InterviewStZ Magazin: Sami, Denny und Rani Khedira Aller guten Dinge sind drei Brüder

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Lesenswert aus dem StZ-Plus-Archiv: Die drei sind nicht nur ziemlich beste Freunde, sondern vor allem Brüder: Sami, Denny und Rani Khedira verraten, wer von ihnen am besten singt und wieso sie sich in ihrer alten Heimat engagieren.

Denny, Rani und Sami Khedira – ein eingespieltes Team. Foto: StZ Magazin/Roderick Aichinger 4 Bilder
Denny, Rani und Sami Khedira – ein eingespieltes Team. Foto: StZ Magazin/Roderick Aichinger

Stuttgart - Sami Khedira spielt bei Juventus Turin, Rani Khedira ist für den FC Augsburg in der Bundesliga am Ball. Und Denny Khedira? Hält als Berater der beiden die Fäden in der Hand und sorgt für die Familienzusammenführungen. Dass alle drei an einem Ort sind, kommt äußerst selten vor. Für das Stuttgarter Zeitung Magazin nutzten sie eine Länderspielpause, um auf und neben dem Eventschiff Fridas Pier über Vertrauen, Geschenke und ihre Vorstellung eines modernen Deutschlands zu sprechen. Auf der anderen Seite des Neckars in Sichtweite: klar, das Stadion des VfB Stuttgart.

Sami, was schenken Sie Jogi Löw zum Weihnachtsfest?

Sami Khedira: Materiell schenken brauche ich ihm nichts.

Und was würden Sie sich von ihm als Geschenk wünschen?

SK: Gesundheit und Erfolg, das wünsche ich ihm. Und wenn er mir das auch wünscht, dann ist alles super.

Was ist schöner: schenken oder beschenkt zu werden?

SK: Schenken ist definitiv schöner. Ich lese gerne zwischen den Zeilen, was dem anderen gefallen könnte. Auch mal ohne dass es einen bestimmten Anlass geben muss. Dabei geht es gar nicht darum, wie teuer es ist. Die Geste zählt.

Schenken Sie drei sich gegenseitig eigentlich etwas zu Weihnachten?

SK: Es gibt Jahre, da schenken wir uns etwas. Und dann gibt es Jahre, da schenken wir uns nichts.

Das erfordert aber absolut verlässliche Absprachen!

SK: Da haben Sie leider Recht. Letztes Jahr habe ich gedacht, dass wir uns nichts schenken würden und dann war ich der einzige, der ohne Geschenk dastand.

Das ist hart! Rani, was schenkt man einem Bruder, der Weltmeister ist und von außen betrachtet alles hat, was man sich nur wünschen kann?

Rani Khedira: Möglicherweise eine Kleinigkeit, von der er bisher gar nicht wusste, dass er sie in seiner Wohnung gut gebrauchen könnte: einen Diffuser. Einen solchen Luftbefeuchter habe ich mir kürzlich zugelegt, es kann gut sein, dass er nun auch einen von mir bekommt.

Kann es sein, dass wir jetzt die Überraschung versaut haben?

RK: Nein, keine Sorge, das wusste er ja schon. Und außerdem hat er ihn ja noch nicht bekommen. Was ich abseits von materiellen Dingen aber viel wichtiger finde: gemeinsame Zeit. Wenn man wie wir an unterschiedlichen Orten lebt, ist es nicht so leicht, Zeit gemeinsam zu verbringen.

Ist gemeinsame Zeit das kostbarste Geschenk, das man Ihnen machen kann?

Denny Khedira: Generell sind materielle Geschenke nicht so nachhaltig wie persönliche, individuelle Geschenke. Die gemeinsame Zeit ist das kostbarste Gut, denn diese ist begrenzt und lässt sich nicht zurückholen.

Wie halten Sie drei eigentlich Kontakt untereinander?

DK: Mit Hilfe der modernen Kommunikationsmittel ist es überhaupt kein Problem, im Austausch zu bleiben.

