Stuttgarter Kammerorchester „Holo Harmonies“ will Grenzen überschreiten

Das Kammerorchster spielt in Baden-Baden, getanzt wird dazu in Prag – die Technik bringt beide zusammen. Foto: Stuttgarter Kammerorchester/Previz

An ein Science-Fiction-Szenario erinnert das neue Projekt des Stuttgarter Kammerorchesters. Für „Holo Harmonies“ sollen mit Musik, Tanz und Animationsfilmkunst zwei Bühnen zeitgleich bespielt werden.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Soll Zukunftsmusik erklingen, muss auch ein kleines Ensemble groß denken. Zwei Orte, die rund 600 Kilometer voneinander entfernt sind, will das Stuttgarter Kammerorchester (SKO) für ein ungewöhnliches Konzert zusammenbringen, und eigentlich auch verschiedene Welten. Die Grenzen zwischen Dies- und Jenseits, zwischen realer und digitaler Präsenz, zwischen begreifbarer und sich entziehender Wirklichkeit sollen verschwimmen, wenn die Stuttgarter Musikerinnen und Musiker mit dem tschechischen Nationalballett zeitgleich zwei Bühne bespielen werden.

 

„Holo Harmonies“ heißt das Projekt, das am 1. Dezember im Festspielhaus Baden-Baden und in der Prager Oper über die Bühne geht und das jeweils abwesende Ensemble per 3-D-Projektion quasi dazubeamt. Wer sich das Konzept von Kammerorchester-Intendant Markus Korselt erläutern lässt, wähnt sich schnell in einem Science-Fiction-Szenario. Doch es ist Teil der sehr gegenwärtigen Digitalisierungsstrategie des Kammerorchesters, das schon im Dialog mit KI musizierte.

Im Niemandsland zwischen Leben und Tod

Der enorme Aufwand für „Holo Harmonies“, unterstreicht Korselt, will auf keinen Fall Selbstzweck sein. „Wir versuchen, mit Hilfe neuer Technik neue künstlerische Ausdrucksformen zu erschließen“, erläutert er die erhofften Effekte für die Kunst. Im Fokus steht mit Schuberts Streicherhit „Der Tod und das Mädchen“ ein Musikstück, das selbst das Niemandsland zwischen Leben und Vergehen erkundet. Ein Prolog und Interludien von Sven Helbig ergänzen die Originalkomposition und setzen auch musikalisch neue Akzente.

Gute Auflösung durch 4K-Technik

Neben den Hologrammen machen Animationen von Moritz Mayerhofer, die zum Teil mit dem Bühnengeschehen interagieren, das Projekt zu einem Gesamtkunstwerk von Musik, Tanz und Projektionen. Jana Günther bringt als XR-Regisseurin all diese Ebenen zusammen und will für eine möglichst eindrucksvolle Erweiterung der Realität sorgen. „Mit der 4K-Technik erhalten wir eine super Auflösung“, verspricht Korselt. Für die Hologramme sei das wichtig, „sonst haben die schnell eine Star-Wars-Optik“. Eine elf Meter breite, fast 80 Quadratmeter große Gazefläche vor der Bühne ist Projektionsfläche, soll aber zugleich gute Sicht auf die tatsächlich präsenten Künstler ermöglichen: das Stuttgarter Kammerorchester musiziert in Baden-Baden, die Tänzerinnen und Tänzer sind in Prag in einer einer von Mauro Bigonzetti konzipierten Choreografie auf der Bühne.

Markus Korselt Foto: SKO/Foto: Wolfgang Schmidt Ammerbuch

„Muss das sein? Vertrauen wir unserer ureigenen Musik nicht mehr? Braucht Schubert diesen technischen Aufwand, um modern zu sein? “, nimmt Markus Korselt mögliche Einwände vorweg und liefert die Antwort gleich mit: „Ganz klar: Nein! Aber es geht uns darum, ein neues Kunstwerk zu schaffen und mit ihm eine Geschichte zu erzählen, in der die Auseinandersetzung des realen Mädchens mit einem metaphysischen Wesen auf einer neuen Ebene spielt.“

Komplizierte Synchronisierung

Diese Dualität soll „ Holo Harmonies“ möglichst ohne Reibungsverluste auf die Bühne bringen. Eine Synchronisierung herzustellen sei richtig kompliziert, verweist Korselt auf das Problem der Zeitverzögerung. Schließlich muss das in Baden-Baden Musizierte nach Prag übertragen werden, wo die Tänzer darauf reagieren – und deren Aktion wieder zurück ins Festspielhaus. „Wir haben zum Glück an beiden Orten eine sehr gute Internetanbindung“, zeigt sich der SKO-Intendant zuversichtlich, trotzdem plagen ihn gefühlt „eine Million Sorgen“, bis am 1. Dezember das von ihm, Jana Günther und Sound-Designer Tobias Scherer konzipierte Projekt endlich über die Bühne geht.

Vier Jahre hat das Team an seiner Realisierung gearbeitet. Von Beginn an war klar, dass eine Institution aus dem Ausland beteiligt sein soll. „Das Projekt soll über Grenzen gehen, ohne sie wirklich zu überschreiten – und trotzdem soll etwas Gemeinsames entstehen“, erläutert Markus Korselt, wie das vom ehemaligen Stuttgarter Solisten Filip Barankiewicz geleitete Tschechische Nationalballett und das Auswärtige Amt als Hauptförderer mit ins Boot kamen. „Es ist eine Kompanie, deren Ästhetik gut zu diesem Projekt passt“, ist sich der SKO-Intendant sicher.

Auch Tech-Freaks kommen auf ihre Kosten

Wichtig ist Markus Korselt, dass „Holo Harmonies“ nicht als Technikevent missverstanden wird. „Es ist ein Musikabend mit Visualisierung durch den Tanz“, betont er. „Obwohl Tech-Freaks auf ihre Kosten kommen werden, ist es ein Projekt, das aus der Musik gedacht ist. Zu erleben ist ein sehr moderner Ballett- und Musikabend.“

Info

Termin
„Holo Harmonies“ kommt am 1. Dezember um 20 Uhr zeitgleich im Festspielhaus Baden-Baden und der Staatsoper Prag zur Uraufführung. Karten zum Preis von 14 bis 70 Euro gibt es telefonisch unter 072 21/30 13-101 und ebenfalls online.

Akteure
Das Stuttgarter Kammerorchester spielt Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ in einer Fassung für Streichorchester und als Uraufführung „Prolog und Interludien zu Schuberts Streichquartett Nr. 14“ des Komponisten Sven Helbig. Das Tschechische Nationalballett tanzt dazu in einer Choreografie des italienischen Schrittmachers Mauro Bigonzetti. Die Animationsregie liegt bei Moritz Mayerhofer, der mit seinem Film „Urs“ schon auf der Oscar-Shortlist stand. Unterstützt wird er beim virtuellen Universum der „Holo Harmonies“ von Jana Günther und Tobias Scherer. Alle drei haben an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert und teilen eine Vorliebe für Produktionen auf technisch neuem Stand.

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