StZ im Gespräch In Berlin klappt Multikulti ganz gut

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Berlin-Korrespondentin Katja Bauer wehrte sich bei StZ im Gespräch vor 300 Lesern gegen das Image der Hauptstadt als Hort von Gewalt und Krawall.

Katja Bauer (2.v.l.) berichtete den StZ-Lesern von Berlin. Foto: Achim Zweygarth 23 Bilder
Katja Bauer (2.v.l.) berichtete den StZ-Lesern von Berlin. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Die Schlagwörter sind bekannt, und sie stammen alle aus Berlin: der Aufschrei der Rütli-Schule, die provokanten Thesen von Thilo Sarrazin und das Wort von den "integrationsunwilligen Großfamilien aus dem Libanon". Sie kreisen um ein Phänomen, das Politik-Ressortchef Rainer Pörtner am Mittwochabend vor 300 Leserinnen und Lesern bei "StZ im Gespräch" in der Alten Reithalle in Stuttgart in eine Frage kleidete: Ob Berlin unfähig sei, das Ausländerproblem zu lösen? Sowohl die als Gast geladene Berlin-Korrespondentin Katja Bauer als auch Pörtner waren sich einig: Berlin hat zwar weniger Ausländer als Stuttgart, aber mehr Sorgen mit ihnen.

Dennoch brach Katja Bauer eine Lanze für Berlin und rückte Vorurteile gerade. Gewiss, es habe die Bedrohungsgefühle in der Lehrerschaft der Rütli-Schule gegeben ("Von Ungläubigen lasse ich mir nichts sagen"), aber Bauer bat, die sozialen Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Berlin kommt von der Arbeitslosenquote von 13 Prozent nicht herunter, und Armut spiele hier eine große Rolle. "Da gab es Schüler an der Rütli-Schule, die fragten sich, warum sie morgens eigentlich aufstehen sollen."

Eine aufregende Stadt

Jobs seien der Schlüssel für sozialen Frieden. Den Autor Sarrazin tat Katja Bauer relativ rasch ab; der ehemalige Finanzbürgermeister habe sich schon über "übelriechende Beamte" lustig gemacht, lange bevor er die Migrantenfrage entdeckte. Außer Provokationen sei von Sarrazin wenig zu hören: "Er hat nie nach Lösungen gesucht."

Um die immerhin bemüht sich der Berliner Senat. Er hat zügigere Gerichtsverfahren gegen junge Straftäter eingeführt und "das Wunder von Moabit" unterstützt - zwei Lehrer unterrichten dort in einer Klasse an einem schwierigen Schulstandort. Die Erfahrungen sind gut. Was die "Integrationsunwilligen" anbelange, so handele es sich bei den angeblichen Libanesen oft um staatenlose Palästinenser, sagte Katja Bauer. Es seien Flüchtlinge, keine Gastarbeiter. "Wenn man die jungen Männer anspricht, sagen die, sie wollen nach Palästina."

Multikulti ist Realität

Die Korrespondentin wies darauf hin, dass in Vierteln wie Kreuzberg und Neukölln - die wegen niedriger Mieten türkische Migranten anlockten - ein Drittel der Bewohner Muslime seien. Multikulti sei da Realität. "Und es läuft relativ gut", sagte Katja Bauer. Von Lesern nach der Sicherheitslage gefragt, gab sie ihre persönliche Erfahrung wieder: "Ich fahre abends nach einem Termin mit dem Rad nach Hause." Etwas mulmig sei ihr allenfalls nachts auf manchen S-Bahnhöfen. Obwohl sie - Jahrgang 1968 - sich eigentlich sicher fühlen könnte: "Täter und Opfer von Übergriffen sind meist junge Männer unter 25."

Der Berlin-Abend hatte eine breite thematische Bandbreite, es ging um die "kreative Industrie", die von Klaus Wowereit dominierte Politik und das Lebensgefühl an der Spree. Was Stuttgart von Berlin lernen oder übernehmen könne, fragte ein Leser. "Mehr Laisser-faire und Offenheit wären schön", sagte die aus Ludwigsburg stammende Katja Bauer. Berlin sei eine aufregende Stadt. Aber unwidersprochen blieb das Schlusswort von StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs: "Auch Stuttgart ist im Moment ziemlich spannend."

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