Stuttgarter Psychologe im Interview Warum Resilienz überlebenswichtig ist
Warum ist Resilienz für unser Leben so wichtig und können wir diese erlernen? Im Interview gibt der Stuttgarter Psychologe Leon Schäfer Antworten.
Warum ist Resilienz für unser Leben so wichtig und können wir diese erlernen? Im Interview gibt der Stuttgarter Psychologe Leon Schäfer Antworten.
Vor allem in Krisenzeiten wird uns allen in verschiedenen Situationen viel abverlangt. Und während die einen die Belastungen einfacher wegstecken, hadern andere stark damit. In unserem Interview spricht der Stuttgarter Psychologe Leon Schäfer über das Thema Resilienz und erklärt, warum diese für unser Leben – und Überleben – so wichtig ist.
Als Resilienz wird die psychische Widerstandsfähigkeit bezeichnet, die wir benötigen, um Krisen zu überstehen.
Resilient zu sein bedeutet, dass wir die Fähigkeit haben, auf Unvorhergesehenes angemessen reagieren zu können. Diese Fähigkeit hilft uns in Situationen, die eine Anpassung von uns verlangen. Resilienz ist nötig, um Krisensituationen zu überstehen und danach weitergehen zu können. Im Prinzip unterstützt sie uns dabei, dass wir mit Belastungen so umgehen können, dass uns kein Schaden entsteht.
Ja, Resilienz ist überlebenswichtig! Denn das Leben serviert uns sozusagen nicht nur die Dinge und Situationen, die uns gefallen, sondern auch genügend Situationen, auf die wir nicht eingerichtet sind, die uns nicht gefallen, in denen wir mega gestresst reagieren oder schlichtweg komplett überfordert, hilflos oder deprimiert sind.
Denken Sie nur daran, dass zum Beispiel die Pandemie noch immer sehr viel Resilienz von uns abfordert. Vieles läuft einfach noch immer nicht so wie vor zwei Jahren. Oder Sie bekommen eine schwierige Diagnose beim Arzt, Ihre Wohnung wurde Ihnen gekündigt oder Ihre Firma schließt. Das sind so große Einschnitte in Ihre Komfortzone, da ist mächtig Resilienz gefragt. Natürlich gibt es die kleineren und größeren Probleme und Anpassungsthemen. Und darüber hinaus hat jeder und jede von uns auch unterschiedliche Widerstandsfähigkeiten. Es gibt Menschen, denen hält das Leben eine schwierige Thematik nach der anderen bereit und sie stehen immer wieder auf und sind glücklich. Und bei anderen sind es, von außen betrachtet, Kleinigkeiten, die sie komplett aus der Spur bringen.
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Resilienz ist in allen Situationen gefragt, wo wir unsere Komfortzone verlassen und wir keine Tools besitzen, um das Problem oder die Herausforderung zu lösen. Sicherlich ist dies in lebensbedrohlichen Situationen eher der Fall als bei den „kleinen Katastrophen“. Die Menschen, die letztes Jahr all ihr Hab und Gut im Ahrtal verloren haben und wieder ganz von vorne anfangen müssen, zum Beispiel. Aber auch alle, die einen geliebten oder unterstützenden Menschen verloren haben oder eine lebensbedrohliche Krankheit haben. Letztlich geht es aber auch um so positive Ereignisse wie „Eltern werden“.
Resilienz scheint ein komplexes Konstrukt zu sein, das einerseits aus genetischen, also angeborenen, Anteilen besteht und auf der anderen Seite auch einen Anteil hat, der erlernbar ist. Der erste Schritt, meine Resilienz zu verändern, ist ein Bewusstsein über mich und meine Resilienz zu erlangen. Meinen Umgang mit Stress in schwierigen Situationen zu beobachten und zu lernen, nicht sofort den „Katastrophenmodus“ zu aktivieren, sondern die Herausforderung an der Situation anzunehmen und Veränderungen als etwas Positives, zum Leben dazu Gehörendes zu akzeptieren. Menschen, die das können, sind besonders resilient.
Man kann bestimmte Aspekte der Resilienz lernen! Der wichtigste Aspekt ist die Schulung meiner Wahrnehmung in Richtung einer optimistisch-vertrauensvollen Sicht auf die Welt. Ob ich Situationen, die mir nicht gefallen, als Katastrophe oder als Herausforderung sehe, bleibt mir überlassen. Bewertungen sind extrem wichtig. Sie steuern mein Verhalten: Ob ich in eine Schockstarre verfalle, weil ich die Situation als nicht zu bewältigen einstufe oder das Ganze als Herausforderung sehe, macht einen Riesenunterschied.
Es geht auch nicht darum, keine Gefühle oder Stress zu empfinden, wenn es zu unvorhergesehenen Situationen außerhalb meiner Komfortzone kommt. Sondern darum, dass ich einen schnelleren Weg da raus finde. Ich denke, es wäre sicherlich wichtig, ein Fach in der Schule zu etablieren, wo es um Umgang mit Stress, Problemlösekompetenz und die Selbstwahrnehmung beziehungsweise die Selbstwirksamkeit geht. Das sind so die wichtigsten Eckpunkte. Je früher wir sie lernen, desto besser!