Stuttgarter Hausärztin gibt Kassensitz zurück Ist der selbstständige Hausarzt ein Auslaufmodell?

Wandel in der Praxis: Immer weniger Hausärzte sind selbstständig. Foto: dpa/Skolimowska

Der Schritt einer Stuttgarter Hausärztin, die in Zukunft keine gesetzlich versicherten Patienten mehr behandelt, wirft ein Schlaglicht auf den Strukturwandel in den Praxen. Ein Drittel der Hausärzte ist älter als 60 Jahre. Was bedeutet das für die Zukunft?

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Eine Hausärztin aus Möhringen hat genug von dem Druck, der von allen Seiten auf die Praxen ausgeübt wird. Sie gibt ihren Kassensitz zurück. „Sonst gehe ich kaputt“, sagt die Medizinerin und erklärt: „Einzelpraxen überleben das nicht.“ Aber ist das nur ein Sonderfall?

 

Dass ein niedergelassener Arzt seine Kassenzulassung zurückgibt, komme häufig vor, sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Land, Kai Sonntag. Das gelte für jeden Mediziner, der in Ruhestand geht. Dass Hausärzte vor der Zeit ihren KV-Sitz zurückgeben, verzeichne man aber noch immer „eher selten“. Das Ausscheiden wegen des Erreichens der Altersgrenze dürfte aber bald noch alltäglicher werden. Rund 33 Prozent der Hausärzte sind bereits älter als 60 Jahre, im Land sind es 2348 von insgesamt 7053 Hausärzten, in Stuttgart 129 von zusammen 387.

Ähnlich prägend ist, was man die Feminisierung des Arztberufes nennt. „Der Frauenanteil steigt stetig“, sagt Kai Sonntag. So waren schon vor einigen Jahren 60 Prozent der Studienanfänger in Medizin Frauen. Im Land ist die Zahl der Frauen unter den Hausärzten von 2422 im Jahr 2010 auf 3286 gestiegen, plus 36 Prozent. Heute liegt der Anteil der Frauen in den Hausarztpraxen im Land bei 47 Prozent (3286), in Stuttgart bei 48 Prozent (185). Viele haben Kinder, arbeiten in Teilzeit, viele sind als Angestellte tätig.

Ältere, selbstständige Ärzte haben länger gearbeitet als angestellte

Das sind Gründe für den laufenden Strukturwandel bei den niedergelassenen Ärzten, der zwei Charakteristika hat: Immer mehr Ärzte arbeiten als Angestellte, viele in Teilzeit. Wenn etwa ein Hausarzt selbstständig ist, dann nicht alleine, sondern in einer Gemeinschaftspraxis. Dieser Trend habe auch viel damit zu tun, dass „der unternehmerische Aufwand für eine Praxis deutlich gestiegen ist in den vergangenen 20 Jahren“, sagt KV-Sprecher Sonntag. Unter anderem machten viele neue Bestimmungen und die nötige IT-Infrastruktur die Sache komplizierter und teurer.

Diese Entwicklung hat zur Folge, dass heute und in Zukunft zahlenmäßig mehr Ärzte gebraucht werden, weil Abgänge überkompensiert werden müssen. Aus einem einfachen Grund: Ältere, selbstständige Hausärzte mit eigener Praxis arbeiten laut Studien im Schnitt 52 Wochenstunden, angestellte Ärzte 38,5 bis 40 Stunden. Deshalb müssen „zwei niedergelassene Ärzte durch drei nachrückende angestellte Ärzte ersetzt werden“, hatte der stellvertretende KV-Vorstandsvorsitzende Johannes Fechner vor geraumer Zeit im Rat der Stadt erläutert.

Es gibt auch Kritik am Modell Medizinisches Versorgungszentrum

Eine weitere Konsequenz des Wandels: Die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) wächst. Im Land gibt es inzwischen insgesamt 315 solcher Einrichtungen, in Stuttgart 34, Tendenz steigend. „Wir brauchen MVZ-Gründer, die unternehmerische Verantwortung übernehmen“, sagt KV-Sprecher Kai Sonntag. „Denn wir brauchen die Möglichkeit, dass Ärzte im Angestelltenverhältnis arbeiten können.“ Auch der Leiter des Stuttgarter Gesundheitsamts, Stefan Ehehalt, hat kürzlich im Zusammenhang mit dem Mangel an Kinderärzten erklärt, es müssten Modelle geschaffen werden, dass Kinderärztinnen einfach im Angestelltenverhältnis arbeiten könnten.

Doch es gibt auch Kritik am Modell MVZ. Etwa vom Ärzteverband Medi, der investorengetragene MVZ ablehnt, weil in diesen ein hoher „Kommerzialisierungsdruck“ herrsche. Durch hohe Renditeerwartungen würden die ärztliche Qualität und das Patientenwohl gefährdet, hat Medi kürzlich erklärt. Deshalb hat der Verband selbst die Gesellschaft Medi-MVZ gegründet, um die Entwicklung beeinflussen zu können. Zumindest ein MVZ-Projekt von Medi im südbadischen Schopfheim wurde vor Ort aber in einem Medienbericht ebenfalls als „gewinnorientierte Gelddruckmaschine“ kritisiert.

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