Stuttgarter Filmwinter Lang lebe die Ironie

Von Bernd Haasis 

Gewitzte Kommentare zur Gegenwart und die Möglichkeiten bewegter Bilder zeigt der Stuttgarter Filmwinter, der im Fitz und in der Tri-Bühne eine Heimat gefunden hat.

Poesie der Bewegung: Michel Klöfkorns tanzende Garagentore in „Starescalator“ Foto: Filmwinter
Poesie der Bewegung: Michel Klöfkorns tanzende Garagentore in „Starescalator“ Foto: Filmwinter

Stuttgart - Das Publikum gluckst und giggelt und lacht am Samstag im ausverkauften Fitz, nicht wie sonst über kunstvolles Figurentheater, sondern im Wettbewerb des Stuttgarter Filmwinters. Der Österreicher Thomas Renoldner zum Beispiel verfängt sich auf der Leinwand mit klappernden Augenlidern in Bewegungs- und Sprachschleifen und führt ganz köstlich vor, was bewegte Bilder können – wenn man sie nur lässt. „Don’t know what“ heißt der Kurzfilm, dessen Titel die Moderatorin Nici Halschke prompt als „ein bisschen gelogen“ entlarvt“: Der Künstler räumt ein, drei Jahre an den acht Minuten gearbeitet zu haben.

Nebenan in der Tri-Bühne läuft eine Retrospektive von Michel Klöfkorn, der schon in den 90ern mit Stop-Motion-Technik Garagentore poetisch zum Tanzen brachte, später alpine Szenerien auf Superzeitraffer bannte und das Tosen der Wolken mit Synthesizer-Gedröhn hörbar machte. Solche Filme entfalten ihre ästhetische Kraft nur in der Kinosituation beim kollektiven Staunen und Schmunzeln. Ohne Festivals wie den Filmwinter blieben sie dem Publikum vorenthalten wie manches andere: Die großen Streamingportale haben zum Beispiel keinen Filmklassiker des italienischen Meisterregisseurs Federico Fellini im Programm, der an diesem Montag 100 Jahre alt geworden wäre.

Der Filmwinter rettet, was verloren zu gehen droht

Der lange durch Stuttgart nomadisierende Filmwinter hat unter dem Tagblattturm eine Heimat gefunden bei Gleichgesinnten: Die Intendantinnen beider Häuser, Katja Spiess und Edith Koerber, haben bei der Eröffnung am Donnerstag poetisch umrissen, was in ihren Bühnenräumen Platz findet: Liebe und Hass, Leben und Tod – das ganze Dasein eben, mit allem, was dazugehört. Dazu kommen Partner wie die Stadtbibliothek, wo Miriam Gossing und Lina Sieckmann Filmkulissen aus dem Nähkästchen plaudern lassen, und der Projektraum Ostend, wo das Stuttgarter Künstlerpaar Elin Doka und Andreas Bär mit VHS-Vorführungen eine Videothek alter Schule inszeniert.

Der Filmwinter ist heute auch ein Festival, das rettet, was im Zuge der Digitalisierung verloren zu gehen drohen. 35-Millimeter-Film wird im Theatersaal des Fitz gespielt, einmal gar Super-8: Stefan Möckel zeigt einen Schnipsel vom Flohmarkt, auf dem Senioren zu sehen sind, von denen einer feixend den Zeigefinger schwingt, als er die Kamera entdeckt. „This is a Projection“ heißt ein Kurzfilm der Briten John Wood und Paul Harrison, die an den Charme mechanisch-analoger Dia-Projektion erinnern.

Eine Casting-Persiflage

Ironie gehört seit jeher zur DNA des Filmwinters, und sie überdauert. Die Festival-Pionierinnen Marion Pfaus und Felizia Zeller, die es längst von Stuttgart nach Berlin gezogen hat, entlarven in „Spot ohne Werbung“ den Agentur- und Casting-Betrieb. Das Publikum versteht, gluckst und giggelt und lacht – bei diesem Teil der Bürgerschaft dürfte es den Verführern mit den scheinbar einfachen Antworten sehr schwer fallen, einen Stich zu machen.