Stuttgarter Kammerorchester und Johannes Fischer im Hospitalhof Tanzmusik mit Schneebesen und Schnapsfläschchen
Beim Stuttgarter Kammerorchester sorgt der Perkussionist Johannes Fischer für Rhythmus und Witz.
Beim Stuttgarter Kammerorchester sorgt der Perkussionist Johannes Fischer für Rhythmus und Witz.
Da haut einer mächtig auf den Tisch: Johannes Fischer (42), geboren in Leonberg, ausgebildet unter anderem an der Freiburger Musikhochschule, begegnet Georg Philipp Telemann, und zwar genau dort, wo dessen „Tafelmusik“ stattfinden soll. Fischer schabt und klopft auf Holz, benutzt Messer, Löffel, Schneebesen und kleine Schnapsfläschchen mit unterschiedlicher Füll-, also Tonhöhe. Ein Spielzeugklavier mischt sich ein. Und Elektronik bringt den Tisch zum Klingen. Hinter dem Schlagzeuger steht das Stuttgarter Kammerorchester, spielt Teile des Zyklus, den Telemann 1733 als Hintergrundmusik für Bankette komponierte: mal original, mal leicht verfremdet oder improvisierend. Fischers „Music for electrified table and strings – a dining experience with Telemann“ ist ein fulminantes Geben und Nehmen zwischen Solist und Orchester. Und es ist eine augenzwinkernde Hommage an den barocken Komponisten. Dessen „Tafelmusik“ besteht aus lauter beschwingten Tanzsätzen, steht also mit gutem Grund am Ende eines Abends, der den Titel „tanzbar“ trägt.
Das Stuttgarter Kammerorchester hat am Dienstagabend in den Hospitalhof geladen. Dort veranstaltet es die Konzerte seiner Reihe „Sternstunde“, in denen es über den Tellerrand der Klassik hinausblickt und auch mal mit ungewöhnlichen Präsentationsformen spielt. So ziehen jetzt die Musiker von hinten ein in den Saal, angeführt von dem Solobratscher, der hier wirkt wie ein Fiddler, der zufällig auf Bach (genauer: auf die Gigue aus dessen erster Cellosuite) gestoßen ist, und dem Solisten des Abends mit einem Tamburin. Wie zwei Rattenfänger wirken Manuel Hofer und Johannes Fischer – das Publikum haben sie sofort im Sack.
Bevor am Ende des Abends der Solist die Leitung übernimmt, steht im ersten Programmteil das Streicher-Kollektiv im Zentrum; Johannes Fischer sorgt für Geleit und rhythmische Profilierung. Sätze aus „The Fairy Queen“ sind dankbares Ohrenfutter und gehen ins Bein. Spannung und Lust im Orchester sind spürbar: Die Musikerinnen und Musiker spielen im Stehen und ergötzen sich und das Publikum an reizvollen Klängen wie zum Beispiel bei den gezupften Pianissimi von Purcells „chinesischer“ Chaconne – ein Geistertanz!
Das 2012 entstandene Stück „rasch“ des Österreichers Wolfgang Mitterer trübt manchem im Saal ein wenig die Laune, weil Substanz und Länge nicht kongruent sind. Die Ausgangsidee ist allerdings hübsch: Johannes Fischer bearbeitet mit Schlägeln, Besen, Händen und Füßen virtuos ein „Drumset“ aus Geigen, Bratschen, Zithern, einem Cello und einer Gitarre und erkundet dabei sozusagen die Hardware der reagierenden Streicherinnen und Streicher, die unter Fischers Händen mehr und mehr zu geschlagenen Objekten werden. Der Rest (siehe oben) ist wirklich Tanz und macht mächtig Laune.