Denny, sind Sie das Bindeglied, das die Familienzusammenführung initiiert?

DK: Ich bin am flexibelsten von uns dreien und örtlich nicht so sehr gebunden wie die beiden anderen. Dass wir alle drei zusammenkommen, passiert im Jahr aber leider nicht so häufig. Bisher haben wir Weihnachten aber immer zusammen verbringen können, ob das in Stuttgart war oder zuletzt in Turin.

Weihnachten ist also nicht an Ihren Heimatort, den Fellbacher Stadtteil Oeffingen bei Stuttgart gebunden?

SK Die letzten zwei Spielzeiten „mussten“ wir bei mir in Turin feiern, weil ich am zweiten Weihnachtsfeiertag mit Juve schon wieder ein Spiel hatte.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Weihnachten Ihrer Kindheit?

RK: Wir haben es eher traditionell und klassisch verbracht. Mit Bescherung und dem einen oder anderen Lied, das man gesungen hat.

Wer singt von Ihnen am besten?

SK: Ich glaube, man hört keinen von uns gerne.

Sind es solche Rituale, die im besten Fall Kindheitserinnerungen triggern?

DK: Ja definitiv. Man kommt zur Ruhe, weil in den Tagen drum herum sehr wenig passiert. Man hat Zeit, für sich selbst, für die Reflektion, wie das vergangene Jahr war und was das nächste bringen könnte. Diese Zeit zu nutzen, ist sehr wertvoll.

Weil die Zeit mit der Familie Ihnen Sicherheit gibt?

RK: In diesen Tagen kannst du der sein, der du wirklich bist, ohne permanent aufpassen zu müssen, was man sagt. Du bist völlig frei und kannst loslassen. Es ist unbezahlbar, einen solchen Ruhepol zu haben.

Sami, Sie stehen permanent unter Beobachtung. Wie gehen Sie damit um?

SK: Ich liebe meinen Job und würde ihn gegen keinen anderen in der Welt tauschen wollen. Alles Schöne bringt aber auch seine negativen Seiten mit sich. Man wird gefeiert und hochgelobt. Am Ende wird jede Handlung in der Öffentlichkeit aber auch sehr kritisch gesehen, selbst wenn diese gar nicht so gemeint sein sollte. Wenn man dann mal in den eigenen vier Wänden ist, muss man nicht aufpassen, wie man lacht oder wie man sich bewegt. Man kann sich kritisch äußern, ohne darüber nachdenken zu müssen, welchen Bumerang-Effekt das haben könnte. Wenn ich mit meiner Familie oder Freunden unterwegs bin, muss ich kein Blatt vor den Mund nehmen – das ist das Schöne.

Sind Ihre Brüder Ihre wichtigsten Ratgeber?

SK: In dieser Welt voller Schnelllebigkeit und Äußerlichkeiten, in der wir uns bewegen, merkt man es extrem, ob man sich auf dem auf- oder auf dem absteigenden Ast befindet. Läuft es mal sehr lange gut, läuft man vor allem als junger Spieler Gefahr zu denken, dass man der König der Welt, der Größte ist. Wenn man dann auch noch Berater hat, die das auskosten und viel Geld verdienen wollen, braucht man ein gutes Umfeld. Und das beste Umfeld ist die Familie. Das ist das größte Geschenk, das man haben kann.

Gibt es eigentlich eine Familienklausel, diktiert von Ihrer Mutter, dass Sie nie gegeneinander spielen dürfen?

RK: Im Gegenteil, ich würde mir sehr wünschen, mal gegen Sami zu spielen.

Diesen Wunsch haben Sie aber exklusiv, wenn ich die Reaktion von Ihnen, Sami Khedira, richtig interpretiere.

SK: Nein, überhaupt nicht. Ich lasse nur gerade Revue passieren, wie wir im Sommer gemeinsam mit zwei anderen Spielern in einem Camp waren. Da mussten alle verschiedene Aufgaben lösen. Dabei habe ich gemerkt, dass man Rani aus der Bahn bringen kann. Bei einem Aufeinandertreffen wüsste ich also schon vor dem Spiel, wie ich ihn relativ leicht schlagen könnte. Er lässt sich leicht provozieren.

