Herr Runge, großer Sport ist ihnen nicht fremd, oder?
In der Tat. Ich war als Projektmanager und Leiter bei dem Start-Up Plan Valley in Tübingen. Da ging es um Medientechnik, darum Werbepartner perfekt zu platzieren. Ich war auf dem Southside-Festival, dann sind wir in den Sport, ich habe viele Champions-League-Spiele, Fußballturniere in den USA, den FC Basel betreut.
Das war dann zu viel Fußball?
Das ist mir zu sportlastig geworden. Ich habe meinen Master in Künzelsau gemacht und einen Neustart gewagt. Seit meinem 16. Lebensjahr habe ich ehrenamtlich Veranstaltungen gemacht, das hat mich die ganze Zeit begleitet. Ich war hier in Stuttgart bei Contain’t die letzten beiden Jahre bevor sie umgezogen sind, und habe dann mit Freunden das Kollektiv Waltraud Lichter gegründet.
Das ist was anderes als Champions League?
Ja. Eindeutig. Du hast auf der einen Seite diese krasse Professionalität, auf der anderen Seite dieses Herzblut und Leidenschaftliche, wo es aber mitunter an den Strukturen hapert. Aber diese Bandbreite findet man ja gerade auch im Nachtleben.
Was reizt Sie an der Stelle?
Die Mischung aus politischer Arbeit und Szenearbeit, diese unterschiedlichen Interessen zu bündeln, zusammenzuführen, das hat mich immer interessiert.
Was haben sie sich vorgenommen?
Wir planen eine ökonomische Studie, die auflistet, was ist vorhanden, was ist zu wenig da, wo liegt der ökonomische Wert, wo ist der kulturelle und soziale Nutzen dieser Einrichtungen? Da haben wir erste Angebote eingefordert. Dann bin ich dabei, die Strukturen von der Stelle so zu fassen, dass wir gemeinsam direkt gut starten können. Es wird ja ein Kollege oder eine Kollegin hinzukommen, da werden wir Gespräche führen, wie wir die Aufgaben verteilen. Dann bin dabei ein Konzept zu erstellen, was ich abprüfen möchte, mit den Akteuren des Nachtlebens. Um das dem Gemeinderat zu präsentieren und den ein oder andern Punkt im Doppelhaushalt zu platzieren.
Zunächst gilt es ja mal die Trümmer wegzuräumen.
Man wird die Folgen der Pandemie erst so richtig sehen, wenn es wieder losgeht. Das Insolvenzverfahren war ausgesetzt. Mit dem Betrieb beginnt die Doppelbelastung; dann wird sich zeigen, wer bestehen kann. Da kommen die Stundungsrückzahlungen und die normalen Fixkosten wie Miete und Personal zusammen auf die Betreiber zu.
Was kann man jetzt tun?
Es gibt eine ämterübergreifende Projektgruppe, die Freiflächen sucht. Die Clubs und Spielstätten haben derzeit keine Möglichkeit, Umsätze zu generieren und sich ihren Gästen zu präsentieren. Sie wollen zeigen: wir sind noch da, wir haben Lust was zu machen. Das Projekt wurde angestoßen vom Club Kollektiv und im Antrag Perspektive für die Clubkultur von den Grünen eingebracht. Auch OB Frank Nopper unterstützt meines Wissens die Suche. Die städtische Wirtschaftsförderung übernimmt die Kommunikation mit den Ämtern, damit man schnell an einem oder zwei Orten was bieten kann.
Gibt es Flächen?
Geprüft werden das Eiermann-Areal und zentral gelegene Flächen wie zum Beispiel den Kleinen Schlossplatz. Gerade in der Innenstadt wäre es wichtig, dass wir mit der mobilen Jugendarbeit, mit dem Club Kollektiv ein gesamtgesellschaftliches Projekt daraus machen. Die Oper hat angekündigt, dass sie Interesse hätte. Wir wollen vermitteln, Akteure zusammenbringen. Dann hätten wir eine Fläche in der Innenstadt, wo man bis 22 Uhr etwas machen kann, etwas ruhiger, aber zentral. Und eine Fläche, wo man vielleicht ein bisschen lauter sein kann.
Nun mischen sich in der Innenstadt viele unterschiedliche Milieus.
In meiner Masterarbeit habe ich mich damit auseinandergesetzt. Natürlich gibt es Hürden im Nachtleben, sei es Türsteher, seien es Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität, Geldbeutel. Da muss man sich überlegen, wie kommt man an diese Menschen heran. Was wollen sie? Was brauchen sie?
Gibt es Ansprechpartner?
Es gibt das Sprachrohr Jugendhausgesellschaft, das Forum der Kulturen, den CSD-Verein, das Feministische Frauengesundheitszentrum Stuttgart. Im von mir ins Leben gerufene Netzwerk Nachtleben liegt der Fokus natürlich auf Spielstätten, Clubs, der getränkegeprägten Gastro, aber es soll ein Angebot sein, mit dem ich eben auch andere Menschen erreichen möchte.
Was könnte man tun?
Ich fände es richtig, wenn man es schaffen würde, Freiflächen zu etablieren, die ein niederschwelliges Angebot bieten. In Halle gibt es Flächen, die recht unbürokratisch gemietet werden können, eine gewisse Infrastruktur wird von der Stadt gestellt. Dort können sich junge Leute ausprobieren.
Was wird die Zukunft bringen?
Zwischennutzung ist generell was Spannendes. Warum nicht nachmittags einen Club als Yoga-Studio nutzen. Oder an welchen Orten ist tagsüber Leben, wo könnte man Nachtleben reinbringen?
Die Stadt wird sich ohnehin verändern.
Auch Stuttgart wird sich fragen müssen, wie wird sich die Stadt der Zukunft entwickeln. Wohnen, Kultur, Clubs, Gastro, wie bringt man das zusammen? Wie mischt man Gebiete, dass möglichst viele Akteure daran teilhaben können. Der Bundestag will ja Clubs und Spielstätten als kulturelle Orte anerkennen. Dann könnte man die in anderen Gebieten entwickeln.
Also auch außerhalb der Innenstadt?
Ja. Etwa auch in Mischgebieten. Da gibt es Lösungen. Etwa das Hamburger Fenster, Schallschutzfenster, die man gekippt offen halten kann. Oder entzerrte Sperrzeiten, Amsterdam hat das super gemacht, Störungsmeldungen um 30 Prozent binnen zweier Jahre gesenkt, sie haben Licht installiert, neue Wegekonzepte entwickelt, eine App und Community Officer eingesetzt.
Clubs neben Wohnungen, da drohen Konflikte?
Das ist ein Prozess, den man begleiten und moderieren muss.