Stuttgarts Partymeile Die Theo ist halb tot! Es lebe die Theo!

Von Uwe Bogen 

Ist die Partymeile Theo, die über viele Jahre Stuttgarts Nachtleben geprägt hat, am Ende? Immer mehr Clubs schließen. Die verbleibenden Wirte klagen über nachlassenden Besuch. Nur an wenigen Orten brummt’s. Ein Rundgang.

Nächtliches Leuchten auf der Theodor-Heuss-Straße, auf der sich seit 2001 Bars  und Clubs angesiedelt haben. Foto: Stuttgart-Marketing GmbH / Achim Mende 12 Bilder
Nächtliches Leuchten auf der Theodor-Heuss-Straße, auf der sich seit 2001 Bars und Clubs angesiedelt haben. Foto: Stuttgart-Marketing GmbH / Achim Mende

Stuttgart - Wenn es Nacht wird auf der Theodor-Heuss-Straße, sind die Radarfallen scharf. Nach 22 Uhr darf man nur mit 30 Sachen auf der B 27 zwischen Rotebühlplatz und Bahnhof schleichen. Blitzende Säulen drosseln die Autofahrer. Wer oder was die Wirte der Partymeile ausbremst, die kumpelhaft Theo genannt wird, ist indes nicht so eindeutig.

Raimund Welte von der California Bounge am Börsenplatz ist fast froh, dass sich sein Lokal in der zweiten Reihe der Ausgehmeile befindet. Von der Flaute der Theo sei er deshalb nicht direkt betroffen. Das maritime Flair seiner Terrasse lockt Gäste, denen Relaxen wichtiger ist als das Partymachen. Doch auch bei ihm ist nicht alles eitel Sonnenschein. Wirt Welte sieht für den Umsatzrückgang vor allem zwei Gründe. „Bei den steigenden Mieten haben die Leuten immer weniger Geld zum Ausgeben“, sagt er. Und obendrein halte das Dieselfahrverbot Bewohner des Umlands davon ab, zum Feiern nach Stuttgart zu fahren.

Zum Finale brummt der Club Rohbau

Die California Bounge ist mit 20 Jahren ein Klassiker der Nacht. Zu den Neuzugängen der Theo zählt ein Club, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt. Über dem Eingang steht in weißen Versalien: „ALLER ALLER ALLER ALLER ALLERBESTE.“ Der Türsteher des vor einem Jahr eröffneten Clubs Aller Beste weiß, warum viele im allerbesten Ausgeh-Alter nicht mehr ausgehen. „Früher musste man zum Baggern und Aufreißen aus dem Haus“, sagt er, „heute wird das daheim am Handy erledigt.“

Wenige Meter weiter gilt es, eine Legende zu verabschieden. Der Club Rohbau macht Ende April für immer zu – und damit Platz für die Handyklinik vom ersten Stock, die mit der Erweiterung ins Erdgeschoss dem Vermieter wohl sichere (vielleicht höhere) Mieten garantiert. Zum Finale brummt der Rohbau. 2001 wurde er eröffnet – in jenem Jahr, der als Start der Partymeile gilt. 2001 hat auch die Suite 212 begonnen, in deren Räume sich nun der Burger King befindet.

Die Theo wird als „Schinkenstraße“ verspottet

DJ-Legende Jens Herzberg setzt an zum Nachruf: „Der Rohbau war eine Insel zwischen Remmi und Demmi. Hier haben DJs aufgelegt, die ihr Handwerk verstehen.“ Noch einmal flackert das Discolicht, noch einmal geht die Cowboy Schorle über den Tresen. Gegenüber haben die Clubs Muttermilch und Tonstudio für den Abriss weichen müssen. Shisha-Bars breiten sich aus. Voll ist’s beim Beerpong-Spiel im One Table. Teams mit Namen wie „Erbärmliche Spritzer“ oder „Powerpuff Girls“ treten an. Die Partymeile ist ein Sammelsurium geworden. Beim Spagat zwischen Wasserpfeifen und Bierbechern, in die man Bälle wirft, hat sie sich wohl verrenkt. Jenes urbane Publikum, das Szene genannt wird, verspottet die Theo als „Schinkenstraße“ für Junggesellenabschiede. Vorbei sind die Zeiten, da man hier von einer Bar in die nächste stolpern konnte – die Entfernungen haben sich vergrößert, die Partymeile ist auseinandergerissen.

Zu den brummenden Orten zählt das Ribingurūmu im früheren Club Erdgeschoss, das an eine Kneipe für Studierende erinnert. Der Barname soll Wohnzimmer heißen. Nichtjapaner dürfen’s glauben.

Vertrag für den Palast der Republik um 20 Jahre verlängert

Nichts vom Niedergang der Theo lässt der Palast der Republik erahnen, der unterhalb der Partymeile liegt. Kürzlich hat Pächter Stefan Schneider den Vertrag um 20 Jahre verlängert. „Bei uns wird’s immer noch besser“, freut er sich. An den günstigen Bierpreisen liege dies, aber auch daran, „dass wir nie versucht haben, einem Trend zu folgen, sondern immer nur unser Ding durchziehen“. Erfolgswirt Schneider ist der Wunschkandidat für den Ratskeller, hat sich aber noch nicht entschieden, ob er zusagt.

Gastronomie ist Wandel. Die einen Bars bleiben immer in, die anderen fliegen früh aus der Gunst der Gäste raus. Kämpft die Theo gegen den Rest der Gastro-Welt? Nach 18 Jahren Partymeile tut es dieser vielleicht gut, dass sie oft brachliegt – nur dann kann sich die Theo, die abgetakelte Lady, erneuern und wieder attraktiv werden.

Die Theo ist halb tot! Es lebe die Theo!

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