Peter Maffay hat er groß gemacht, bei Nena die Notbremse gezogen: Rainer Nitschke hat Radiogeschichte geschrieben. Zum 75. Geburtstag sprach er mit uns über besondere Stars, den Umgang mit seiner Homosexualität und was er vom Radio heute erwartet.

Lokales: Uwe Bogen (ubo)

Stuttgart - Am Mittwoch, 16. Februar, feiert Rainer Nitschke, ein prägendes Gesicht des SDR/SWR, seinen 75. Geburtstag. Aus diesem Anlass plaudert der gebürtige Stuttgarter, den man die „Stimme des Südens“ nannte, mit unserer Redaktion aus dem Nähkästchen einer langen Laufbahn und nennt Namen. Klare Worte kommen von ihm auch zu der aus seiner Sicht nicht immer positiven Entwicklung der öffentlich-rechtlichen Sender.

Wenn man Rainer Nitschke googelt, stößt man auf den Zusatz „Radiolegende“. Führen Sie ein legendäres Leben?

Vermutlich reicht es, legendär zu werden, wenn man wie ich ein paar Jahrzehnte im Job ist. Bei mir sind es 55 Jahre, davon die meiste Zeit im SDR/SWR, aber auch 31 Jahre beim WDR, etliche Jahre bei Radio Bremen. Ein „legendäres“ Leben könnte ich gar nicht führen. Hab nämlich keine Vorstellung davon, wie das aussehen könnte. Momentan versuch ich einfach, den Aufgaben, die sich stellen, gerecht zu werden, was zum Glück auch noch gelingt.

Wow 55 Jahre! Wann hat Ihre Radioliebe begonnen?

Mit vierzehn hab’ ich gern Radio Luxemburg gehört, obwohl dieser Sender nur auf Kurzwelle oder Mittelwelle mit nicht optimalem Empfang zu empfangen war. Was mich begeisterte, war, dass die Moderatoren eine gewisse Lockerheit ausstrahlten, die es sonst nur sehr selten im Radio gab. Man kannte sie nur mit Vornamen, und es wurde einem die Musik präsentiert, die man mochte, ob internationale Hits oder deutsche Schlager. Viele werden sich noch an Camillos Hitparade am Sonntag erinnern. Camillo Felgen war der erste, der so etwas in einem deutschen Radioprogramm anbot.

„Mit vierzehn war ich ein absoluter Fan von Freddy Quinn“

Welche Musik haben Sie damals am liebsten gehört?

Ich war absoluter Fan von Freddy Quinn, Caterina Valente und den Stars von damals. Natürlich hab’ ich eifrig „Bravo“ gelesen. War nicht abzusehen, dass ich selbst wenige Jahre später die alle persönlich kennenlernen durfte und mit einigen seit nun über 50 Jahren befreundet bin.

Zu Beginn Ihrer Karriere standen Sie als Schauspieler auf der Bühne.

Schauspielunterricht hab ich schon während der Schulzeit genommen. Mit 19 Jahren bekam ich ein Engagement an der Komödie im Marquardt in Stuttgart, wo ich alles machen musste., was anfiel, aber diese Arbeit hat Spaß gemacht. Dort lernte ich die große Ursula Herking kennen, die mir zu einem Kontakt nach Luxemburg verhelfen konnte und somit maßgeblich daran beteiligt war, dass ich beim Radio gelandet bin.

Von 1969 bis 2012 waren Sie beim SDR bzw. SWR. Bestimmt ist die Frage, was Ihre Höhepunkte waren, mit der Bitte um eine kurze Antwort, eine Unverschämtheit.

Puuh, das könnte abendfüllend werden, wie wahr. Ich erinnere mich gerne an Sendungen wie „Zu Gast“, wo ich ich einmal die Woche mit Showstars, aber auch Politiker gesprochen habe. Von Heiner Geisler bis Hardy Krüger, von Bernhard Grzimek bis Ilse Werner, von Harry Belafonte bis zu Gilbert Bécaud, von James Last bis Emil Steinberger – was soll ich da erwähnen? Höhepunkt war aber ohne Zweifel die Nacht, als die Mauer fiel und ich die ARD-Nachtsendung hatte. Auch an die Ausflüge ins Fernsehen erinnere ich mich gern.

„Peter Maffay war extrem aufgeregt“

Wie war das mit Peter Maffay? Sie gelten als sein Entdecker.

Der eigentliche Entdecker war der Textdichter Michael Kunze. Ich habe nur das erste Interview seiner Karriere gemacht. Kunze rief mich an, ob ich nicht Interesse hätte, seinen neuen Künstler zu interviewen, einen gewissen Peter Maffay. Ich war 23, Peter 21. Peter brachte sein Lied „Du“ mit und war extrem aufgeregt. Ich konnte ihn in der Sendung beruhigen. Lustigerweise erzählt Peter Maffay diese Geschichte seit über 50 Jahren auch heute noch in Interviews, wie er bei mir zum ersten Mal ein Funkhaus von innen gesehen hat.

Warum haben Sie Nena aus einer Sendung geworfen?

