Es ist ein ein sonniger Vormittag auf dem Pausenhof, als Justus Sieling zusammenbricht. Gerade hat sich der 17-Jährige mit einem Mädchen unterhalten, es ist die beste Freundin seiner Partnerin, er denkt: „Die ist ja nett.“ Dann geht es los. Sein Puls rast, er hat schreckliche Angst, Schweißperlen kommen ihm auf die Stirn. Der Jugendliche ist bis zu diesem Tag ein fröhlicher, ein braver Teenager. Ausgelöst wird die Panikattacke, sagt er, damals so plötzlich durch einen Gedanken: Was, wenn ich die Freundin meiner Partnerin attraktiv finde?
Was heute ein bisschen lustig klingt, jedenfalls kein lebensbedrohliches Problem darstellt, ist für den Teenager fürchterlich. Justus Sieling sagt, ihm sei Treue wichtig. Als er ein Kind war, ließen seine Eltern sich scheiden. Weil der Vater eine andere liebte, sagt Sieling. „Daher war das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte, Gefühle für eine andere Frau zu entwickeln und meine Freundin schrecklich zu verletzen.“
Schuldgefühle und stundenlange Grübeleien
Das Kuriose ist: Eigentlich findet Sieling die Freundin der Partnerin gar nicht attraktiv. Das sagt er sich immer wieder. „Aber es hat sich so angefühlt, als könnte es stimmen.“ Den ganzen Tag kann Sieling an nichts anderes denken, bekommt Schuldgefühle, die dazu führen, dass er stundenlang grübelt. Er wacht mit dem Gedanken auf und schläft abends mit ihm ein. Die Sorge liegt ihm zentnerschwer auf der Brust, tagelang.
Justus Sieling sieht ein, er muss sich Hilfe suchen. Seine Familie unterstützt ihn, und er findet eine Therapeutin. Über mehrere Monate hinweg geht sie in Dutzenden Gesprächen auf seine Gedanken ein, diagnostiziert eine Persönlichkeitsstörung – aber Sieling geht es nicht besser. Eigentlich geht es ihm schlechter. Zu dem einen Gedanken kommen weitere: Bin ich vielleicht homosexuell und muss mich daher von meiner Freundin trennen? Bin ich ein Straftäter und erinnere mich nur nicht mehr an die Straftat? Habe ich mich irgendwie unmoralisch verhalten?
Immer wieder macht er seiner Freundin vermeintliche Geständnisse
Für nichts davon gibt es Anhaltspunkte, das weiß Sieling, und für andere klingt es vollkommen verrückt, so viel Zeit über diese haltlosen Befürchtungen nachzugrübeln. Dennoch kann er nicht aufhören, muss immer wieder bei seiner Freundin und der Familie nachhaken: Habe ich mich falsch verhalten? Was glaubt ihr, könnte es sein, dass ich eine Straftat begangen habe? Wenn Sieling in der U-Bahn ein Mädchen im Sitz gegenüber schön findet, fühlt er sich schuldig. Er bekommt Angst mit schwitzigen Händen und muss alles hinterher seiner Freundin gestehen. Die sagt: „Was soll das für eine Beichte sein? Da war doch nichts.“ Das verschafft ihm ein bisschen Erleichterung, auch wenn die meist nicht lange anhält.
Heute weiß Justus Sieling, der mittlerweile 28 ist, damals hat seine Zwangserkrankung begonnen. Die Gedanken waren Zwangsgedanken, das Grübeln darüber und die Rückversicherungen in den Gesprächen, das waren Zwangshandlungen.
Zwangsstörungen sind die fünfthäufigste psychische Erkrankung in Deutschland. Insgesamt nimmt man an, dass etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung daran leiden. Und das sind nur die diagnostizierten Fälle. Bei Männern und Frauen treten diese Störungen etwa gleich häufig auf und beginnen meist im frühen Erwachsenenalter, Männer erkranken in der Regel etwa fünf Jahre früher als Frauen.
Sieling erzählt, in die Selbsthilfegruppe, die er regelmäßig besucht, kämen oft ältere Menschen, die schon seit Jahrzehnten mit den Zwängen lebten, sie teils sogar verstecken könnten, aber darunter stark litten und sich zunehmend isolierten.
Es ist das, was Sieling heute als Katastrophendenken bezeichnet
Justus Sielings Zwänge ließen damals nach dem Abi fürs erste nach, besonders, als er dann studierte. Er war abgelenkt und fokussiert. Doch dann, mit Beginn der Coronapandemie, fing alles wieder von vorne an. Wissenschaftler haben 2021 festgestellt, dass sich bestehende Zwangsstörungen während der Corona-Pandemie mehrheitlich verschlimmerten.
Sieling ist zu dieser Zeit bereits Projektleiter in einem Bauunternehmen. Seine Zwangsgedanken kreisen jetzt auch um Erlebnisse bei der Arbeit. Wenn ein Termin nicht gut gelaufen ist oder er sich mal über einen Kollegen bei anderen beschwert hat, kriegt er es hinterher mit der Angst zu tun. Er fürchtet wieder, etwas falsch gemacht zu haben: Vielleicht spricht der Kollege jetzt mit anderen darüber oder der Betroffene erfährt es? Vielleicht geht es dem ohnehin schon schlecht und Sieling hat ihn noch weiter fertig gemacht. Vielleicht geht der jetzt hier raus und wirft sich vor den nächsten Zug!
