Stuttgarter Pfarrer als China-Versteher Der Missionar, der niemanden bekehrte

Von Gabriele Booth 

Vor mehr als hundert Jahren zog Richard Wilhelm aus, um in der ehemaligen deutschen Kolonie Qingdao an der Ostküste Chinas zu missionieren. Der 1873 in Stuttgart geborene Theologe, Sinologe, Menschenfreund und Kulturversteher hat in China bis heute einen guten Ruf.

Der Theologe und Sinologe Richard Wilhelm hat auch heute in China noch große Bedeutung. Foto: Booth, Kühnl
Der Theologe und Sinologe Richard Wilhelm hat auch heute in China noch große Bedeutung. Foto: Booth, Kühnl

Stuttgart - Wie kommt es, dass ein Schwabe, der vor mehr als hundert Jahren auszog, um in der ehemaligen deutschen Kolonie Qingdao an der Ostküste Chinas zu missionieren, noch heute im Reich der Mitte eine solche Bedeutung hat? Der 1873 in Stuttgart geborene Richard Wilhelm, Theologe, Sinologe, Menschenfreund und Kulturversteher, spielt in den deutsch-chinesischen Beziehungen aktuell eine überaus positive Rolle. Inzwischen arbeiten deutsche und chinesischer Verlage zusammen: Zwischen dem Qingdao Publising House und dem Göttinger Cuivillier-Verlag wurde kürzlich eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. „Richard Wilhelm und Qingdao“ heißt die gemeinsame Veröffentlichung, die ein Jahrhundert nach dem Wirken des Missionars, der nie missionierte, zustande kommt.

In der heute 9,2 Millionen zählenden Metropole Qingdao und überhaupt in China genießt Wilhelm auf höchsten Ebenen immer noch großen Respekt, nicht zuletzt weil er während des Boxer-Aufstandes zahlreichen Einheimischen das Leben gerettet hat. Das wird ihm heute immer noch hoch angerechnet, wie sich kürzlich bei einer Präsentation in Anwesenheit des chinesischen Generalkonsuls und zahlreicher chinesischer Medien zeigte. In Deutschland ist Richard Wilhelm dagegen eher unbekannt. Er gilt unter Sinologen aber als Kenner des Riesenreiches und Kulturvermittler. Immerhin hat er Konfuzius und Laotse übersetzt. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland übernahm er 1924 den ersten Lehrstuhl für Sinologie in Frankfurt. Richard Wilhelm starb 1930 in Tübingen und wurde in Bad Boll beigesetzt.

Sohn eines Stuttgarter Glasmalers

Aber zurück zu den Anfängen von Richard Wilhelm. Der als Sohn eines Glasmalers geborene Stuttgarter war sprachbegabt und arbeitete nach seinem Studium der evangelischen Theologie in Bad Boll als Pfarrer. Dort traf er den Pfarrer Christoph Friedrich Blumhardt und verliebte sich in dessen Tochter Salome. Der wohl schon damals wenig frömmelnde Wilhelm wurde im Auftrag der Weimarer Ostasien-Mission als Missionar in das fremde Land am Gelben Meer entsandt. Mehr als 8000 Kilometer weg von seiner Heimat und der geliebten Salome sollte der junge Stuttgarter möglichst viele Chinesen zum christlichen Glauben bekehren.

Qingdao war damals ein beschauliches Fischerdorf, Teil der deutschen Kolonie. Wilhelm lernte dort den liberalen Missionar Ernst Faber kennen, der sein Vorgesetzter war. Dieser gab dem Neuankömmling aus Deutschland den guten Rat, erst einmal die chinesische Sprache gründlich zu lernen. Der junge Schwabe nahm diesen Auftrag sehr ernst. Ihm waren die Menschen sehr wichtig – und er sah, was um ihn herum an Gräueltaten passierte. China wurde von den Kolonialmächten ausgebeutet. Das unterdrückerische Verhalten und der herrische Ton seiner Landsleute gegenüber der chinesischen Bevölkerung stießen Richard Wilhelm geradezu ab. Er erlebte die ersten Aufstände gegen die Unterdrücker. Als im Jahr 1900 der Boxeraufstand ausbrach und deutsche Soldaten auf der Suche nach Aufständischen die chinesischen Dorfbewohner drangsalierten, verhandelte Wilhelm mit den Dorfältesten und hinderte deutsche Truppen daran, weitere Ausschreitungen zu begehen. Zusammen mit einem chinesischen Arzt übernahm Wilhelm eine Vermittlerrolle. Als deutsche Truppen chinesische Dörfer angriffen, verhinderte er weiteres Blutvergießen. Kurz danach brach das Ende der Kolonialzeit im Osten Chinas an.

Nicht einmal Biblestunden hat er gehalten

Als Missionar verzichtete Richard Wilhelm darauf, zu missionieren. Noch nicht mal seine Bibelstunden soll er abgehalten haben. Wilhelm studierte die alten chinesischen Schriften und übersetzte sie ins Deutsche. Konfuzius, Laotse und vor allem das „I Ging“, das Buch der Wandlungen, das in China eine ähnliche Bedeutung hat wie die Bibel. Der Theologe aus Deutschland war in Qingdao zum Kulturversteher geworden. Zwanzig Jahre lang wirkte er mit seiner Frau Salome in der Stadt am Gelben Meer. Er gründete eine deutsch-chinesische Schule, die es heute noch gibt, und ein Krankenhaus. Seine Tätigkeit als Lehrer und Schulleiter brachte ihm großen Respekt ein, später wurde er sogar vom chinesischen Kaiserhaus für seine Verdienste um das Erziehungswesen geehrt. Wilhelm befasste sich weiter intensiv mit den Schriften des klassischen chinesischen Altertums. Seine Hochachtung vor der chinesischen Kultur wurde immer größer. Als er später wieder in Deutschland war, übernahm er an der Universität Frankfurt den inzwischen gegründeten sinologischen Lehrstuhl. Dort unterrichtete er von 1924 bis zu seinem Tod 1930. Er soll einmal gesagt haben, es sei ihm ein Trost, dass er während seines Aufenthalts in Qingdao keinen einzigen Chinesen bekehrt habe. Und so gilt Wilhelm fast ein Jahrhundert später immer noch und zunehmend mehr als „Mittler zwischen Ost und West“.