Stuttgarter Künstler feiern Frau Blum Ein Sexshop will raus aus der Schmuddelecke

Von Uwe Bogen 

Was macht das Leben lustvoller? Wie kommt Glamour in den Alltag? Tipps zum Steigern der Genussmomente haben Künstlerinnen und Künstler gegeben, die der Erotik-Boutique Frau Blum zum fünften Geburtstag eine Show schenkten.

Fanny di Favola bei ihrem Auftritt zum fünften Geburtstag der Erotik-Boutique Frau Blum. Foto: Alexandra  Klein 9 Bilder
Fanny di Favola bei ihrem Auftritt zum fünften Geburtstag der Erotik-Boutique Frau Blum. Foto: Alexandra Klein

Stuttgart - Dem Internet ist Oliver Lozano sehr dankbar. „Wenn ich mich durchklicke“, sagt der Werbefotograf, „weiß ich, dass ich nicht der einzige Perverse auf dieser Welt bin.“ Auf der kleinen Bühne der Erotik-Boutique Frau Blum im Stuttgarter Westen steht der Glatzkopf und rät seinen Geschlechtsgenossen, was zu tun ist, um die Zahl der Streicheleinheiten zu erhöhen: „Wenn du deine Glatze frisch rasiert hast, wollen dir alle über den Kopf fahren.“

Im überfüllten Laden hört das Publikum, das kuscheleng auf Bierbänken sitzt, etliche Tipps zur Luststeigerung. Über die „Flaute im Bett“ haben kürzlich Mascha Hülsewig und Alexandra Steinmann, die Inhaberinnen des etwas anderen Sexshops, in der SWR-1-Frühsendung gesprochen – zu einer Zeit, als viele noch am thematisch passenden Ort lagen, also im Bett. Die Schulfreundinnen, die vor fünf Jahren beschlossen haben, gemeinsam noch mal was Neues zu starten und die Erotik zu ihrer Geschäftsidee machten, werden immer öfter als Sexpertinnen eingeladen. An diesem Dienstag etwa sind sie Live-Gäste der „Landesschau“ im SWR-Fernsehen. Ihre Arbeit bringt es mit sich, dass die beiden was auf Lager haben (vielleicht sogar im Ladensortiment), um aus einem altgedienten Ehehafen die Windstille, die Flaute, zu nehmen.

Ines Witke liest aus ihrem neuen Erotik-Roman

Helfen Dildos und Dessous, verloren gegangene Leidenschaften zurückzuholen? Eine für alle gültige Antwort gibt es nicht, weiß Mascha Hülsewig. Missionieren will sie nicht. „Jeder muss selbst erkennen, was gut für ihn ist“, sagt die frühere Pressesprecherin des Friedrichsbau Varietés, „wenn ein Paar ohne Sex glücklich ist, dann ist das auch gut.“

Sex- und Vergnügungszwang, wie beruhigend, besteht also nicht. An diesem Abend werden die beiden Blums (mit ihrem Blümchen, einer neuen Mitarbeiterin) zum fünften Geburtstag des Ladens mit einer lustvollen Mixed Show beschenkt. Künstlerinnen und Künstler treten kostenlos auf, um sich dafür zu bedanken, dass „Sexualität aus der Schmuddelecke geholt wird“, wie Autorin Ines Witka sagt, die aus ihrem neuen Erotik-Roman „Mut – Theater der Lust“ Prickelndes liest. Fotograf Lozano ist Kunde des Ladens, weil er mit Obst-Dildos Märchenaufnahmen inszeniert. Kristina Brustik und Frieder Eckert geben Einblicke in die Tantra-Massage. Kabarettistin Sabine Schief führt sehr lustig Auszüge aus ihrem Programm „Sex sells – was willsch macha?“ vor. Anna Breitenbach trägt Gedichte vor. Eines handelt vom männlichen Geschlechtsteil und geht so: „Rein will er, dafür steht er, dafür lebt er.“ Im Separee „Pornö“ werden Sex-Filme einer Regisseurin gezeigt, die anders sind als die gängigen Männer-Pornos und die vor allem Frauen erfreuen sollen.

„Die Brüste zeigen immer nach oben zu Gott!“

Stuttgarts Burlesque-Ikone Fanny Di Favola tanzt und entblättert sich mit sinnlicher Raffinesse. Kollegin Raunchy Rita ruft zur gemeinsamen Glamour-Übung auf. Bitte alle aufstehen! Die Füße so stellen, dass die großen Zehen nahe sind! Brust raus! Die Devise dabei lautet: „Die Brüste zeigen immer nach oben zu Gott!“ An der Wursttheke könne man die Sache wiederholen und somit Glamour in den Alltag bringen. Viele dachten bei der Eröffnung vor fünf Jahren, der Erotikladen überlebt nicht lang. „Heute weiß ich, dass Nachbarn Wetten abgeschlossen haben, wann wir wieder weg sind“, sagt Mascha Hülsewig. Das Internet ist zwar voll mit Sex und Perversität, aber es scheint daneben noch genügend Lust übrig zu sein, sich nicht nur digital zu beglücken. Am schönsten sind Sinnesfreuden halt immer noch analog.

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