Als Genc Kelmendi vor fünf Jahren angeboten bekommt, die Praxis des Ehepaars Scheifele zu übernehmen, weiß er nicht, wo dieses Steinenbronn überhaupt liegt. „Ich dachte, es sei irgendwo bei Heilbronn“, erinnert sich Kelmendi, der damals in einer Praxis in Stuttgart angestellt war. Er nimmt das Angebot an und pendelt seither jeden Tag vom Burgholzhof in den kleinen Ort am Schönbuchrand. Mit dabei ist seine Frau Fatime, die als Praxismanagerin die Fäden in der Hand hat. Sie wären gerne in die Nähe gezogen, sagt Kelmendi, doch seine vier Kinder im Alter zwischen 13 und 22 Jahren hätten ein Veto eingelegt. „Sie sind zu verwurzelt in Stuttgart.“
Corona erschwert den Start
Der Start in Steinenbronn ist schwer, denn kurz nach der Übernahme der Praxis bricht die Corona-Pandemie aus. „Die Angst war groß, die Leute hatten ein mittelalterliches Pestzeit-Gefühl – und ich war der Neue“, sagt Kelmendi. Doch die Anfangssorgen sind längst Geschichte. Seine Patienten kommen aus dem ganzen Umland zu ihm gefahren – nicht nur, aber auch, weil der Mann aus Montenegro sechs Sprachen spricht. Seit der Praxisübernahme ist die Zahl der Patienten von 1150 auf fast 4000 angewachsen.
Und so beginnt Kelmendi bald, größere Räume zu suchen. „Und barrierefrei“, betont der Arzt, denn seine Praxis und auch die seiner Steinenbronner Kollegen seien nur über Treppen erreichbar, was alte und eingeschränkte Patienten sehr belaste – aber auch die Ärzte, die dadurch viele Hausbesuche machen müssten. Eine passende Praxis findet Kelmendi nicht – dafür aber ein geeignetes Grundstück, das er und seine Frau der Gemeinde Steinenbronn abkaufen.
Was Kelmendi plant, ist ein sogenanntes Multiversorgungszentrum (MVZ), in dem Ärzte verschiedener Fachrichtungen praktizieren. Davon entstehen immer mehr, weil Synergien genutzt und Kosten gering gehalten werden. In aller Regel steht ein Investor dahinter. Nicht so in Steinenbronn: „Ich bin Arzt und Investor“, sagt Kelmendi und schmunzelt. Er kenne keinen Mediziner, der so ein Mammutprojekt alleine stemme. „Das ist einmalig.“ Etwa 3,5 bis 4 Millionen Euro soll der Neubau an der Tübinger Straße, Ecke Dornröschenweg kosten. „Es ist mein eigenes Investment, weil ich daran glaube, dass es funktioniert“, sagt Kelmendi. Ein finanzielles Risiko sei schon dabei, klar, „aber deswegen aufzugeben, wäre schade“.
Arzt und Bauherr – wie geht das?
Doch wie kann ein Arzt, der 60 Stunden pro Woche arbeitet, nebenher als Bauherr ein Ärztehaus planen? „Ich delegiere viel Arbeit“, sagt Kelmendi. Das mache er auch in seiner Praxis so, in der er angestellte Ärzte hat und Assistenzärzte ausbildet. Mittwoch- und freitagnachmittags, wenn die Praxis geschlossen ist, trifft er sich mit dem Architekten, mit Energieberatern oder Handwerkern. Auch samstags, nach dem Sport, fährt er nach Steinenbronn und arbeitet für sein Projekt, „nur sonntags nicht“.
Und was treibt ihn an? „Ich mache das aus Leidenschaft“, sagt Kelmendi. Er habe eine Herausforderung gesucht, sagt der Mann, der in seinem Leben schon viele Neuanfänge gewagt hat. Geboren und aufgewachsen ist er in Montenegro, mit 19 Jahren wandert er aus, um „die Welt zu erforschen“. Er lebt in der Schweiz, in Paris und Lyon, später in London. Im Jahr 1991 kommt er nach Deutschland und studiert in Bochum Medizin. Nur Arzt zu sein, sei ihm aber zu wenig. Er komme aus derselben Gegend wie Mutter Theresa, sagt er und zeigt im Behandlungszimmer auf ein Bild, das er von ihr gezeichnet hat. Er wolle der Gesellschaft etwas geben, die medizinische Versorgung verbessern. „Es ist eine Erfüllung für mein Leben. Es ist mein Lebenswerk“, sagt der 57-Jährige. Er schätze die Menschen in Steinenbronn, es sei „ein ganz besonderes Volk hier“. Seine Patienten seien gesünder als jene in Stuttgart, „vielleicht wegen der Luft“, mutmaßt er.
Baubeginn ist in wenigen Monaten
Wenn alles nach Plan läuft, erfolgt im Juni der Spatenstich, im April 2025 soll der Praxisbetrieb starten. Fünf, sechs Jahre will Kelmendi selbst noch im Neubau behandeln, dann sieht er sich im Ruhestand. Zumindest ist das sein Plan, „meine Frau lacht mich aus, wenn ich das sage“. Doch selbst, wenn es ein paar Jahre mehr werden – den Großteil seiner Karriere wird er nicht mehr in seinem Lebenswerk verbringen. „Das ist alles für die nächste Generation“, sagt Kelmendi. „Ich werde vier, fünf Assistenzärzte ausbilden und der Gemeinde hinterlassen. Sein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben, ich glaube, das ist eine göttliche Mission.“
Ein Gewinn für Steinenbronn
Werdegang
Genc Kelmendi wächst in Montenegro auf. 1991 kommt er nach Deutschland und studiert an der Ruhr-Universität in Bochum Medizin, promoviert in Onkologie und Hämatologie. Er arbeitet unter anderem als Facharzt für Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Robert-Bosch-Krankenhaus.
Ärztehaus
Im Februar hat der Gemeinderat grünes Licht für das Projekt gegeben. Kelmendi plant einen viergeschossigen, energieneutralen Bau für fünf Praxen und drei Arztwohnungen. Im Erdgeschoss wird seine allgemeinmedizinische Praxis sein, in der er bis zu sieben Ärzte verschiedener Fachrichtungen anstellen wird. Nebenan wird er einen Kinderarzt anstellen. Darüber vermietet er an einen Zahnarzt sowie an einen Oral- und einen Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen. Wenn die Kassenärztliche Vereinigung einen Sitz freigibt, soll auch eine Frauenärztin einziehen. Wer die Praxen übernimmt, steht fest: „Wir haben alle Ärzte“, sagt Kelmendi, der alle persönlich kennt.