StZ-Hochschulatlas Das Lernen auf den Kopf stellen

Von Eva Wolfangel 

Gute E-Teaching-Angebote können das Präsenzstudium ergänzen. Mehr noch: Digitale Medien unterstützen ganz neue Lernformen, die Wissen nachhaltiger im Gehirn verankern.

Lernen vor dem Rechner kann einsam sein. Als Ergänzung zu Präsenzveranstaltungen an der Hochschule hat es aber großes Potenzial. Foto: dpa
Lernen vor dem Rechner kann einsam sein. Als Ergänzung zu Präsenzveranstaltungen an der Hochschule hat es aber großes Potenzial. Foto: dpa

Stuttgart - Sie sollten die Bildung demokratisieren und im Idealfall jedem potenziell Zugang zu einem Studium verschaffen: Vor einigen Jahren kamen sogenannte MOOCs in Mode, Massive Open Online Courses. Sie sind großteils kostenlose Lehreinheiten im Internet. Sogar eine ganze Universität entstand im Netz: Der Stanford-Professor Sebastian Thrun gründete Udacity mit dem Ziel, die Universitätslandschaft zu revolutionieren. Aber die Ernüchterung folgte auf den Fuß: Nur wenige der Eingeschriebenen brachten Kurse zu Ende, noch weniger bestanden die Prüfungen. Die meisten schnupperten mal rein – und stiegen wieder aus.

Viele führen das auf den fehlenden sozialen Aspekt zurück: Beim Präsenzstudium lernt man Leute kennen, unterstützt sich gegenseitig beim Lernen und hat so mehr Motivation dranzubleiben. Dazu kommt, dass aus Sicht vieler Experten die MOOCs die Vorteile digitalen Lernens viel zu wenig nutzen. Häufig sind sie ein Abbild des klassischen Frontalunterrichts – und der ist schon im analogen Leben oft zäh. Nach neuen pädagogischen Erkenntnissen lernen wir besser durch Interaktion und Beteiligung. Pures Konsumieren verankert die Inhalte kaum im Gedächtnis. Das hat auch Udacity-Gründer Thrun eingesehen: „Einfach nur Vorlesungen ins Netz zu stellen, das geht an den Bedürfnissen der Studierenden vorbei.“

Interaktive Prozesse zeichnen gutes E-Learning-Angebot aus

Steckt aber ein durchdachtes pädagogisches Konzept dahinter, kann E-Learning das Präsenzstudium gut ergänzen, so die Erfahrung von Anne Thillosen, Projekt­leiterin des Informationsportals www.e-teaching.org am Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien. „Wenn die Lehrenden im Internet außergewöhnliche Inhalte präsentieren und auch mal etwas ausprobieren, ist es ein Zeichen, dass sie ihre Lehre besonders gestalten.“ Interaktive Prozesse anstatt Kopiervorlagen auf den Lernplattformen zeichnen ein gutes E-Learning-Angebot aus. Im Gegenzug zum klassischen Frontalvortrag bieten die digitalen Medien viele Möglichkeiten der Interaktion, dazu kommt, dass Studierende in ihrem eigenen Tempo lernen und einzelne Inhalte gezielt wiederholen können.

Das E-Learning-Angebot einer Hochschule von außen zu bewerten ist allerdings nicht einfach. Denn der Begriff an sich ist nicht abgegrenzt, es ist keine eigene Lehrform. Häufig bedeutet E-Learning lediglich, dass die Materialien zu Präsenzveranstaltungen online zu finden sind. Was Studierende früher in der Unibibliothek kopierten, können sie sich heute zu Hause ausdrucken. Auch ein Vorteil, aber nicht gerade revolutionär.

E-Learning kann den Unterricht auf den Kopf stellen

Gut gemacht hingegen kann E-Learning das Lernen auf den Kopf stellen, so Thillosen: „Das Lehrszenario der Inverted Classrooms ist im Kommen.“ Bei diesem Konzept der umgekehrten Klassenzimmer trägt nicht der Dozent den Stoff vor. Die Studierenden eignen ihn sich mittels Online-Materialien zu Hause an, die Präsenzzeit bleibt für Nachfragen, Diskussionen und interaktive Vertiefungen. Wer aktiv diskutiert, anstatt nur zuzuhören, lernt nachhaltiger, so die Erkenntnis der modernen Pädagogik. „Die Idee funktioniert aber nur, wenn alle mitmachen und keiner unvorbereitet kommt“, betont Thillosen.

Auch das explorative Lernen können digitale Medien gut unterstützen: Dabei liegt der Fokus darauf, Dinge selbst auszuprobieren und sich Inhalte zu erarbeiten. So haben Volker Sänger und Claudia Schmidt von der Hochschule Offenburg eine E-Learning-Umgebung aufgebaut, in der ihre Studierenden Inhalte von Präsenzveranstaltungen festigen können. Das Portal ist interaktiv, die Lernenden bekommen beispielsweise Programmieraufgaben und können sofort überprüfen, ob ihre Lösung auch zum gewünschten Ergebnis führt. „Die Studierenden verstehen die Inhalte so besser und sind extrem motiviert“, sagt Schmidt. Allerdings investiert die Hochschule auch viel Energie in das Angebot. Auch die Studierenden selbst entwickeln es weiter. Denn nebenher läuft so eine Plattform nicht, warnt Volker Sänger: „E-Learning machen alle, aber man muss viel hineinstecken, dass man viel rauskriegt.“

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