Stuttgarter Weißenhofsiedlung Wie ein Sechser im Lotto

Aushängeschild der Weißenhofsiedlung: das Le-Corbusier-Doppelhaus, in dem das Weißenhofmuseum seinen Sitz hat Foto: dpa/Franziska Kraufmann
Aushängeschild der Weißenhofsiedlung: das Le-Corbusier-Doppelhaus, in dem das Weißenhofmuseum seinen Sitz hat Foto: dpa/Franziska Kraufmann

Die 1927 errichtete Weißenhofsiedlung gilt als Meilenstein der Architekturgeschichte. Im Vorfeld des Hundert-Jahr-Jubiläums fragt ein schmales Buch nach der Brauchbarkeit im Jetzt und Heute – und in der Coronapandemie.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)
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Stuttgart - 2027 steht der Stuttgarter Weißenhofsiedlung das Hundert-Jahr-Jubiläum ins Haus; die jetzt schon kräftig städtebaulich wirbelnde IBA ’27 knüpft direkt an das Stuttgarter Moderne-Experiment an. Man sieht die Publikationslawine schon rollen. Aufatmen lässt, dass der Deutsche Werkbund Baden-Württemberg (DWB), 1927 als Württembergische Arbeitsgemeinschaft Ausrichter der damaligen Wohnausstellung, zu seinem hundertjährigen Bestehen nicht die x-te Historie, Würdigung oder Rezeptionsnacherzählung editiert. Stattdessen fragt die DWB-Stadtgruppe Stuttgart in dem Bändchen „Die Werkbundsiedlung auf dem Weißenhof. 100 Jahre zeitnah“ nach dem Jetzt und Heute des Kulturdenkmals. Konkret: Wie brauchbar ist das weltberühmte Freilicht-Museum überhaupt noch?

25 Jahre Wohndauer im Schnitt

Im Sommer 2020 die Befragung der Bewohnerschaft. Ergebnis: Unter den Mietern der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben ist die Zufriedenheit groß. Ein Sechser im Lotto, Lebenstraum erfüllt: So lauteten deren Reaktionen, als sie die Mietzusage bekamen. Keineswegs fühle man sich wie in einem Museum, mit den Architektur-Aficionados aus aller Welt, denen man auf Schritt und Tritt begegne, gebe es „schöne Begegnungen“. Häuser wie Wohnungen, so das Resümee, seien trotz mancher bautechnischer Mängel auch heute „zeitgemäß und lebenswert“. Die durchschnittliche Wohndauer ist ein verlässlicher Index: 25 Jahre! Wenig attraktiv sind indes die Frei- und Grünflächen, sie würden kaum genutzt. Woran liegt’s? Das schmale Buch füllt einen weißen Fleck, wenn es dem Grün in der Siedlung eine eingehende Betrachtung widmet und herausfindet: Eine übergeordnete Konzeption für Gartengestaltung gab es und gibt es nicht. Ein klarer Arbeitsauftrag bis zum Jubiläum, oder?

Grün-Konzeption? Fehlanzeige

Licht, Luft, Sonne gestern und heute

In Pandemiezeiten wiederholt sich die Geschichte. Gesundheit durch Licht, Luft, Sonne: Die Grundrisse mit ihren Balkonen, Terrassen und Freisitzen sind das Ergebnis dieser Grundidee der Moderne, die nach Krieg, Spanischer Grippe und TBC einen neuen, gesunden Menschen vor Augen hatte – und sie kommen den Bewohnern in der Covid-Pandemie ebenfalls enorm zugute, auch das belegt die Befragung.

Erst Flach-, dann Sattel-, dann wieder Flachdach

Zu denken gibt, was die Herausgeber zur Wirkmächtigkeit von Bildern zu sagen haben: Die Fotografien von 1927, die damals um die Welt gingen, prägen die Wahrnehmung der Siedlung bis heute – sind aber nicht mehr gültig: Fotostrecken im Buch dokumentieren wechselnde Bauzustände einzelner Häuser von Dekade zu Dekade.

Deutscher Werkbund als Herausgeber

Die Werkbundsiedlung auf dem Weißenhof. 100 Jahre zeitnah.
Hg: Deutscher Werkbund Baden-Württemberg, Stadtgruppe Stuttgart. Av edition, Stuttgart. 80 Seiten, 20 Euro.




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