Stuttgarter Kanalnetz wird gewartet Damit Abwasser nicht zum Himmel stinkt

Ein Blick in den gut zwei Kilometer langen Zuckerbergstollen I. Die Röhre, die 1916 in Betrieb genommen wurde, ist in den vergangenen Wochen gereinigt worden. Foto: SES/Jean-Philippe Müller

Die Mitarbeiter der Stadtentwässerung Stuttgart (SES) müssen ein rund 1700 Kilometer langes Kanalnetz inspizieren und reinigen. Momentan werden der Zuckerbergstollen I und II zwischen Bad Cannstatt und Hofen von Unrat beseitigt.

Damit das Abwasser nicht buchstäblich zum Himmel stinkt, ist seit 1874 in Stuttgart ein weitverzweigtes, unterirdisches Kanalsystem entstanden. Es leitet das Wasser in die vier Stuttgarter Klärwerke ab. Die größte Kläranlage steht in Mühlhausen. Allein dort werden täglich bis zu 190 000 Kubikmeter Abwasser aus Stuttgart und den Nachbargemeinden Esslingen, Fellbach, Korntal-Münchingen, Kornwestheim und Remseck gereinigt und dem Neckar zugeführt.

 

Seit Oktober werden die beiden Großkanäle Zuckerbergstollen I und II gereinigt und inspiziert. Beide befinden sich unterhalb des Zuckerbergs zwischen Bad Cannstatt und Hofen. Über den Zuckerbergstollen I wird das Abwasser aus der gesamten Innenstadt, Hedelfingen und Wangen abgeleitet. Abwasser aus Esslingen, Ober- und Untertürkheim sowie dem größten Teil von Bad Cannstatt fließt über den Zuckerbergstollen II zum Hauptklärwerk Mühlhausen.

Stollen liegt in 80 Meter Tiefe

Der Zuckerbergstollen I wurde 1916 in Betrieb genommen und ist knapp zwei Kilometer lang. Der Zuckerbergstollen II ist mit etwa 2750 Meter sogar noch länger und liegt in einer Tiefe von 60 bis 80 Metern. Sein Durchmesser beträgt 2,6 Meter. Baubeginn war im Jahr 2000, Fertigstellung 2004. Durch diese Röhre zwischen dem Neckar-Sicherheitshafen in Bad Cannstatt und dem Hofener Sandfang fließt seitdem das Abwasser von bis zu 500 000 Menschen aus Stuttgart und Esslingen. Hartwig Beiche, damals Technischer Referent der Landeshauptstadt, bezeichnete den Stollen als „eine der Hauptschlagadern des Stuttgarter Entwässerungsnetzes.“

Schicht aus Polyethylen

Enorm waren jedoch mit 17,8 Millionen Euro auch die Baukosten, von denen die Stadt Esslingen 25 Prozent übernahm. Teuer wurde das Projekt, da der Kanal in bergmännischer Bauweise errichtet wurde. Und bei den Bergmännern gilt nun einmal das Sprichwort: „Vor der Hacke ist es duster“. Fast vier Millionen Euro musste die Stadtentwässerung Stuttgart wegen „überraschender, geologischer Störfelder“ zusätzlich investieren. Ein Novum war auch die Bauweise von Stollen Nummer 2: Die Baufirma Züblin baute vor rund 20 Jahren eine vier Millimeter dicke Schicht aus Polyethylen ein und betonierte zwischen Kunststoff und Erde die Röhre. Dadurch wurden rund 500 000 Euro gespart. Der Zuckerbergstollen II ist einer der längsten Abwasserkanäle ohne weitere Zugänge in Deutschland.

