Stuttgarter Straßenbahnen Kostenexplosion bei der Verlängerung der U 13 bis Ditzingen

Das Gelände des vierten SSB-Betriebshofs ist 4,8 Hektar groß und liegt unmittelbarer neben dem Gewerbegebiet Ditzingen. Abstellhalle, Werkstatt und Sozialgebäude erhalten ein gemeinsames, rund 19 000 Quadratmeter großes Gründach, auf dem eine 4300 Quadratmeter große Photovoltaikanlage gebaut werden soll. Foto: Loomn/Jost Hauer

Der neue Betriebshof in Stuttgart-Weilimdorf und der Trassenbau über Stuttgart-Hausen bis nach Ditzingen kosten statt 130 jetzt 440 Millionen Euro. SSB-Chefplaner Volker Christiani erklärt die Gründe.

Bei den Verantwortlichen der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) war 2018 die Erleichterung groß, als zwei Jahre Suche für einen Standort des dringend benötigten vierten Betriebshofs zu Ende gingen. Das Areal mit dem Arbeitstitel „Ditzingen-Ost“ liegt im Westen von Weilimdorf und ist 4,8 Hektar groß. Es bietet genügen Platz für eine Abstellhalle, eine Werkstatt sowie ein Dienst- und Sozialgebäude mit Stellwerk. Wettbewerbssieger wurde 2021 das Stuttgarter Architekturbüro Auer+Weber. Die Kostenschätzungen beliefen sich damals auf etwa 70 Millionen Euro.

 

Trasse bis zum Bahnhof Ditzingen möglich

Um den neuen Betriebshof an das Stadtbahnnetz anzubinden, wurde gleichzeitig eine Planung für die Verlängerung der Stadtbahnlinie U 13 von der Rastatter Straße bis zum Stadtteil Hausen mit drei neuen Haltestellen entwickelt. Im weiteren Verlauf wurde gemeinsam mit der Stadt Ditzingen der weitere Ausbau der Linie 13 nach Ditzingen mit ebenfalls drei Haltestellen zur Erschließung des Industriegebietes (unter anderem mit Thales und Trumpf) beschlossen. Mittelfristig könnte diese Linie sogar bis zum Ditzinger Bahnhof weitergeführt werden. Nach SSB-Schätzungen sollte die neue Trasse mit allen begleitenden Maßnahmen und Bauwerken rund 60 Millionen Euro kosten.

Anfang 2023 wurden die Entwurfsplanungen für den Trassenausbau und den Stadtbahnbetriebshof abgeschlossen. Eine ausführliche Vorlage liegt den Fraktionen vor und soll am 26. Juli in der Vollversammlung des Gemeinderats beschlossen werden. Beide Projekte wurden am Freitag dem Regierungspräsidium Stuttgart zur Genehmigung vorgelegt.

SSB-Fuhrpark wird immer größer

Über beide Bauvorhaben und ihre Notwendigkeit gibt es inhaltlich nichts mehr zu diskutieren oder zu klären. Anders verhält es sich mit den Kosten. Sage und schreibe 440 Millionen Euro sollen mittlerweile der Betriebshof und die 4,8 Kilometer lange Trasse kosten. Als der SSB-Aufsichtsrat Ende Juni über die Kostenexplosion informiert wurde, bekamen die Mitglieder Schnappatmung. Denn beide Projekte sind alternativlos.

Angesichts der Streckenentwicklung der SSB ist der Betriebshof zum Abstellen, Warten und Reparieren zwingend erforderlich. In den vergangenen Jahren ist die Stadtbahnflotte von 164 auf bald 224 Fahrzeuge angewachsen. Perspektivisch, so heißt es in einer Beschlussvorlage, die am Dienstag im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik eingebracht werden soll, ist davon auszugehen, dass die Flotte langfristig aus rund 250 Fahrzeugen bestehen wird.

Trasse nach Hausen ist Pflicht

Doch auch der Trassenbau ist aus finanzieller Sicht ein Muss. Geld von Bund und Land gibt es nur, wenn ein großer Nutzungseffekt für die Öffentlichkeit vorliegt. Dazu braucht die SSB die Strecke zumindest bis Hausen. Ohne die Anbindung müsste die städtische Tochter die Trasse zum Betriebshof zu 100 Prozent stemmen.

