Christoph Ganter steht in einem etwa vier Quadratmeter großen Lichtschacht. Die Stuttgarter Bauberatungsfirma Drees & Sommer hat ihn beauftragt, auf eine kahle Betonwand ein schönes Graffiti zu sprühen. Die Mitarbeiter sollen in der Kantine, die direkt danebenliegt, nicht nur auf langweiliges Grau blicken. Christoph Ganter, 38, ist kein Maler, sondern Fassadenkünstler. Ein Sprayer.
Seit mehr als 25 Jahren ist er in der Szene unterwegs. Bei einem Schulprojekt Anfang der 90er hat er gesehen, wie ein Graffito entsteht und durfte sich ausprobieren. Seitdem hat er nicht mehr aufgehört. Mit dem Gesetz nahm er es anfangs nicht so genau. Als Zwölfjähriger wurde er erwischt, wie er sich auf einer Hauswand verewigte. „Wir hatten in der Nacht zwei oder drei Wände gemalt. Irgendein Anwohner hat die Polizei gerufen – und wir waren so doof, zwei Stunden später noch mal an der Wand vorbeizulaufen.“ Was die Polizisten in den Rucksäcken fanden, waren erdrückende Indizien.
Sein Vater ist Richter
Über die folgende Hausdurchsuchung – in so einem Fall Standardprogramm – zeigte sich Christophs Vater nicht sonderlich begeistert. Wer könnte es einem Richter beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe verübeln? „Es gab mächtig Ärger.“ Doch der Schock saß nicht tief. Das war nur Pech, dachte sich Chris – und war bald wieder unterwegs. Nach zwei weiteren Durchsuchungen und Standpauken des Vaters sah er langsam ein, dass „illegales Malen nicht so gut ist, wenn man noch was vorhat mit seinem Leben“.
Von nun an malte er nur noch, wo er durfte. Seine Mutter fuhr ihn regelmäßig vom Heimatort Weil der Stadt nach Sindelfingen, wo es eine legale Wand für Sprayer gab. Inzwischen hat fast jede größere Stadt solche Halls of Fame – von Nairobi bis Teheran, vom sibirischen Omsk bis Bad Cannstatt.
Im Lichthof sind jetzt die Umrisse des neuen Spraywerks fertig. Bevor es ans Ausmalen geht, steigt Ganter durch das Fenster in die Kantine. Jetzt hat er mehr Abstand und kann seine Vorzeichnung besser sehen. Ein modernes Stillleben. „Das gab’s schon tausendmal in der Kunstgeschichte, aber auf die Art hat es vermutlich noch keiner gemacht.“ Er steigt wieder durchs Fenster. Zieht noch einmal an der Zigarette, wirft auf dem Smartphone die Reggae-Musik-Playlist an. Setzt die Atemschutzmaske auf. Die nächste Dose klackert. Wie beim Malen nach Zahlen füllt er seine Formen nach und nach mit Farbe.
Die Aufträge werden größer
Der Sprung ins Legale brachte dem aufstrebenden Farbkünstler ein Problem. Aufmerksamkeit bekam er nun nicht mehr durch Graffiti an spektakulären und gefährlichen Orten wie Bahnwaggons. Nun zählte Qualität. Er sprühte jeden Tag, probierte und kreierte ganz autodidaktisch seinen eigenen Stil.
Die erste Auftragsarbeit war für einen Kumpel. Dann kam ein Jugendhaus, die Aufträge wurden größer – Jeroo, wie er sich bald nannte, war der Stern am Sprayerhimmel. In Australien besprühte er die Höhle von Crocodile Harry, dem Vorbild für die Filmfigur Crocodile Dundee. In Südamerika erlebte eine ganz andere Mentalität als in Deutschland. Wenn er dort Brücken besprühte, freute man sich und steckte ihm Geld zu.
Wie ein Tier in der Wilhelma tigert Ganter in seinem Käfig in Vaihingen umher. Vier Stunden ist er nun am Werk. Immer wieder kommen Mitarbeiter in die Kantine und schimpfen über den Gestank. Sie bestaunen aber auch den Fortschritt der Arbeit und freuen sich über die neue Farbe, rätseln über das, was sie da sehen. Eine Zitrone und eine Erdbeere erkennen sie. Und das da vorne? „Ein Kürbis“, antwortet der Künstler.