Schaufeln werden passgenau hergestellt

Durch die beiden Stollen fließen zusammen etwa 1500 Liter pro Sekunde bei Trockenwetter. Aufgrund ihrer außerordentlichen Längen ohne weitere Zugänge reichen die üblichen Reinigungsverfahren mittels Kanalspülfahrzeug nicht aus. Daher werden die Ablagerungen in den beiden Stollen mit einer speziellen Schaufel entfernt, die an einem Radlader angebracht wird. Die Schaufel ist eine Sonderanfertigung und wird für jeden Stollen passgenau hergestellt.

Bisher wurden rund 200 Tonnen Räumgut aus dem Stollen I entfernt. Im zweiten Stollen werden nochmals 300 Tonnen erwartet. Das Räumgut besteht überwiegend aus Sand und wird von einer Recyclingfirma aufbereitet. Ende Januar sollen Inspektion und Reinigung der beiden Zuckerbergstollen abgeschlossen sein.

Insgesamt 1700 Kilometer Leitungsnetz

Weitere Klärwerke gibt es in Möhringen (reinigt täglich bis zu 19 000 Kubikmeter Abwasser aus den Stadtteilen Vaihingen, Dürrlewang, Rohr und Möhringen sowie Leinfelden-Echterdingen), Plieningen (täglich 18 500 Kubikmeter Abwasser aus Stuttgart sowie Leinfelden-Echterdingen, Ostfildern-Kemnat sowie dem Flughafen und der Messe Stuttgart) und Ditzingen, das als Gruppenklärwerk täglich rund 18 000 Kubikmeter Abwasser aus den Stadtteilen Weilimdorf und Giebel sowie den Städten Ditzingen, Gerlingen und Korntal-Münchingen reinigt. Zusammen mit einem System von rund 100 Anlagen zur Regenwasserbehandlung sorgt das Kanalsystem dafür, dass selbst bei einem kräftigen Wolkenbruch kein stark verschmutztes Abwasser in die Bäche und in den Neckar gelangt.

Sammelleitungen und Hauptsammler umfassen insgesamt rund 1700 Kilometer, was etwa einer Strecke von Stuttgart bis Istanbul entspricht. Und dieses riesige Kanalnetz muss regelmäßig gereinigt und auf seine Funktionstüchtigkeit geprüft werden. Indem Ablagerungen entfernt werden, wird auch die Durchflussgeschwindigkeit erhöht. Das Abwasser bleibt nicht lange in den Kanälen, sodass weniger unangenehme Gerüche entstehen. Den Gestank verursacht vorrangig Schwefelwasserstoff – ein Gas, das nach faulen Eiern reicht und sich durch biologische Prozesse bei Sauerstoffmangel bildet.

Daten, Zahlen, Fakten

Eigenbetrieb
Die Stadtentwässerung Stuttgart (SES) ist ein Eigenbetrieb der Landeshauptstadt Stuttgart und untersteht der Aufsicht des städtischen Tiefbauamts. Er wurde am 1. Januar 1995 gegründet. Bei der SES, die sich ausschließlich aus Gebühren, Entgelten und Beiträgen finanziert, arbeiten rund 300 Menschen.

Kanalnetz
Neben dem rund 1700 Kilometer langen Kanalnetz verfügt der SES über 51 Regenrückhaltebecken, 81 Regenüberlaufbecken und 32 Abwasserpumpwerke. Jedes Jahr werden 645 Kilometer Kanäle gereinigt und 174 inspiziert. An den Becken gibt es 805 Wartungen, an den Pumpwerken 990. Inspektionen zählt die SES jährlich 2180, beseitigte Störungen 1187.

Hotline
Rund 700 Störmeldungen von BürgerInnen gehen pro Jahr bei der SES ein. Die meisten (mehr als 200) betreffen verstopfte Straßenabläufe, nasse Keller (rund 80) verstopfte Grundleitungen (60) und Geruchsbelästigungen (etwa 50).

Kosten
Jährlich müssen zur Bestandserhaltung des Kanalnetzes Investitionen von rund 20 Millionen Euro aufgewendet werden, zusätzlich zu den laufenden

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