InterviewStuttgarts Radbeauftragter Claus Köhnlein „In Kaltental gibt es jährlich 230.000 Radfahrer“

Von Tom Hörner 
Seit einiger Zeit können Radler am Leuze nachlesen, wie viele hier schon vorbeikamen.
Ja, wir haben dort ein Fahrradbarometer installiert, das anzeigt, wie viel Radler an dem Tag und im gesamten Jahr vorbeigefahren sind. In den vergangenen beiden Jahren waren es jeweils mehr als 800 000 Radfahrer. Das hätte niemand gedacht, dass es so viele sind. Besonders gravierend ist die Steigerung in Kaltental, auf die Strecke hatten sich noch vor Jahren nur eine Handvoll hartgesottene Radler getraut. Inzwischen zählen wir dort rund 230 000 Radfahrer im Jahr.
Das sind beeindruckende Zahlen, aber im Vergleich zum Autoverkehr ein Nasenwasser. Von dem angestrebten Radanteil von 20 Prozent sind wir kilometerweit entfernt.
Wir haben derzeit sechs Prozent. Die 20 Prozent sind eine sportliche Herausforderung, aber erreichen kann man die schon. Wenn ich die erforderliche Radinfrastruktur mit noch mehr attraktiven Radwegen und Radspuren anbiete, kann das klappen.
Die Stadt Herrenberg hat jüngst Fahrradpumpen mit daran befestigtem Werkzeug aufgestellt. Warum gibt es das nicht in Stuttgart?
Wir haben auch schon überlegt, so was am Marienplatz zu machen, ließen es aber bleiben, weil wir mit Vandalismus rechnen mussten. In der Großstadt ist das ein anderes Thema. Außerdem haben wir in Stuttgart vier Fahrrad-Service-Stationen, bei denen man Hilfe bekommt.
Auf welche Neuerungen dürfen sich die Radfahrer in Stuttgart in diesem Jahr freuen?
Wir haben weiter Fahrradstraßen geplant, also Bereiche, in denen Radler nebeneinander fahren und die Geschwindigkeit bestimmen dürfen. Die Radstraße, die bisher von der Marktstraße über die Tübinger Straße zum Marienplatz führt, soll bis zum Südheimer Platz in Heslach verlängert werden. Außerdem schildern wir die Radwege besser aus – auch den Radel-Thon, der um Stuttgart herum führt. Beim Radel-Thon machen wir das so, dass Souvenirjäger nicht mehr so leicht an die Tafeln kommen.
Als Radbeauftragter der Stadt waren Sie beruflich auch schon in Südamerika unterwegs.
Das war im Rahmen eines EU-Projekts, in dem es allgemein um Mobilität ging. Die Stadt Stuttgart hat von 2003 bis 2006 daran teilgenommen. Viele Städte wie Bogotá, Rio de Janeiro oder São Paulo sind an Verkehrsprojekten interessiert, die Fußgänger und Radfahrer mit einbeziehen. Ich war mit meinem niederländischen Kollegen Ruud Ditewig aus Utrecht als Radexperte dabei. In Rio wurden für die Fußball WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 superschöne, touristische Wege geschaffen. Aber auch Straßen in den Städten wurden umgemünzt, was früher undenkbar war. Wo eine Wille ist, da ist auch ein Radweg. Eine der schönsten Strecken der Welt führt von der Copacabana Richtung Süden zu den Olympiastätten.

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