Er arbeitet auch für den Feind
Die gut 80 Spraydosen braucht er nicht, weil die Fläche so groß ist, sondern, weil er die Farben nicht mischen kann. Um seine Zitrone plastisch darstellen zu können, braucht er von Senfgelb zu Currygelb mehrere Farbabstufungen. Monatlich verbraucht er etwa 50 Dosen, bei größeren Aufträgen können es auch 300 werden. „Die Dosen haben den grünen Punkt, sind restentleert und haben kein Blei und kein FCKW mehr“, sagt er. Gesund ist der beißende Geruch der Farben dennoch nicht, deswegen die Maske. Ganter klettert wieder in seinen Käfig. Die Erdbeere muss er sich noch einmal anschauen. „Ich habe noch nie eine Erdbeere gemalt.“
Zu seinen Auftraggebern zählt inzwischen auch die Deutsche Bahn. Den Bahnhof Sommerrain hat er mit einem meterlangen Graffiti verschönert. „Das ist auf der einen Seite schön, weil es für einen Sprüher ein Traum ist, solche Hotspots legal anzumalen“, sagt Christoph Ganter. Auf der anderen Seite ist die Bahn ja irgendwie eine Art natürlicher Feind des Sprayers. „Das stößt manchen in der Szene natürlich bitter auf. Die sagen dann, das wär nicht mehr authentisch. Oder sie schimpfen, dass ich ihnen jetzt die illegalen Flächen wegnehme.“
Jeroo steht da inzwischen drüber. Er ist erwachsen geworden, hat eine Frau, zwei Kinder, die müssen versorgt werden. „Ich habe eine Verantwortung und kann nicht mehr nachts im Busch sitzen.“ Tatsächlich muss er sich sogar Zeit zum Sprayen freischaufeln. Er hat neben der Familie und dem Sprayen nämlich noch einen bürgerlichen Beruf: Lehrer für Sport und Englisch am Fanny-Leicht-Gymnasium in Stuttgart-Vaihingen. Warum unterrichtet er nicht Kunst? „Ich definiere mich über Kunst. Und ich will sie mir von gelangweilten Schülern nicht versauen lassen.“
Über Preise redet Jeroo nicht
Auch wenn es schon seit Jahrzehnten keine polizeiliche Durchsuchung im Hause Ganter mehr gab, ist sein Vater immer noch nicht begeistert von dem, was sein Sohn so auf Betonwänden macht. Auch wenn alles legal ist, seine Aufträge immer größer und lukrativer (über Preise redet Jeroo nicht) werden. „Bleib bei deinen Leisten“, rät er seinem Sohn oft, „die Kunst ist so unsicher“. Doch der Sohn kann nicht anders. „Natürlich bin ich auch Herr Ganter, der Lehrer. Aber das bin ich noch nicht so lange, wie ich Jeroo, der Graffitikünstler bin. Und der war es, der meine Identität geprägt hat.“
Die sozialen Medien hätten viel verändert, weil der Zugang zu Graffiti heute so einfach sei, sagt Ganter. „Über Instagram und Youtube kann man jederzeit 1000 geile Graffiti konsumieren.“ Vor dem Internet orientierten sich Sprayer nicht an Bildern in LA oder Paris, sondern an Local Heroes. So entstand in jeder Stadt ein eigener Style: „In Heidelberg gab’s den Oldschool-Style. In Stuttgart war der Style sehr an Basel orientiert, Dortmund war immer blockig.“ Inzwischen habe sich das komplett aufgelöst. „Jetzt gibt’s ein paar weltweite Graffiti-Heroes. Denen eifern alle nach, alles ist uniformer geworden.“
Ein letztes Mal klettert er in seinen Käfig, zieht die Maske auf und fängt an zu sprühen. Diesmal seine Unterschrift. Buchstaben, damit hat alles angefangen. Dass er jetzt Tiere und Obst malt, ist noch relativ frisch. Ein letztes Mal haucht die Dose ihre Farbe aus. Das Graffiti-Stillleben ist fertig. Nach der Kantinenwand in Vaihingen folgt demnächst eine 400-Quadratmeter-Hauswand in Essen. Da werden sieben Stunden nicht reichen.