„Den größten Batzen machen sicherlich die brutalen Baupreissteigerungen der vergangenen Jahre aus“, sagt SSB-Chefplaner Volker Christiani. Die seien seit 2016 um 53 Prozent in die Höhe geschnellt. Zudem seien die von Anfang an genannten Baukosten eher als „Hausnummern“ erhoben worden und seien auf Grundlagen von vorhergehenden Projekten entstanden. Was den neuen Betriebshof, in dem einmal rund 200 SSB-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter im Schichtbetrieb rund um die Uhr arbeiten werden, zudem extrem teuer macht: „Es ist ein in allen Bereichen sehr anspruchsvolles Bauvorhaben und nicht mit den drei anderen Betriebshöfen zu vergleichen“, sagt Volker Christian. Geothermieanlage im Außenbereich, Abwasserwärmetauscher, Energiezentrale für ein künftiges Nahwärmenetz für Hausen und nicht zuletzt die 4300 Quadratmeter große Fotovoltaikanlage, die aus 2150 Modulen besteht, seien zwar zeitgemäß und richtig, haben allerdings ihren Preis.

Teure Brückenbauwerke

Doch auch beim Trassenbau haben sich die SSB-Planer bewusst für die teurere Lösung entschieden. „Nach der Haltestelle Rastatter Straße werden wir aus der Bestandsstrecke der U 6 ausschleifen und runter auf die B 295 eine neue Brücke bauen“, so Christiani. So ein Bauwerk ist sehr teuer. Doch nur so könne die Trasse südlich entlang der Bundesstraße rund 1,2 Kilometer bis zur ersten Haltestelle vor der Kreuzung Flachter Straße/Gerlinger Straße/B 295 verlaufen. „Die oberirdische Lösung wäre einfacher und vor allem billiger gewesen“, sagt der Chefplaner. Allerdings hätte dort der Gleisbau sehr viel mehr Felder und Äcker in Anspruch genommnen. Die vielen Weilimdorfer Landwirte und Kleingärtner seien sehr dankbar über diese Entscheidung gewesen.

Ditzingen muss mehr bezahlen

Der Trassenbau bis Hausen kostet rund 140 Millionen Euro, die Verlängerung bis Ditzingen Hülben rund 70 Millionen Euro. Die Finanzierung erfolgt für den Abschnitt Rastatter Straße bis Hausen durch die SSB und für den Abschnitt Hausen bis Ditzingen Hülben durch die Stadt Ditzingen. Die SSB stellen für beide Abschnitte einen Antrag auf Zuschüsse über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz.

Die Preissteigerung sorgt natürlich bei Bund und Land für lange Gesichter, ändert aber nichts an der prozentualen Höhe der Zuwendungen. 75 Prozent der Kosten für den Trassenbau trägt der Bund und von den verbliebenen 25 Prozent übernimmt das Land 12,5 Prozent. Das Land unterstützt zudem den Bau des Betriebshofs aus einem anderen Fördertopf mit 50 Prozent. Der Zuschuss würde sich auf 75 Prozent erhöhen, wenn der Klimamobilitätsplan, an dem die Stadt momentan bastelt, greift.

Zahlen und Fakten

Stadtbahntrasse
Die neue Strecke ist 4,8 Kilometer lang. Geplant sind sechs SSB-Haltestellen, jeweils drei in Weilimdorf und Ditzingen. Insgesamt müssen zwei neue Stadtbahn- und zwei neue Feldwegbrücken gebaut werden.

Betriebshof
Neben der 9500 Quadratmeter großen Abstellhalle für 47 Stadtbahnzüge ist eine 6000 Quadratmeter große Werkstatt sowie ein Dienst- und Sozialgebäude mit Stellwerk (2400 Quadratmeter) geplant. Das Besondere: Die drei Gebäude bekommen ein gemeinsames, rund 18 600 Quadratmeter großes Gründach (Regenrückhaltung), dass zudem noch mit einer gut 4300 Quadratmeter großen Fotovoltaikanlage versehen wird.

Flächenbedarf
Der Gesamtbedarf an landwirtschaftlichen Flächen auf Stuttgarter Gemarkung ist groß: 4,8 Hektar für den Stadtbahnbetriebshof, zwei Hektar für die U-13-Trasse und 2,1 Hektar für Ausgleichsflächen. Für Baustellenlogistik und Zwischenlagerung des Erdaushubs werden etwa 3,8 Hektar Ackerflächen benötigt.

Artenschutz
Für Zaun- und Mauereidechsen werden entlang der B 295 und auf städtischen, landwirtschaftlichen Flächen temporäre und dauerhafte Habitate geschaffen. Für Feldlerchen wird eine Brutbrache angelegt. Für weitere Vogelarten, darunter auch Turmfalken, werden künstliche Nisthilfen geschaffen.

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