InterviewStuttgarter Elternbeiratsvorsitzende Weshalb der Lehrer keine Respektsperson mehr ist

Lokales: Inge Jacobs (ja)
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Woher kommt das mangelnde Zutrauen?
Das hat auch mit einer ganz allgemeinen Verunsicherung zu tun, was Erziehung ­anbelangt. Es gibt darüber in der Gesellschaft keinen Konsens mehr. Früher war klar, wie das Leben abläuft, man hatte eine Richtschnur, an die man sich halten konnte. Heute liest man zehn Erziehungsratgeber und hat 20 verschiedene Meinungen. Man möchte alles richtig machen. Dazu ­gehört auch, dass wir alle das Gefühl haben, wenn die Kinder nicht supergut ausgebildet sind, dann haben sie im späteren Leben weniger Chancen.
Aber indem Eltern den Kindern alles abnehmen, erreichen sie genau das Gegenteil.
Ja. Sie nehmen den Kindern die Möglichkeit zu wachsen, Hilfe zu holen.
Sind Eltern Kontrollfreaks?
Hm. Wenn ich an meine Töchter denke, ­würde ich sagen: zum Teil schon. Es ist ja auch ganz schrecklich, wenn man plötzlich nicht mehr Bescheid weiß. Deshalb ist auch für die Eltern in der Schule der Abnabelungsprozess so schwierig. Die Eltern ­geben ihr Kind an eine Institution ab, in die sie nur noch in Teilen Einblick haben und die sich im Vergleich zur eigenen Schulzeit sehr verändert hat.
Was hat sich verändert?
Der Unterricht. Die meisten Eltern haben Schule noch als Frontalunterricht erlebt, und der Lehrer hatte immer Recht. Heute gibt es eine viel größere Offenheit, mehr Arbeitsgruppen, Projekte – einen Unterricht, den wir Eltern aus unserer Schulzeit nicht kennen. Das verunsichert auch. Wir können unseren Kindern mit unseren ­Strategien gar nicht mehr helfen.
Der Lehrer ist keine Respektsperson mehr. Begrüßen Sie das?
Es ist zweischneidig. Ich finde es schwierig, wenn Eltern solche Ich-wollt-nur-mal-kurz-was-fragen-Gespräche machen. Zum Arzt geh ich auch nicht einfach so, sondern lasse mir einen Termin geben. Der Respekt vor der Professionalität der Lehrer hat ­abgenommen. Das finde ich schade.
Woher kommt das? Sind die Lehrer schlechter geworden?
Nein, anders. Sie sind nicht mehr die, die klare Ansagen machen. Und sie sagen, ich mache auch Fehler. Es sind andere, offenere und gesprächsbereitere Lehrerpersönlichkeiten. Aber manche Eltern leiten daraus ab: ich kann dich ­zuquatschen, wann ich will. Das ist respektlos – nicht nur gegenüber dem Lehrer, sondern auch gegenüber dem Lernwillen der Kinder, wenn ständig ­jemand kommt und stört.




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