Die 28-jährige Social-Media-Managerin Maya Saric trägt ausschließlich Fair-Fashion oder Second-Hand-Kleidung. Für sie war Mode schon immer ein großes Thema. Daher fällt 2015 ihre Entscheidung auf ein Mode Management Studium. Während dieser Zeit erwacht ihre Liebe zur Nachhaltigkeit und bestimmte Probleme in der Modebranche treten in ihr Bewusstsein.
Eine alternative Modenschau im Fluxus
„Im Studium wurden Themen wie Kinderarbeit nur am Rande behandelt. Viel mehr wurde darüber gesprochen, dass Zara eine zweiwöchige Lieferkette hat. Hier ging es um den logistischen Hintergrund und nicht darum, was in diesen zwei Wochen passiert, damit so schnell und günstig produziert werden kann.“
Durch eine Projektarbeit beschäftigt sie sich vermehrt mit dem Thema Regionalität und organisiert daraufhin im Fluxus eine alternative Modenshow mit lokalen Designer:innen und Second-Hand-Mode. So stößt sie auf die Fair-Fashion-Labels Mademoiselle Yéyé und Wiederbelebt.
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Weite Landschaften mit Textilmüll
Und irgendwann kommt der Aha-Moment. Maya entdeckt ein Foto mit einer weiten Landschaft voll mit Textilmüll. Es handelt sich dabei um Kleidung, die von Europa und aus den USA nach China verschifft worden ist und vor sich hin verrottet. Niemand ist dafür verantwortlich. Einzelne Leute versuchen zwar etwas aufzugabeln, aber der riesige Müllberg wird nicht mehr verschwinden.
„Für mich war dies der Punkt, an dem ich entschieden habe, für mich gibt’s keine Fast-Fashion mehr.“, erzählt die Aktivistin. Von nun an kauft sie nur noch Second-Hand-Kleidung und stellt fest, dass der Fair-Fashion-Markt deutlich größer ist, als gedacht und man auch mit Ökomode ziemlich stylisch aussehen kann.
Rana Plaza
Der traurige Hintergrund der Fashion Revolution Week geht auf eine der größten Tragödien der Industrie zurück. Am 24. April 2013 ist in Bangladesch die Textilfabrik Rana Plaza eingestürzt. Dort waren 5000 Näher*innen beschäftigt, überwiegend Frauen.
Über 1100 Menschen sind dabei gestorben, über 2500 wurden verletzt. Die Fabrik hat damals für große Namen in der Fashionszene produziert.
Die Aktivist:innen der Organisation Fashion Revolution bemühen sich seitdem aktiv um eine Revolution in der Modewelt. Ihr Ziel ist es, dass die Modebranche fairer und nachhaltiger wird und vor allem, dass die Textilarbeiter:innen bessere und sichere Arbeitsbedingungen erhalten. Rana Plaza soll sich nicht wiederholen.
Die Organisation entstand ursprünglich in England. Mittlerweile hat sie sich zu einem globalen Netzwerk entwickelt, mit Standorten in Afrika, Asien, Süd- und Nordamerika sowie Europa. Während dieser Woche finden Demos und Events statt, die über die Missstände in der Modewelt aufklären – sowohl online als auch vor Ort.
Aktionen während der Fashion Revolution Week
Maya erklärt, was jede:r konkret tun kann: „Wir werden durch den Hashtag #Whomademyclothes dazu aufgerufen, die Etiketten unserer Kleidung zu untersuchen. Von wo stammt meine Kleidung und wer hat sie gemacht? Wie behandelt die Marke seine Textilarbeiter:innen und Näher:innen? Wurde die Person, die das Garn angebaut hat, die die Klamotte gefertigt hat, fair entlohnt, kann sie unter gerechten Menschenbedingungen arbeiten? Und wenn euch etwas komisch vorkommt: Schreibt dem Modellabel!“
Als Social-Media-Managerin klärt die Fair-Fashion-Liebhaberin auch regelmäßig auf ihrem Instagram Account und auf dem Ihres Arbeitgebers zum Thema auf.
In Stuttgart gibt es von Fashion Revolution keine Untergruppe, doch Maya weist uns auf die Zusammenarbeit von „Wir ernten was wir säen“ und „Future Fashion“ hin. Es werden unter anderem Fair-Fashion-Walk-Tours oder Talks organisiert.
Fashion Revolution bietet vor allem während dieser besonderen Woche viele Online-Events mit Vorträgen und Aktionen an.
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Maya schlägt außerdem vor, Kleidung auszumisten und diese auf einer Kleiderstange vor die Haustüre zu stellen, um so die alte Kleidung weiterzugeben oder eine Kleidertausch-Aktion zu starten.
