Stuttgarter Start-up Flip Warum eine Vorzeigefirma plötzlich Leute entlässt

Gründer und Chef von Flip: Benedikt Ilg Foto: Flip GmbH/Marc Fuhrmann

Bisher ist das Stuttgarter Start-up Flip mit seiner Mitarbeiter-App für Firmen eine einzige Erfolgsgeschichte. Nun werden erstmals im größeren Stil Leute entlassen. Was ist da los? Und wie gehen Beschäftigte und Chefs damit um?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Bei der Stuttgarter Flip GmbH ist man nicht einfach nur angestellt. Die Beschäftigten sind zugleich Fans der jungen Firma, die eine digitale Mitarbeiter-Plattform für Unternehmen anbietet und damit seit Jahren kräftig wächst. Sie schätzen sich glücklich, zu dem schwäbischen Vorzeige-Start-up zu gehören, einen der begehrten Jobs ergattert zu haben. Arbeit ist für sie nicht nur Arbeit, sondern der Firmen-PR zufolge eine „Mission“, nämlich Menschen „eine Stimme zu geben“. Sie brennen darauf, über die simpel zu bedienende Smartphone-App „Frontline-Worker“ mit deren Firma zu verbinden: den Arbeiter bei Porsche etwa, die Edeka-Kassiererin oder die Servicekraft bei McDonald’s. Schichtpläne, Urlaube, Firmeninfos – all das sollen Mitarbeiter ohne Bildschirmarbeitsplatz datenschutzkonform mit zwei Klicks abrufen können.

 

Die Flip-Beschäftigten genießen es, im stylishen Büro am Feuersee zu arbeiten – natürlich mit Tischkicker, Kaffeelounge und viel Grün – oder irgendwo auf der Welt im Homeoffice. Sie mögen die flachen Hierarchien, nahbare Chefs und das internationale Flair, samt Englisch als Firmensprache. Sie freuen sich über die Auszeichnungen für ihr Produkt, an der wachsenden Wand mit den Kunden-Logos und den regelmäßigen Besuchen von Politikern, die Flip als Vorbild für die so dringend benötigte Innovation loben. Sie sind in der Firmensprache die „Flipster“, eine eingeschworene Gemeinschaft, die seit der Gründung 2018 stetig größer wurde; binnen weniger Jahre vervierfachte sich die Belegschaft auf zuletzt 150 Leute. Und sie haben fast immer gute Laune, jedenfalls auf den Firmenvideos und -fotos.

Die Senkung der Kosten gilt als unvermeidlich

Nun aber bekommt das schöne Bild jäh Risse. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte baut die Flip GmbH in größerem Stil Personal ab. Mehr als 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen gehen – so verkündete es der Co-Gründer und Geschäftsführer Benedikt Ilg im Februar bei einer „Townhall“-Konferenz. Man habe gemeinsam eine Menge erreicht, leitete der 31-Jährige die schlechten Nachrichten ein, aber die Zeiten seien gerade herausfordernd für Tech-Unternehmen. Ob Google oder Amazon, SAP oder Booking: Überall würden derzeit die Belegschaften reduziert. Veranschaulicht wurde seine Präsentation mit internationalen Schlagzeilen über die Entlassungen. Auch bei Flip seien die Kosten für eine nachhaltige Entwicklung „strukturell zu hoch“, ergab laut Ilg eine sorgfältige Analyse. Man sehe sich daher „gezwungen“, sie zu senken.

Wer bleiben darf und wer gehen muss, erfuhren die Beschäftigen danach in Einzelmails. Für die Mehrzahl der „lieben Flipster“ gab es Entwarnung, bei knapp zwei Dutzend aber wurde es ernst, samt sofort gesperrtem Systemzugang; Näheres erläuterten ihnen der Personalbereich und ihre jeweiligen Manager. Für die Betroffenen – teils seit mehren Jahren dabei –, aber auch für viele Verschonte war das eine neue, verstörende Erfahrung. Gerade noch schien die Firma eine große Familie zu sein, nun agierte sie wie ein ganz normaler Arbeitgeber.

Einen regulären Betriebsrat gibt es bei Flip nicht

„Herzlos“ empfanden es manche, wie sie hinauskomplimentiert wurden, enttäuscht waren wohl die meisten. Einige zeigten aber auch Verständnis. Natürlich sei es „nicht schön“, unter solchen Umständen gehen zu müssen, meinte ein Software-Ingenieur, aber im Großen und Ganzen sei Flip immer fair mit den Leuten umgegangen. Am Ende einigte man sich mit allen Ausscheidenden einvernehmlich; offensichtlich stimmten die Konditionen. Beim Stuttgarter Arbeitsgericht sind bisher jedenfalls keine Verfahren anhängig, wie eine Sprecherin bestätigt. Manche Ex-„Flipster“ beraten sich dem Vernehmen nach noch mit ihren Anwälten. Einen regulären Betriebsrat, den man zum Stellenabbau befragen könnte, gibt es nicht. Einbezogen war nach offiziellen Angaben ein „Personalrat“, über dessen Zusammensetzung und Kompetenzen indes nichts Näheres zu erfahren ist.