Es ist das, was Sieling heute als Katastrophendenken bezeichnet. Wieder geht es ihm sehr schlecht. Wieder hat er ständig Angst, seiner Freundin Unrecht zu tun, redet stundenlang auf sie ein. Die Beziehung zerbricht. Irgendwann denkt er: So halte ich das auf Dauer nicht aus. Heute sagt er: „Ich wollte leben, aber ich wusste nicht mehr, wie.“
Erst wenn ein Leidensdruck da ist, entsteht ein Problem
Zwänge können sich unterschiedlich äußern. Jeder Zwangshandlung, etwa einem Waschzwang oder einer Essstörung, geht ein Gedanken voraus: Meine Hände könnten kontaminiert sein. Kleine Ticks und Rituale kennt jeder, vielleicht auch zwanghafte Gedanken, denen keine Handlung folgt (Was, wenn ich jetzt meine Hand auf die heiße Herdplatte lege?). Ab und zu Gedanken zu haben wie diese oder verschiedene Alltagsrituale einzuhalten ist nicht unbedingt krankhaft, sagen Psychologen. Wenn jemand Türklinken immer nur mit der linken Hand anfasst, muss das nicht problematisch sein. Erst wenn ein Leidensdruck da ist, entsteht ein Problem.
Zwangserkrankte leiden meist sehr stark, manche können nicht mehr arbeiten gehen oder Freunde treffen. „Die eigene Freiheit ist massiv eingeschränkt, man ist auch für andere eine Zumutung, und dann sind da eben immer die Angst und der Druck in der Brust“, sagt Justus Sieling.
Manche Betroffene fragen sich: Warum trifft es ausgerechnet mich?
Psychotherapeuten sind sich oft uneins über den richtigen Ansatz in der Behandlung psychischer Erkrankungen. Bei Zwangsstörungen gilt allerdings als wissenschaftlich nachgewiesen, dass eine Therapievariante besser funktioniert als andere. Ein verhaltenstherapeutischer Ansatz ist meist unmittelbar erfolgversprechender als psychoanalytisch begründete Therapieverfahren. Die aktuelle medizinische Leitlinie zur Zwangsstörung benennt daher verhaltenstherapeutische Verfahren als Mittel der ersten Wahl.
Dennoch stellen sich manche Betroffene die Frage: Warum trifft es ausgerechnet mich? Eine Studie aus dem Jahr 2010 zeigt, dass bei Zwangserkrankungen auch biologische Ursachen eine Rolle spielen könnten, da es oft zu einer familiären Häufung kommt, auch Geschwister oder Eltern betroffen sind. Neurologische Studien aus dem Jahr 2023 beziehungsweise 2019 deuten auf gestörte Stoffwechseltätigkeiten des Gehirns hin und auf Störungen des Serotonin- und Dopaminspiegels. Hinzu kommen Erlebnisse und Erfahrungen aus Kindheit und der Gegenwart.
Justus Sieling wollte nie wissen, warum der Zwang über ihn kam. Er wollte nur, dass er weg geht. Vor drei Jahren bekommt er endlich die Diagnose. Eine neue Therapeutin sagt, er müsse auch lernen, Unsicherheiten im Leben zu tolerieren.
Das gelte ebenso für Angehörige. Die Argumente Zwangserkrankter logisch entkräften zu wollen, könne kontraproduktiv sein, sagt Sieling heute. Denn das Gespräch und die Rückversicherung bei Gesprächspartnern ist für manche die Zwangshandlung, die auf die Gedanken folgt. Es verschafft nur kurz Erleichterung.
Je früher die therapeutische Hilfe, desto besser die Prognose
Zwangserkrankten wird die Konfrontationstherapie empfohlen. Für Justus Sieling bedeutet das, er muss die Gedanken einfach aushalten. Auf die Frage „Habe ich mich vielleicht unmoralisch verhalten?“, gibt es dann nur eine Antwort wie: Kann sein. „Das ist echt sehr hart, man hat ja das Gefühl in der Brust, den Druck und die Angst“, sagt Sieling.
Studien zeigen, je früher Menschen mit Zwangsstörung therapeutische Hilfe bekommen, desto besser sind ihre Prognosen. Sieling wünscht sich, es gäbe mehr Aufklärung, wie Zwangserkrankten geholfen werden kann. Ganz, glaubt er, wird man die Krankheit nie los, doch ein beschwerdefreies Leben sei möglich. Seit einiger Zeit besucht Sieling die Therapeutin nicht mehr, ihm geht es gut. Zwangsgedanken hat er keine. Dafür aber eine neue Partnerin. Seine Geschichte der Zwänge kennt sie.
Weiterführende Informationen
Website
Auf der Website https://www.ocdland.com/ gibt es erste Informationen, Austauschmöglichkeiten sowie Blogs und Podcasts zum Thema.
Hilfe
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/