Im Hof des alten Schlosses ist am Freitagabend um 21 Uhr noch einiges los. Viele Gruppen stehen gesellig beieinander und trinken Glühwein, es schneit. Die Stimmung könnte so besinnlich sein. Doch auch ohne einen genaueren Blick auf die Buden zu werfen, wird schnell klar, wo sich die Menschen sammeln.
Während sich die Glühwein- und Essensstände über das gute Geschäft freuen dürften, ist unter den anderen Händlern deutlich der Frust über die neuen Öffnungszeiten zu spüren. Statt wie bisher von 10 bis 21 Uhr und freitags und samstags bis 22 Uhr zu öffnen, müssen die Beschicker dieses Jahr Sonntag bis Mittwoch von 11 bis 21, Donnerstag bis 22 Uhr und Freitag und Samstag bis 22.30 Uhr in ihren Buden stehen.
Beiwerk für die Glühweinstände
Eine Entscheidung, die vor der Eröffnung für so viel Ärger sorgte, dass selbst in der Politik über die neue Regelung diskutiert wurde. Händler befürchteten, dass die Menschen zu später Stunde zwar noch reichlich Glühwein trinken, aber keinen Gemüsehobel, Weihnachtsschmuck oder Keramik kaufen. Zwei Tage nach der Eröffnung sehen sich einige Beschicker in ihrer Annahme bestätigt.
„Für alle, die Essen und Trinken anbieten, sind die verlängerten Öffnungszeiten toll, wir sind nur das Beiwerk“, erzählt eine Beschickerin, die anonym bleiben möchte. Sie sei froh über die Stunde später, aber nach 19 Uhr sei bei ihr kaum noch was los. Eine Ecke weiter stimmen ihr die Händler zu, doch eine Verkäuferin berichtet, dass auch die Stunde weniger am Morgen für ihr Geschäft problematisch sei. Dass der Weihnachtsmarkt dieses Jahr erst um 11 Uhr öffnet, kommt auch dem Einzelhandel in der Innenstadt entgegen, der durch die neuen Zeiten bis elf Uhr beliefert werden kann.
Um halb sechs der letzte Kunde
Holger Klausing verkauft Besen und Bürsten und bestätigt das, was auch die Beschicker um ihn herum erzählen: „Wir beleuchten nur noch die Glühweinstände, 21 Uhr würde für uns völlig reichen.“ Ein paar Stände weiter steht Sebastian Schmidt. Seit um 17.30 Uhr der letzte Kunde etwas gekauft habe, sei nichts mehr passiert. 12 Stunden stehen sie freitags und samstags zu zweit hinter dem Verkaufstresen. Ihre Neffen würden sie ab und an ablösen, ansonsten seien sie die dreieinhalb Wochen alleine. Eigentlich seien sie gerne auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt, doch heute sei es katastrophal.
Der Geschäftsführer von in.Stuttgart Andreas Kroll hatte zugesagt, beim Weihnachtsmarkt eine Umfrage zu machen und notfalls im nächsten Jahr zu den bisherigen Öffnungszeiten zurückzukehren. Ein Versprechen, auf das viele Beschicker hoffen. Denn „wenn jeder Tag so abläuft wie heute, müssen wir uns überlegen, wie wir damit umgehen“, sagt Sebastian Schmidt.
Glühwein trinken statt Weihnachtsdeko kaufen
Zwischen dem Schiller- und dem Karlsplatz stehen mehrere Männer in einer kleinen Gasse um einen Stehtisch. Was alle Händler übereinstimmend berichten – die Menschen würden am Abend für den Glühwein kommen –, kann die Gruppe aus Sillenbuch nur bestätigten. „Uns geht es um den gemütlichen Teil, das Beisammensein, das während Corona zu kurz kam“, erzählt Daniel Lipinski. Zu später Stunde würden die Beschicker auf dem Schillerplatz untergehen. „Weihnachtsmarkt ist für uns ein Afterwork-Event“, pflichtet ihm Maximilian Dürr bei.
Uwe-Karsten Kramm verkauft Holzkunst aus dem Erzgebirge. Nachdem der Stuttgarter 20 Jahre im Antikzelt verkauft hat, steht er zum zweiten Mal zwischen Schiller- und Rathausplatz. Am Anfang habe es geheißen, jeder könne selbst entscheiden, ob man früher schließe. Die Regelung habe ihm am Anfang gut gefallen, aber für die Besucher sei es schade, wenn jede zweite Hütte geschlossen habe. „Aber nur für das Ambiente der Glühweintrinker zu sorgen, ist auch schwierig.“
Tatsächlich stand kurze Zeit das Angebot im Raum, dass Stände selbstständig um 21.30 Uhr schließen können. Doch der Veranstalter gab später bekannt, dass alle Stände bis zum Schluss geöffnet haben müssen – wer sich nicht daranhält, riskiert eine Abmahnung und Platzverbot. So erzählten es Teilnehmer der Beschickerversammlung.
Unterschiedliche Öffnungszeiten wäre wie ein Rausschmeißer
Jessica Geers und Laura Birkheuer schlendern kurz nach zehn mit einer Tasse Glühwein über den Schillerplatz. Sie finden es schön, dass alle Buden so lange geöffnet haben. „Wenn dazwischen schon Stände geschlossen wären, hätte man das Gefühl, es wird schon zugemacht.“
Während sich die Gruppe aus Sillenbuch mit einer neuen Runde Heißgetränke versorgt, hat bei den Beschickern die letzte halbe Stunde begonnen. Und in 12 Stunden geht es wieder von vorne los.