Auch für Benedikt Ilg und seine Führungskollegen ist die Situation ungewohnt. Bisher konnten sie immer eine ungetrübte Erfolgsgeschichte erzählen, die dankbar aufgegriffen wurde. Die Medienberichte über Flip fielen durchweg freundlich aus, die Kommentare der Politiker ohnehin. Ob Vizepremier Thomas Strobl oder Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (beide CDU) zu Besuch war: Sie werteten das Start-up als Paradebeispiel dafür, wie attraktiv Baden-Württemberg als Standort für junge, innovative Unternehmen sei. Auch Vertreter großer Kunden wie Bosch äußerten sich lobend über die App, die den Informationsfluss im Konzern beschleunige und das Gemeinschaftsgefühl stärke. Eindruck machte zudem die Liste der Wirtschaftsgranden, die große Stücke auf Flip halten, darunter Ex-VW-Chef Matthias Müller, der einstige Daimler-Vorstand Kurt Lauk oder der Unternehmensberater Roland Berger.

Werden die Investoren-Millionen zu schnell „verbrannt“?

Nun plötzlich müssen Ilg – ein auf den Fildern aufgewachsener Österreicher, der seine Karriere bei Porsche begann – und seine für Wachstum und Partner zuständige Kollegin Ann Kathrin Stärkel erklären, was gerade los ist bei der Erfolgsfirma. Werden die von Investoren eingesammelten mehr als 30 Millionen Euro zu schnell „verbrannt“, wie es intern mahnend hieß? Wo bleiben die neuen großen Kunden, die man angeblich schon länger an der Angel hat? Steckt Flip gar in einer Krise? Davon wollen die beiden nichts wissen. Ihre Kernbotschaft: Man sei stabil gewachsen, gut finanziert und wolle nun profitabel werden.

Natürlich sei es „nie leicht, wenn (. . .) sich die Wege trennen“, sagt Ilg. Aber in einem Wachstumsprozess gebe es stetige Veränderung, man brauche heute andere Mitarbeitende als noch vor vier Jahren. Weltweit zu den Besten zu gehören – dieses Versprechen könne man nur mit den richtigen Leuten an den richtigen Stellen einlösen. Das sei der Grund der aktuellen Veränderungen. Es gelte, nachhaltig mit Ressourcen und Kapital umzugehen, sekundiert Stärkel; da ticke man auch als international agierendes Unternehmen durchaus schwäbisch. Gerne wird auf die selbst gezimmerten Möbel aus der Anfangszeit verwiesen, die immer noch verwendet werden. Eine weitere Finanzierungsrunde mit Investoren aus dem In- und Ausland, sei „perspektivisch geplant“.

Ein Geldgeber schwärmt von dem „tollen Unternehmen“

Einer der großen Geldgeber, HV Capital (früher: Holtzbrink Ventures) aus Berlin, schwärmt nach wie vor von Flip. „Die Digitalisierung in Deutschland hinkt immer noch hinterher, insbesondere in der Industrie und im Handel“, sagt ein Sprecher. „Genau da setzt Flip an mit seiner App, die Mitarbeitende im operativen Bereich untereinander und mit der eigenen Organisation vernetzt.“ Aktuell wird die Zahl der Nutzer auf etwa eine Million beziffert, nähere Geschäftszahlen gibt es nicht. HV Capital sei „begeistert von der Vision und Produktstrategie von Flip“ und daher „froh, dieses tolle Unternehmen auch weiterhin auf seinem starken Wachstumspfad zu unterstützen“, so der Investor.

Früher oder später wird die Firma wohl auch wieder neue Mitarbeiter brauchen; aktuell sind auf der Webseite mehrere Stellen ausgeschrieben. An Interessenten sollte es nicht mangeln. „Wir waren und sind in der Region Stuttgart ein sehr begehrter Arbeitgeber“, sagt Benedikt Ilg. Der Beweis: Jeden Monat erhalte man 1600 Bewerbungen, auf offene Positionen oder auch initiativ. Es scheint also weiterhin verlockend zu sein, ein „Flipster“ zu werden. Vielleicht gilt irgendwann auch wieder die Losung, die auf der Homepage über den Fotos der fröhlichen Firmenfamilie steht: „Ein Ort zum Bleiben.“

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