„Natürlich kann man auch immer protestieren, das Wichtigste ist es Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Kleidung eigentlich in einer Art und Weise Luxus ist und das wir diesen Luxus viel mehr wertschätzen und unsere vorhandene Kleidung pflegen sollten. Wir müssen uns viel mehr Gedanken darüber machen, wie Kleidung entsteht und nicht einfach annehmen, dass sie gegeben ist.“
Ernüchternde Bilanz nach neun Jahren
„Wir können nicht mehr so Mode wirtschaften, wie wir es gerade machen, wenn wir versuchen wollen sozial und klimaverträglich zu sein.“ In diesem Punkt ist sich Maya sicher. Aber hat sich in den letzten Jahren nach Rana Plaza die Fashion Branche weiterentwickelt?
Inzwischen gibt es immerhin ein größeres Bewusstsein für die miserablen Umstände, die hinter den Modemauern lauern. Wirtschaftlich gesehen haben sich die Zahlen jedoch verschlechtert. Es gäbe zwar einen Markt für die Biobaumwolle, doch dieser ist in den letzten Jahren sogar geschrumpft. Maya schätzt von ca. acht auf fünf Prozent.
Als Social-Media-Managerin einer Fair-Fashion-Brand weiß sie, dass die nachhaltige Modeindustrie nur einen Anteil von 0,5 Prozent des gesamten Modemarktes ausmacht. Da ist noch sehr viel Luft nach oben. Die Modeaktivistin ist froh darüber, dass Fast-Fashion-Unternehmen wenigstens erkannt haben, dass ihre Konsument:innen vermehrt nachhaltige Mode verlangen.
Diese positive Nachricht, bringt aber das nächste Problem mit sich: Greenwashing. Obwohl die Unternehmen Greenwashing betreiben, (oder gerade deshalb?) schwappt der Nachhaltigkeitgedanke in den Mainstream über.
Trotzdem gibt es mehr Mode-Unternehmen, die beispielsweise recycelte Materialien für ihre Kleidung verwenden: "Es werden beispielsweise PET-Flaschen recycelt. Somit kommt hier kein neues erdölbasiertes Plastik ins Spiel."
Laut Maya gibt es noch ein weiteres Problem: „Mittlerweile sind wir von Fast-Fashion sogar bei Ultra-Fast-Fashion angelangt, wo gewisse Unternehmen tausende Artikel pro Tag hochladen und trotzdem die Frechheit besitzen, sich nachhaltig zu nennen. Denn keine Firma kann so viele Klamotten in so einer kurzen Zeit produzieren und nachhaltig sein. Egal, was sie dir erzählen.“
Innovative Materialien
Maya begeistert sich für nachhaltige Materialien: „Viele Öko-Marken bringen heute einen modernen Twist rein, aber arbeiten trotzdem mit interessanten Materialien. Ich finde es sehr spannend, dass mit alten Obstschalen Schuhe kreiert werden, die nicht nur bequem sind, sondern auch noch gut aussehen.“
Eine gute Nachricht ist, dass es Innovationen in punkto Materialien gibt. Maya nennt hier unter anderem Tencel, Ecovero oder Hanf: „Die Leute erkennen, dass wir mit den Ressourcen, die wir auf der Welt haben nicht mehr allzu lange durchkommen werden.“
Laut Maya existiert von Ökomode leider noch immer ein falsches Bild. Oft denken Menschen, die sich noch nie mit nachhaltiger Mode auseinandergesetzt haben, die Kleidung würde an einen unförmigen Kartoffelsack mit kratzigem Material erinnern.
Am Ende unseres Interviews weist uns Maya noch darauf hin, dass das Thema Fast-Fashion noch gar nicht so alt ist. Das Phänomen Fast-Fashion stammt aus den Neunzigern und Mayas größter Wunsch ist es, jetzt wieder die Kurve zu kriegen und dass die Menschen verstehen, dass niemand ein Anrecht darauf hat, günstige Mode tragen zu können, mit dem Gewissen, dass jemand anderes dafür bezahlt. Mit menschenverachtenden Arbeitsbedingungen oder wie im Fall Ranza Plaza, sogar mit dem eigenen Leben.
Wo kann ich mich informieren?
Die Webseite der Fashion Revolution bietet neben englischsprachigen Infos auch viel deutschsprachiges Material, es gibt sogar vorgeschriebene Protestmails. Aktivismus war noch nie einfacher und Maya erinnert uns, dass eigentlich jede:r fünf Minuten Zeit hat, um sich zu engagieren.