzer und tauschte seinen VW Bus gegen den französischen Sportwagen.
Für den Motor fuhr er nach Bordeaux
„Das Auto war meine persönliche Corona-Soforthilfe“, sagt Gaedt. „Die Arbeit daran wurde für mich zu einer Form der Meditation und Einsiedelei.“ Zumindest fast. Denn der Comedian fand in seinem Cousin Erwin, der in Botnang lebt, einen Mitstreiter bei der Wiederbelebung des Oldtimers. Die beiden zerlegten das Fahrzeug zunächst in dessen Einzelteile.
Dann begann das Projekt Wiederaufbau. „Wir haben jede Schraube selbst angefertigt, ich habe sogar einige der Bleche selbst gedengelt, den Rahmen abgebeizt, die historische Fahrgestellnummer wieder freigelegt.“ Gaedt schmiedete am Amboss, brachte zahllose Stunden an der Drehbank zu. Als entscheidende Einzelteile nirgends zu bekommen waren, fand Gaedt in Internet einen alten Motor. Der Besitzer lebte in Frankreich. Der Comedian fuhr mit dem Familien-Tesla 28 Stunden nach Bordeaux und zurück, dann war auch dieses Problem gelöst.
Wie sich die Tänzerin während der Fahrt strangulierte
Gaedt klettert über eine Trittstufe aus dem Fahrzeug, der Oldtimer ist nichts für Hüftsteife. Dann legt er vor der Garage selbst ein Tänzchen hin, dreht sich in wilden Verrenkungen: Die Rampensau von der Bühne ist zurück. Dieses Auto ist für Michael Gaedt mehr als ein Fahrzeug, er hat drei Jahre lang nicht nur geschraubt, gedrechselt und geschweißt, Gaedt ist tief in die Zeitgeschichte des Automobils eingetaucht.
Und dabei unter anderem auf die US-Tänzerin Isadora Duncan (1877-1927) gestoßen. Duncan brach mit den Konventionen des klassischen Balletts, revolutionierte den Tanz und liebte schöne Autos. So saß sie eines Tages an der Côte d’Azur als Beifahrerin in einem offenen Amilcar als sich ihr Seidenschal in einer Felge des Sportwagens verfing. Der Schal strangulierte die Tänzerin, die an der Promenade von Nizza im Alter von 50 Jahren einen tragischen Tod fand.
Madonna und ihr Hang zu Mercedes
Gaedt blättert in einem Oldtimerbuch, das die Geschichte des französischen Automobilherstellers einfängt, der gerade mal 18 Jahre lang Autos produzierte, aber die Marke noch heute unter Liebhabern klassischer Fahrzeuge zur Legende macht. Der Comedian erzählt von Musiker Neil Young, der begeistert an Autos schraubte, von Sängerin Madonna, die einen alten Mercedes 560 SL besaß. „Es sind mehr Künstler dem alten Blech verfallen als man denkt.“
Michael Gaedt wuchs in Heubach auf der Schwäbischen Alb auf. „Als Junge auf dem Land hasch nur Mädle kenna glernt, wenn du mobil warsch“, erzählt er. Gaedt war mobil, sammelte auf Schrottplätzen illegal Teile zusammen und bastelte daraus Mofas. Weil er dies mehrfach tat – und sich auch mehrfach erwischen ließ – landete er für zwei Wochen im Jugendarrest in Göppingen.
Schrotti und Gaedt sind einander ähnlich
Seine Leidenschaft für automobile Schätze hat das nicht geschmälert. So wird er bei den am Donnerstag, 23. Februar, beginnenden Retro Classics auf den Fildern bei Stuttgart als deren Markenbotschafter mit dem selbst gebauten Amilcar in die Messehallen einbiegen. Wer Michael Gaedt wirklich verstehen will, sollte die Figur des Mechanikers „Schrotti“ von Soko-Stuttgart kennen, der viel von Gaedts wahrer Leidenschaft in sich trägt: „Ich kann Dir von 20 Meter Entfernung aus jedes Auto benennen, das auf einer Hebebühne steht.“
Die Retro Classics in Stuttgart
Messe
Die Messe Retro Classics zeigt demnächst eine Fülle von historischen Fahrzeugen verschiedener Marken. Die Messe findet vom 23. bis zum 26. Februar in Stuttgart statt. Tickets kosten 20, ermäßigt 15 Euro.
Show
Die Coronapandemie hat Michael Gaedt lange ausgebremst, jetzt geht es für ihn raus aus der Werkstatt und wieder hinauf auf die Bühnen. Unter anderem will er mit seinem Soloprogramm die Porsche-Arena bespielen.