Stuttgarter Philharmoniker im Beethovensaal Klänge wie Fata Morganas

Der kroatische Pianist Dejan Lazić spielte das Fünfte Klavierkonzert von Camille Saint-Saëns. Foto: Lin Gothoni

Mit einem Konzert in der Reihe „Mythos Orient“ haben die Stuttgarter Philharmoniker und der Dirigent Jan Willem de Vriend im Stuttgarter Beethovensaal ihr Publikum begeistert.

Barocker Humor, Haydn’scher Lärm und Radau, eine arabisch inspirierte romantische Rhapsody – und das alles in einem einzigen Konzert: Nach wie vor bieten die Stuttgarter Philharmoniker in der Landeshauptstadt die interessantesten Konzertreihen an.

 

Das ist auch schlau. Denn durch übergeordnete Themen lassen sich Disparates und selten Gespieltes zusammenbringen. So füllt sich die abgedroschene, längst zwanghaft wirkende Tradition der Sinfoniekonzertform, die in Endlosschleife die Abfolge Ouvertüre, Solokonzert und Sinfonie wiederholt, mit Sinn. Auch jetzt entließen einen die Philharmoniker wieder wach und inspiriert aus ihrem Konzert der Reihe „Mythos Orient“ im Beethovensaal.

Nach „Thamos, König von Ägypten“, Musik des 17-jährigen Mozart zum gleichnamigen ehrwürdigen Schauspiel des Aufklärers Tobias von Gebler, gab es das Fünfte Klavierkonzert von Camille Saint-Saëns. Es wird das „Ägyptische“ genannt, auch wegen seines Mittelsatzes, in dem der weltenbummlerische Komponist Arabesken, spanisch-maurisch inspirierte Rhythmik und Melodien sowie Pentatonik miteinander verschmilzt.

Da strömt der Nil, da zirpen die Grillen

Da strömt der Nil, da zirpen die Grillen, aus der Ferne ruft der Muezzin, und am Himmel prangt fett ein romantischer Mond. Das gelang den Stuttgarter Philharmonikern ganz vorzüglich, und der kroatische Pianist Dejan Lazić – im Finale zeigte er, dass er auch Tastendonner kann – spielte die Läufe, Arpeggi, Arabesken wunderbar leicht, farbig und luftig. So flimmerten die Klänge bald wie Fata Morganas über glühendem Wüstensand.

Der niederländische Dirigent Jan Willem de Vriend agierte gut gelaunt und ohne Taktstock, mit schwungvollen, zackigen Bewegungen und viel Ellenbogenarbeit und Sprüngen. Es geht ihm offenbar weniger um minutiöse Präzision als um den Geist, den Witz und Schwung der Musik.

Mitreißend performte Unterhaltung

Das funktionierte an diesem Abend ganz hervorragend. Besonders in der Sonata Jucunda, die vermutlich von Heinrich Ignaz Franz Biber stammte: ein witzig-experimentelles Stück, in dem die barocke Melancholie bald ungestüm und überraschend zur Seite geräumt wird, um Folkloristischem aus aller Welt, auch harmonisch Schrägem eine Bühne zu bieten.

Aber auch Haydns final gespielte Hundertste, die „Militär“-Sinfonie, bot dem Stuttgarter Publikum mitreißend performte Unterhaltung, nicht nur wegen der darin zum Einsatz kommenden „Janitscharenmusik“, jenem wilden, schlagwerkbefeuerten Sound türkischer Militärkapellen, den die Belagerer einst als „Souvenir“ in Wien hinterlassen hatten.

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