Die Natur lässt sich für die Fortpflanzung einiges einfallen
Der Mensch, ganz klar, ist schließlich selbst ein Tier. Kölpin sagt, was alle Tiere, den Menschen eingeschlossen, vereine, sei: „Unsere Gene wollen in die nächste Generation.“ Lange habe man in der Biologie geglaubt, es gehe beim Fortpflanzungstrieb um Arterhaltung. Aber die Erhaltung einer ganzen Art sei einem Individuum schlicht egal. Es gehe nur um das eine: die eigenen Gene weitergeben zu können. Dafür muss der einzelne selbst überleben, anderen begegnen, mit anderen interagieren, klar kommen. „Irgendwie müssen alle zueinander finden.“ Dafür lässt sich die Natur einiges einfallen, und daraus resultierten Sozialverhaltensweisen, die ritualisiert sind.
Wie ist zu erklären, dass sich einzelne Tiere nicht fortpflanzen wollen? „Das ist, was man in der Wissenschaft random nennt – kommt vor, setzt sich nicht durch.“ Kinderlosigkeit könne sich nicht fortpflanzen, ebenso wenig wie Homosexualität, die auch bei Tieren zu beobachten sei, sagt Kölpin.
Bei den Säugetieren investiert das Weibchen mehr in den Nachwuchs
Beziehungsstrukturen setzen sich durch, weil sie evolutionär betrachtet Sinn ergeben, erklärt der Zoodirektor. „Für Vögel, die sich die Brutpflege teilen, ist es gut, ein absolut perfektes Team zu sein.“ Wenn sich da zwei gefunden haben, die gut funktionieren, geht man nicht das Risiko ein, das aufzugeben.
Also wie bei den Menscheneltern der gleichberechtigten Kleinfamilie? Tja, nein: „Der Brutaufwand beim Säugetier ist zum Weibchen hin verschoben“, sagt Kölpin. Es kann davon ausgehen, nicht oft Nachkommen zu zeugen und investiert daher viel in die „Würfe“. Männchen hingegen suchten meist rasch das nächste Weibchen, um sich effektiv fortzupflanzen. „Das ist ein klassischer Interessenskonflikt.“
Sex kann gefährlich werden – auch bei Tieren
Bei manchen Tierarten ist die Paarung sogar mit Gefahren verbunden, erklärt Thomas Kölpin. Etwa bei Arten, bei denen oft Kämpfe zwischen Männchen stattfänden. „Dann ist der Evolutionsdruck da, größer zu werden.“ Das lasse sich beispielsweise bei See-Elefanten beobachten, da sind die Männchen über die Zeit immer größer und größer geworden, was ein Ungleichgewicht mit den Frauen hervorgebracht habe.
Die müssen also aufpassen, das der Mann, dem sie sich annähern, auch wirklich die Paarung will. Wenn nicht, kann es für sie gefährlich werden in der Nähe dieses Riesentypen. „Und nach der Paarung muss das Weibchen schauen, dass es Land gewinnt, das ist für sie recht heikel“, sagt Kölpin. Genau solche Gefahren haben dazu geführt, dass sich bei vielen Tieren soziale Gruppen heraus gebildet haben: sie bieten besonderen Schutz für einzelne.
Der Spinnenmann versucht, Futtergeschenken zu überleben
Manche können trotzdem nicht gerettet werden: nämlich viele Spinnenmänner, die von der Dame nach der Kopulation aufgefressen werden. „Manche Arten investieren wahnsinnig viel in den Nachwuchs“ – der aufgefressene Mann dient einfach als zusätzliche Eiweißquelle. Manche Spinnenmänner bringen der Frau leckere Futtergeschenke vor der Kopulation, in der Hoffnung, so noch ihrem Schicksal entgehen zu können. Das klappt leider nicht immer.
Aber es gibt immer Ausnahmen von der Regel. So beispielsweise auch bei den Gibbons, einer Affenart. „Sie leben monogam, doch für die Nachbarn macht man hier eine Ausnahme“, sagt Kölpin. Das Männchen, weil die Nachbarsfrau eben auch attraktiv wirkt, das Weibchen, um den männlichen Nachwuchs vor Übergriffen durch den Nachbarn an der Grenze zwischen zwei Revieren zu schützen. Glaubt der, die Kinder könnten auch von ihm sein, lässt er sie in Ruhe weiterleben.
Zoo als Chance, das Verhalten der Tiere zu beobachten
Der Zoo, sagt Thomas Kölpin, bietet für Forscher Chancen, das Verhalten der Tiere besser zu beobachten als das in der Natur überhaupt möglich wäre, und kann so vieles zu neuen Erkenntnissen in der Forschung beitragen.
Wichtig ist Kölpin, dass die Tiere ein Umfeld vorfinden, in dem sie sich auch natürlich verhalten – sonst bringe die ganze Betrachtung nichts. Aus diesem Grund müssen die Tiere erst in der Natur gut beobachten werden, um abschätzen zu können, welches Verhalten artgerecht ist. Der Zoo-Chef meint: „Es ist wichtig, Respekt dafür zu haben, dass alle Tiere anders sind, sie leben anders als wir, alles ist Natur und hat seine Berechtigung.“