Grund war ein unmögliches Benehmen ihrerseits einem geschätzten Kollegen von SDR 3 gegenüber. Das hat alle Kollegen empört, die das mitbekommen haben, und ich bin dann auf die Bühne und hab dem Publikum erklärt, warum wir auf diese Künstlerin verzichten wollten. Das Tolle war, dass das Publikum das verstand und akzeptierte. Ich habe immer Wert darauf gelegt, bei Veranstaltungen eine gute Atmosphäre zu haben. Arroganz von Künstlern oder Mitarbeitern hab ich nie toleriert.

„Ängstlich war ich noch nie“

Sie haben in einer Zeit angefangen, als man das Wort Diversität nicht kannte. Es war die Zeit, als viele ihre sexuelle Orientierung für sich behielten. Haben Sie Nachteile erlebt?

Sexuelle Orientierung habe ich immer als Privatsache angesehen. Natürlich wird man, wenn man in der Öffentlichkeit steht, auch diesbezüglich unter die Lupe genommen. Ich persönlich habe allerdings – obwohl ich in einer Zeit angefangen habe, in der das alles noch etwas komplizierter war – niemals irgendwelche Vor- oder Nachteile erlebt. Und es sind und waren, das finde ich toll, die Menschen toleranter, als man vermutet. Trotzdem finde ich es wichtig, sich für liberalen Umgang mit diesem Thema einzusetzen, und da haben der CSD und alle, die damit zu tun haben, eine wichtige Aufgabe. Und ängstlich war ich noch nie.

Sie sind gebürtiger Stuttgarter und leben in Köln. Haben Sie Heimweh?

Mir fehlt das Gefühl, zuhause zu sein. Das habe ich in Köln, wo ich aus beruflichen Gründen hinzog, nie so richtig gehabt. Ich wäre froh, wenn es mir gelänge, bald wieder mein „Zuhause“ leben zu können, zumal ich beim WDR inzwischen auch nicht mehr arbeite. Sicher hat man überall ein paar Menschen, die einen mögen, zum Glück, aber Stuttgart ist eben meine Heimatstadt, hier bin ich aufgewachsen und mental verwurzelt. Ich könnte mir auch sehr gut vorstellen, wieder im Schwarzwald zu wohnen, auch die badische Lebensart hab ich sehr gern.

„ARD und ZDF haben einen kulturellen Auftrag“

Welche Musik hören Sie heute am liebsten?

Mein Geschmack ist breit gefächert: Von Queen bis Reinhard Mey, von Freddy Quinn bis Johnny Cash, je nach Laune. Ich hab nie verstanden, warum auch diesbezüglich Intoleranz oft zu finden ist. Ich hör auch ganz gern zwischendurch mal Klassik und vor allem meine geliebten Chansons aus Frankreich.

Was sind Ihre weiteren Pläne?

Es wäre etwas weltfremd, mit 75 Jahren noch Riesenvorhaben in die Tat umsetzen zu wollen. Ich habe vieles von dem, was mir am Herzen lag, erreicht. Ich hab fast die ganze Welt kennengelernt auf meinen Reisen von Südamerika nach Australien, von Hawaii bis Kapstadt. Was ich noch gerne machen möchte: Ich würde sehr gerne noch weiter beim bundesweit erfolgreichen Schwarzwaldradio „Nitschke am Sonntag“ als „Rainer Schwarzwald“ präsentieren. Hier kann ich das machen, was ich immer gerne gemacht habe: Mit „meiner“ Musik den Hörern das Wochenende zu verschönern. Die Ideen gehen nicht aus. Das Wichtigste allerdings ist, fit zu bleiben.

Die Medienwelt wird immer vielfältiger. Ihr Heimatsender SWR setzt auf Apps, Podcast, Youtube, um die Jungen zu gewinnen, sendet dafür zur Primetime samstags im SWR-Fernsehen Wiederholungen. Ist das der richtige Weg?

Die Medienwelt mag vielfältiger geworden sein bezüglich der technischen Möglichkeiten, Apps, Podcasts und Youtube, was allerdings nicht bedeutet, dass die Gefahr gebannt wäre, trotz dieser Vielfalt der Einfalt zu verfallen. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben die Aufgabe, sowohl im journalistischen Bereich wie in der Unterhaltung jedem ein Angebot zu machen – dafür werden sie von allen auch via Gebühren bezahlt – , während die private Anbieter sich ihre Hörer eher in Spezialprogrammen suchen, um damit finanziell über die Runden zu kommen. ARD und ZDF haben einen kulturellen Auftrag, dem sie gerecht werden müssen, das heißt: nicht immer nach den Einschaltquoten zu schielen, sondern durchaus auch schwierigere Inhalte zu liefern.

Wie legendär feiern Sie am Mittwoch Ihren 75. Geburtstag?

Der letzte Geburtstag, den ich größer gefeiert habe, war mein 40. Leider sind viele Menschen, die damals mir die Ehre ihres Besuchs erwiesen haben, nicht mehr am Leben. Geburtstage haben für mich nie ein großes Gewicht, ehrlich gesagt. Natürlich freu ich mich, wenn jemand daran denkt und mir gratuliert, aber eine Riesenfete gibt es nicht, trotz 75. Wichtig ist, dass man fit bleibt, körperlich und geistig – am besten mit guter Laune!

Lesen Sie mehr zum Thema

Stuttgart SWR Interview