Allerdings bestätigt die Entwicklung 2022 einen Trend, der schon seit etlichen Jahren festzustellen ist: Die Kinderarmut in Stuttgart steigt nur durch die Zuwanderung, sonst hat sie eher abgenommen. So ist die Zahl der bedürftigen Kinder, die im Jobcenter gemeldet sind, von 12 370 im Jahr 2015 auf 13 300 im Oktober des Vorjahres gestiegen (plus 7,5 Prozent). Jedoch hat in dieser Gesamtzahl die Gruppe der bedürftigen Kinder mit deutschem Pass in diesem Zeitraum von 8620 auf 6650 abgenommen, das ist ein Minus von fast 23 Prozent. Betrachtet man nur das Vorjahr, lag das Minus in dieser Gruppe bei fünf Prozent.
Die Gewichte haben sich stark verschoben
Auch die Zahl der Kinder mit einem ausländischen Pass, deren Eltern aber etwa einen EU-Ausweis haben oder schon länger hier leben, die also nicht als Geflüchtete hierhergekommen sind, ist in den zurückliegenden Jahren von knapp 2900 auf rund 2100 zurückgegangen, das sind gut 27 Prozent weniger.
Dagegen ist die Zahl der bedürftigen Kinder aus Asylherkunftsländern wie Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea, Iran oder Nigeria von 785 im Jahr 2015 auf rund 2670 gestiegen, das sind mehr als dreimal so viele wie noch vor Jahren. Inzwischen machen die Kinder, die in Familien leben, die vom Jobcenter unterstützt werden und einen ausländischen Pass haben, rund 50 Prozent aller Betroffenen dieser Altersgruppe aus. 2015 lag der Anteil dieser Gruppe bei 30 Prozent.
Tatsächlich ist der Anteil der mit ihren Familien auf Unterstützung angewiesenen Kinder mit Fluchthintergrund sogar noch höher. Denn zu dieser Gruppe muss man auch jene zählen, die nicht Bürgergeld, sondern Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bekommen. Das sind laut der Stadt 1435 Kinder und Jugendliche. Mit diesen kommt man auf eine Gesamtzahl von rund 8080 Köpfe, das sind dann sogar 60 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Bürgergeld-System.
Selbst wenn man nur all jene mit jüngerem Fluchthintergrund nimmt, kommt man noch auf 45 Prozent aller Betroffenen. Dies entspreche „im Wesentlichen auch der Entwicklung in Baden-Württemberg und bundesweit“, erklärt dazu der Leiter des Stuttgarter Jobcenters, Jochen Wacker.
Dass die Kinder zusammen mit ihren Eltern nur schwer aus dem Bürgergeld-Bezug wieder herauskommen, führt der Jobcenter-Leiter auch darauf zurück, dass gerade die Familien aus den klassischen Asylländern „viel größer“ seien als die übrigen. Selbst wenn ein Elternteil Arbeit hat, sei das Einkommen meist nicht so üppig, dass die Familie aus dem Hilfebezug herauskomme.
Ist das Hilfesystem darauf eingestellt?
Angesichts des so stark gewachsenen Anteils von Flüchtlingskindern im Bürgergeld-Bezug stellt sich die Frage, ob das Hilfesystem auf diese große Gruppe entsprechend eingestellt ist, insbesondere was die Sprachförderung angeht. „Die Jugendhilfeangebote sind schon sehr stark auf Integration und die Verbesserung von Teilhabemöglichkeiten aller benachteiligter Kinder und Jugendlichen ausgerichtet“, erklärt Bernd Mattheis, der stellvertretende Leiter des städtischen Jugendamts. Dazu gehöre Sprachförderung in Kitas, die Arbeit der Kinder- und Familienzentren, Familienbildungsangebote sowie Angebote der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Man biete in acht größeren Flüchtlingsunterkünften zweimal die Woche drei Stunden sogenannte Spielstuben an, mit denen die Kinder „an die Kita herangeführt werden sollen“, sagt Mattheis. Überdies sei man dabei, die „Elternbildungsangebote etwas zielgenauer und bedarfsgerechter aufzustellen“. Den Herausforderungen durch Migration widme man „ein besonderes Augenmerk“.
Ein Problem aber lässt sich nicht leicht beheben: der eklatante Mangel an Kitaplätzen. Für Kinder aus Migrantenfamilien ist diese vorschulische Betreuung und Bildung besonders wichtig – wegen der Gruppenerfahrung und wegen des Spracherwerbs. Nur: Auf der Warteliste für einen Kitaplatz in Stuttgart stehen stets 2500 bis 3000 Kinder. Und Anfang des Jahres hatten noch „mehr als 700 Kinder über vier Jahre keinen Kitaplatz“, sagt Bernd Mattheis.
Auch wenn man nicht weiß, aus welchen gesellschaftlichen Gruppen und Milieus die Kinder stammen, dürften darunter nicht wenige Migrantenkinder sein. Denn ihre Chancen, einen Platz zu bekommen, sind eher geringer als die anderer Familien. Zwar gelten für alle Kinder die gleichen Aufnahmekriterien in der Kita, aber wenn beide Elternteile arbeiten, dann steigen die Chancen. In Flüchtlings- oder anderen Migrantenfamilien aber ist das aus verschiedenen Gründen oft nicht der Fall.
Kitaplatz für Migrantenkinder sehr wichtig
Gerade für den Spracherwerb aber ist die Kita eine zentrale Institution. So hat die Stadt in ihren Einrichtungen auch 45 Vollzeitstellen für Sprachförderkräfte geschaffen, dazu kommen aus einem Bundesprogramm noch 84 halbe Stellen. Ein Schlaglicht auf das Thema Sprache in Kitas werfen einige Zahlen: So sind von den insgesamt 24 523 Kindern, die in Stuttgart in Kitas betreut werden (180 Einrichtungen betreibt die Stadt, rund 430 betreiben freie Träger), immerhin 12 071 Kinder multilingual, knapp die Hälfte (49,2 Prozent). In 52 Prozent der Kitagruppen liegt der Anteil der multilingualen Kinder bei mehr als 50 Prozent.
Vom Mangel an Kitaplätzen ist auch das Jobcenter betroffen. „Dieser Mangel behindert uns bei der Arbeit“, sagt Leiter Jochen Wacker. Dabei hat das Jobcenter beim Abbau von Kinderarmut eine zentrale Rolle, weil diese sinkt, wenn man die Eltern in Arbeit bringt. Es gibt aber einen weiteren Grund, warum die Unterstützung gerade der Kinder im Jobcenter behindert ist: Nach dem Gesetz dürfen sich die Mitarbeiter des Jobcenters erst um Kinder ab einem Alter von 15 Jahren kümmern. Doch die Probleme, etwa Sprach- oder Lernschwäche, fallen den Jobcenter-Mitarbeitern sehr viel früher auf. „Wir dürfen aber nichts machen“, sagt Jochen Wacker, man könne lediglich auf das Jugendamt verweisen. Dabei hätte man durchaus Instrumente, angefangen von der Sprachförderung bis zur Nachhilfe, mit denen man frühzeitig eingreifen könnte. Dass man das nicht darf und dafür auch keine Mittel hat, ist für den Jobcenter-Chef „ein Fehler im System“, sagt Jochen Wacker. Dieses Problem habe er auch schon in Fachkreisen in Berlin benannt. Hier müsse der Bund „nachlegen“ und das „Defizit“ beseitigen, fordert er.