Stuttgart - In Stuttgart ist in diesen Tagen ein interessantes Phänomen festzustellen: Sobald die Rede auf die Oberbürgermeister-Wahl im November kommt, zu der der grüne Amtsinhaber Fritz Kuhn bekanntlich nicht mehr antreten wird, fallen reflexhaft die Namen anderer Städte: Schwäbisch Gmünd, Backnang, Freudenstadt, Rottenburg, neuerdings auch Winnenden und seit Längerem schon Tengen. Die Einwohnerzahl dieser Orte bewegt sich zwischen 4600 (Tengen) und 61 000 (Schwäbisch Gmünd), entspricht also zwischen 0,8 und 10 Prozent der Einwohnerzahl Stuttgarts. Und doch sind es die Oberbürgermeister und Bürgermeister dieser teils entlegenen Kommunen, deren Namen derzeit am häufigsten als mögliche Stuttgarter OB-Kandidaten genannt werden. Wobei einer schon feststeht: der junge Tengener SPD-Bürgermeister Marian Schreier. Er will es im Alleingang versuchen, weil er für sich den Weg zum offiziellen SPD-Kandidaten verbaut sieht. Die SPD hat diese Rolle für ihren Fraktionschef Martin Körner reserviert.
Kein OB-Kandidat aus den eigenen Reihen
Die Rathauschefs der anderen genannten Städte – Richard Arnold (Schwäbisch Gmünd), Frank Nopper (Backnang), Julian Osswald (Freudenstadt), Stephan Neher (Rottenburg) und Hartmut Holzwarth (Winnenden) – sind in Stuttgart als CDU-Kandidaten im Gespräch oder haben sich ins Gespräch gebracht. Die Größe ihrer Städte sagt nichts über ihre Befähigung aus, Stuttgart regieren zu können, dennoch fragt man sich natürlich: Kann die CDU in der Landeshauptstadt, immerhin 2500 Mitglieder stark, keine OB-Kandidatin oder keinen -Kandidaten aus den eigenen Reihen aufbieten?
Doch, sie könnte. Mit dem Fraktionsvorsitzenden Alexander Kotz und den Bundestagsabgeordneten Karin Maag und Stefan Kaufmann stünden sogar drei Interessenten bereit, wobei es vor allem Kaufmann zur Kandidatur drängt. Die CDU-Findungskommission hat jedoch signalisiert, dass sie eine lokale Bewerbung für wenig chancenreich hält und deshalb einen OB-Kandidaten von außen favorisiert. Ein Fall von politischer Stadtflucht – angesichts der aktuellen CDU-Aufstellung durchaus verständlich.
Wie kommt die Stuttgarter CDU wieder in Form?
Es mag hart klingen, aber es ist ehrlich: Keiner der Lokalmatadore hat die Strahlkraft und die Menschenfängerqualitäten, die es – unabhängig von Stuttgart-Wissen und Verwaltungserfahrung – eben auch braucht, um im grünen Stuttgart den Oberbürgermeister stellen zu können. Die Ergebnisse der Kommunalwahl vom Mai 2019 waren für die Stuttgarter CDU-Granden alles andere als ein Empfehlungsschreiben, was übrigens auch für die SPD gilt. Mit Kaufmann verbindet sich zudem die verlorene OB-Wahl 2012. Als CDU-Kreischef hatte er den Werbeprofi Sebastian Turner als Kandidaten durchgesetzt – ein Fehlgriff, weil Turner die für den Posten notwendige Erdung fehlte.
Insofern ist es richtig, dass die Stuttgarter CDU jetzt extern nach einem Bewerber mit genau diesen Qualitäten sucht: jemandem, der bewiesen hat, dass er – wie es das Wort Oberbürgermeister sagt – ein Meister ist im Umgang mit den Bürgern und außerdem die eigene Partei hinter sich zu bringen versteht. Wenn beides nicht gelingt, ist die Wahl für die Stuttgarter CDU verloren. Immerhin hat sie überhaupt ein Bewerberfeld. Anders als die Grünen, die ein „OB? Nein, danke!“-Problem haben, weil der Knochenjob im Rathaus offenbar viele abschreckt. Das enthebt die Stuttgarter CDU allerdings nicht der Aufgabe, sich kritisch zu hinterfragen, wie sie wieder in Form kommen und ein überzeugendes Personalreservoir für höhere Aufgaben bilden kann.
jan.sellner@stzn.de