Stuttgarts Trümmerberg: der Birkenkopf Der Monte Scherbelino wächst zu

Von Jan Sellner 

Der Monte Scherbelino, wie der Birkenkopf auch genannt wird, ist weder ein gewöhnlicher noch ein natürlicher Berg. Er ist ein Mahnmal gegen den Krieg. Die Stadt ließ zu, dass dieser Trümmerberg überwuchert. Jetzt reagiert sie.

Grün durchzieht die Trümmerlandschaft auf der Kuppe des Birkenkopfs Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 7 Bilder
Grün durchzieht die Trümmerlandschaft auf der Kuppe des Birkenkopfs Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Die Stadt soll grüner werden – so will es der grüne Oberbürgermeister Fritz Kuhn. So wollen es auch viele Bürger. An einer Stelle im Stadtgebiet jedoch wünschen sich manche, es würde nicht grüner, sondern im Gegenteil lichter werden. Die Rede ist vom Birkenkopf, mit 511 Metern Stuttgarts zweithöchster Punkt (nach der Bernhartshöhe in Vaihingen mit 548 Metern). Von dort bietet sich eine grandiose Aussicht auf den Talkessel.

Der Ausblick beinhaltet zwangsläufig einen Rückblick, denn das Erhebende ist gepaart mit dem Abgründigen – Stuttgarts dunkelsten Stunden im Zweiten Weltkrieg. 1,5 Millionen Kubikmeter Trümmer – Folgen der Luftangriffe auf die Stadt – wurden ­zwischen 1953 und 1957 hier aufgeschüttet; das Niveau des Birkenkopfs, auf dem sich während des Kriegs eine Flakstellung befand, erhöhte sich dadurch um 40 Meter.

Ein steinernes Mahnmal. Dieser Charakter wird durch ein großes Kreuz betont, ursprünglich aus Holz, 2003 durch ein Stahlkreuz ersetzt. Auch die sichtbaren Reste Alt-Stuttgarts – Mauerstücke, Fassadenteile, Gesimse – auf der Kuppe unterstreichen das. Im Volksmund heißt der Birkenkopf treffend Monte Scherbelino. Der Architekt Roland Ostertag nennt ihn „den Berg in Stuttgart, der im Gedächtnis ist. Er sagt einem, ohne dass man es weiß: ‚Ich bin Trümmerberg, ich bin Stuttgart.‘“

„Der Berg gehört dringend freigeschnitten“

Der Rückblick bleibt, der Ausblick nicht, denn die geschichtsträchtige Erhebung ist im Begriff zuzuwachsen – durch Zuwarten der Stadt. Das angrenzende Botnang beispielsweise ist von der Spitze des Birkenkopfs aus nicht mehr zu erkennen. Sträucher und Bäume zweiter Klasse wie Mirabellen nehmen von dem offiziell als Wald eingestuften Berg Besitz. Die Silhouette des vom früheren Leiter der Abteilung Grünplanung der Stadt Stuttgart, Manfred Pahl, angelegten Trümmerbergs verschwimmt zusehends. Auch die namensgebenden Birken entlang des spiralförmigen Spazierwegs treten in den Hintergrund. Ostertag nennt das „eine Beleidigung“. „Unsere Gesellschaft ist heute so, dass sie alles vergisst. Der Birkenkopf ist seinem Ursprung nach kein grüner Berg, sondern ein Schuttberg. Die halbe Stadt liegt da oben. Das muss erkennbar sein.“

Anwohner sehen das ähnlich: „Erst am Sonntag nahm ich, von der Solitude kommend, den Birkenkopf vom Oberen Kirchhaldenweg aus nur noch als eine Art Waldhügel wahr“, bemerkt der Vorsitzende des Botnanger Bürgervereins, Juergen Spingler. „Früher sah man das stolz mahnende Kreuz sehr gut von Botnang aus.“ Spinglers Schlussfolgerung: „Unser Botnanger Hausberg gehört dringend freigeschnitten.“

Diesem Wunsch schließen sich andere Birkenkopf-Besucher an. „Die Eiche auf der Kuppe und das Kreuz sollten als Erkennungszeichen betont werden“, sagt ein Spaziergänger. Ein anderer schlägt eine Ziegenhaltung vor, um die Überwucherung des Geländes zu verhindern. Vor Jahren wurde darüber schon einmal im Bezirksbeirat West diskutiert und von den Bürgervertretern befürwortet; die Umsetzung scheiterte am Veto des damaligen staatlichen Forstamts. Aus prinzipiellen Gründen sprach es sich gegen sogenannte Waldweiden aus.

Die Stadt will den Birkenkopf jetzt „schöner und würdiger“ gestalten

Ein weiterer Vorschlag aus der Bürgerschaft betrifft die Eidechsen aus dem Neckartal, die im Zuge von Stuttgart 21 weichen müssen. „Warum werden die Reptilien nicht am Birkenkopf angesiedelt, statt in einem aufwendig gestalteten Habitat auf der Feuerbacher Heide?“, fragt ein Leser. Unter Einsatz von rund 1000 Lkw-Ladungen Steinen wird die Landschaft dort eidechsengerecht modelliert. „Den Birkenkopf von Südosten nach Südwesten aufklopfen – das böte maximale Sonneneinstrahlung und damit beste Lebensbedingungen für die Eidechsen“, regt der Leser an. Juergen Spingler hält das für eine bestechende Idee: „Das wäre die Lösung, um ein ‚Mauereidechsenparadies‘ auf der Feuerbacher Heide zu vermeiden, und es wäre zugleich deren Rettung!“ Und wie reagiert die Stadt auf solche Überlegungen? Antwort: Sie stellt selbst welche an – wenn auch nicht die Eidechsen betreffend. „Das Regierungspräsidium hält die Feuerbacher Heide als Standort für geeignet. Der Birkenkopf war nie im Gespräch“, sagt der Sprecher der Stadtverwaltung, Sven Matis.

Anders verhält es sich mit der Gestaltung des Birkenkopfs als Mahnmal. Da tut sich etwas. Volker Schirner, der Leiter des Garten-, Friedhofs- und Forstamts, lässt ausrichten, dass es auch im Interesse der Stadt liege, den Birkenkopf „schöner und würdiger zu gestalten“. Anfang 2018 soll ein Landschaftsarchitekt damit beauftragt werden, ein Konzept zu erarbeiten. Ziel sei es dabei auch, „der denkmalpflegerischen Verpflichtung“ gerecht zu werden. Die Mittel dafür sollen im Doppelhaushalt 2018/19 bereitgestellt werden. Gute Aussichten also auf eine bessere Aussicht vom Monte Scherbelino.

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