Stuttgart - Der Neckar meint es gut mit seinen Besuchern: Er glitzert wie eine etwas zu kitschig geratene Weihnachtsbeleuchtung. Fridas Pier, die neue Kultur- und Eventfläche in Stuttgart-Gaisburg, zeigt sich von ihrer besten Seite. Hinter dem ehemaligen Frachtkahn Wilhelm Knipscheer, der von Frühjahr 2019 an als schwimmendes Clubschiff das Publikum an den Fluss locken soll, duellieren sich ein Kran und ein Förderband darum, wer von beiden an diesem Tag das schönere Industriedenkmal darstellt. Einziger Störfaktor in dieser Kulisse, die ein wenig an das Gelände des Festivals Melt in Sachsen-Anhalt erinnert, wenn auch einige Nummern kleiner: Die vielen Autos, die an dem 500 Meter langen und 15 Meter breiten Streifen künftiger Spielfläche auf der B10 vorbeibrettern.
Deniz Keser und Tomas „Tome“ Aulicky vom Team Fridas Pier bitten in die Kapitänskajüte zum Gespräch. Jetzt wird es fies für alle Leichtmatrosen: In diesem Gespräch geht es nicht um das Popkultur-Projekt am Neckar, sondern um eine der anderen Pop-Baustellen der beiden Vielanschieber: Um das Stuttgart Electronic Music Festival, kurz Semf, das am Samstag auf der Messe Stuttgart stattfindet.
Egal ob Wasen, Lichterfest oder Messe: Aulicky und Keser haben ihre Finger mit im Spiel
Aulicky und Keser haben immer dann ihre Finger im Spiel, wenn es um den gepflegt produzierten Viervierteltakt geht. „Sky is the limit“ lautet eine beliebte Zeile im Hip-Hop, stets eingesetzt, um die eigenen Ambitionen, die bis zum Himmel reichen, zu unterstreichen. Der Hamburger Rapper Jan Eißfeldt von der Band Beginner hat diese Textzeile schon vor Jahren um den Satz „was ist dann mit der Nasa?“ erweitert, um zu zeigen, dass es immer einen gibt, der noch weiter will, Stichwort Mars, Mond und Co..
Deniz Keser ist so einer. Beim Interview trägt er passenderweise eine Jacke mit Nasa-Aufdruck. Keser ist ein Ideen-Generator, der mit seinen Vorhaben jene um den Verstand bringt, die seine Schnapsideen umsetzen müssen: Ein Rave integrieren in Stuttgarts größte Familienfeier, das Lichterfest auf dem Killesberg, damit auch rüstige Rentner lässig zum Bass wippen? Kein Problem. Eine Techno-Party auf dem Wasen feiern, bei der sich Lederhosen und Clubgänger in den Armen liegen? Hat im Oktober erstmals stattgefunden. Die Stuttgarter Messe als Deutschlands größten Dancefloor mit 22 000 Quadratmetern inszenieren? Wenn’s weiter nichts ist.
Wie haben sich die beiden Macher kennen gelernt?
Hört man Tome Aulicky eine Weile zu, kommt man zu dem Schluss, dass man Keser in seinem Antrieb, andere mit Ideen für neue Veranstaltungsformate zu überfordern, nicht stoppen kann. Man kann höchstens versuchen, sie einem strengen Realitätscheck zu unterziehen. Dafür ist er zuständig. Bezeichnend, wie sich die beiden Herren kennen gelernt haben. „Ich betreibe eine Bookingagentur. 2007 wollte ein Neu-Stuttgarter acht DJs von mir. Ich dachte, was ist denn das für ein Tagträumer, spätestens wenn er die Preise sieht, wird er kneifen. Drei Tage später hatte ich das Geld auf dem Konto“, erinnert sich Aulicky an seine erste Zusammenkunft mit Keser, der zuvor aus der fernen Pfalz nach Stuttgart eingewandert war.
Kurz nach der Überweisung für die DJ-Gagen wurde Aulicky von einem Flyerverteiler auf der Straße angesprochen. Der legte ihm die Techno-Party mit den Künstlern seiner Bookingagentur im Landespavillon wärmstens ans Herz. „Das ist aber ein fleißiger Promo-Mitarbeiter“, dachte Aulicky, ehe er nach einer Weile kapierte, dass der Party-Chef selbst, nämlich Keser, auch noch die Werbung übernommen hatte. „Ich habe ihn in mein Büro mitgenommen, danach stand er täglich auf der Matte, und dann bin ich ihn nicht mehr losgeworden.“
Der CDU-Kreisvorsitzende tanzt am frühen Morgen auf der Messe
Ähnlich hartnäckig bearbeitet Keser andere Mitbürger. Für die Semf auf der Messe konnte er zum Beispiel den CDU-Bundestagsabgeordneten Stefan Kaufmann als Schirmherrn gewinnen. Kaufmann setzt sich für das Festival ein, im Gegenzug inszeniert sich der Kreisvorsitzende der Stuttgarter CDU als christdemokratischer Raver um fünf Uhr morgens bei Facebook.
2017 Jahr war Kaufmann einer von 18 000 Gästen, die auf der Messe gefeiert haben. „Wir haben Besucher aus Mexiko, den USA oder Australien“, sagt der 43-jährige Aulicky, und der 42-jährige Keser ergänzt: „Die Messe als Standort ist ideal, mit dem Flughafen daneben und den Hotels.“ Die erste Semf hat 2008 auf der Freilichtbühne auf dem Killesberg stattgefunden, als Open Air: „Wir hatten Lärm-Beschwerden von Menschen, die 30 Kilometer entfernt leben“, sagt Keser. Beim Festival und bei der anschließenden After-Hour-Party in der alten Messe sei man vom Publikum überrannt worden. „Nach der Party bin ich in Flip-Flops durch die Halle gelaufen. Irgendwann war ich barfuß, weil ich ohne meine Schuhe weitergelaufen bin. Die sind auf dem Boden festgeklebt.“
Aus 30 Kilometern Entfernung gab es Lärmbeschwerden
Für die heutige, riesenhafte Form des Festivals haben sich Aulicky und Keser, die ihre eigenen Events mit drei Kollegen stemmen, mit der Ludwigshafener Veranstaltungsagentur Cosmopop zusammengetan. Anders wäre eine Veranstaltung in der Größe nicht zu realisieren: Cosmopop veranstaltet seit Jahren großdimensionierte Techno-Events, zum Beispiel die Time Warp, die 2018 erstmals mit 18 000 Gästen in Sao Paolo stattgefunden hat.
Keser und Aulicky wünschen sich mehr Unterstützung von der Stadt
Und was wünschen sich Aulicky und Keser für die Zukunft ihres Festivals in Stuttgart? „Mehr Unterstützung von der Stadt“, kommt es stereo zurückgeschossen. „Und weniger Polizeikontrollen“, sagt Keser. Im vergangenen Jahr wurden bei der Semf mehr als 250 Festivalgäste mit Drogen erwischt – bei 18 000 Besuchern. Sicherlich darf eine Stadt keinen Freibrief für Drogenkonsum ausstellen. Massive Kontrollen waren aber schon einmal mit daran schuld, dass ein Festival Stuttgart den Rücken gekehrt hat: 2009 wanderten die Hip-Hop-Open aus Stuttgart ab, der Veranstalter sprach damals von Kontroll-Schikane. Würde die Semf diesen Weg ebenfalls gehen? „Nein, wir sind Lokalpatrioten, wir wollen diese Stadt bereichern. Das Festival trägt nicht umsonst Stuttgart als erstes Wort im Titel“, sagt Tome Aulicky.