RK: Maximal durch falsche Schiedsrichterentscheidungen.

Waren Sie in dem Camp der Schiedsrichter, Denny, und haben strittige Entscheidungen gefällt?

RK: Absolut!

DK: Meine Schiedsrichterentscheidungen waren unstrittig, Rani hat sie nur falsch interpretiert.

Stimmt es eigentlich, dass Sie in der Jugend der beste Fußballer von Ihnen drei waren, Denny?

SK: Fake News!

RK: Immer diese Gerüchte.

DK: Das wird mir nachgesagt. Es ist aber leider schon zu lange her, als dass ich das beurteilen könnte. Heute kann ich definitiv nicht mehr mithalten.

RK: Er hat ein feines Füßchen.

SK: Hatte. Das ist wohl eingerostet.

Haben Sie irgendwann bereut, dass Sie nie auf Profi-Niveau gespielt haben?

DK: Nein, zu keinem Zeitpunkt. Ich hatte meine Stärken schon immer in der Schule, weil ich die Dinge gut verarbeiten konnte. Also habe ich den Fokus auf den schulischen Weg und später auf das Management-Studium an der Universität Hohenheim gelegt. Ich bin aber dennoch froh, dass ich den Weg, wenn auch indirekt, zurück in den Sport gefunden habe.

An der Uni Hohenheim haben Sie als Jahrgangsbester abgeschlossen. Sind Sie ein Streber?

DK: Ich war schon immer sehr ambitioniert, wollte immer das Maximum rausholen. Lernen musste ich aber oft nicht ganz so lange wie viele meiner Kommilitonen, weil ich die Inhalte glücklicherweise sehr schnell aufnehmen und verarbeiten konnte. Als Streber würde ich mich daher definitiv nicht bezeichnen, das ist wohl eher eine glückliche Gabe.

Apropos Gabe. Wann hatten Sie eigentlich die Idee zur Sami-Khedira-Stiftung?

SK: Mit dem Wechsel zu Real Madrid hieß es immer wieder, dass ich etwas für die gute Sache tun müsste, in Afrika zum Beispiel. Da habe ich mich erstmals ernsthaft mit dem Thema beschäftigt. Ich habe Dinge hinterfragt und dachte mir: Warum so weit in die Welt hinausgehen, wenn es auch bei uns vor der Haustüre Kinder gibt, die ebenfalls Hilfe benötigen, um sich entwickeln, bilden oder um in den Sportverein gehen zu können? Also haben wir uns entschieden, dass wir in Stuttgart und Umgebung Kindern aus einem sozial schwachen Umfeld helfen wollen. Das hat sich gut und richtig angefühlt.

Ist das für Sie auch eine Möglichkeit, ein Stück ihrer behüteten Kindheit zurückzugeben?

SK: Mir war nie bewusst, wie privilegiert wir aufgewachsen sind. Ich dachte, das Engagement unserer Eltern sei normal, dass sie uns zu jedem Training und zu jedem Turnier fahren und immer dabei sind. Bis ich irgendwann realisiert habe, dass das nicht die Regel ist, dass es Eltern gibt, die kein Interesse daran oder nicht die finanziellen Möglichkeiten dafür haben. Jedes Kind sollte aber die Chance erhalten, sich zu verwirklichen.

Wie sieht die Stiftungsarbeit konkret aus?

DK: Wir haben aktuell den Fokus, neben dem Sport, auf die Bildung gelegt, weil Bildung das Fundament für alles darstellt. Viele gehen in die Schule, um dagewesen zu sein, ohne aber etwas mitzunehmen. Vor zwei Jahren haben wird das erste Bildungsprojekt ins Leben gerufen. Mehr als 100 Schüler haben profitiert, das Feedback war extrem positiv, Verbesserungen um bis zu zwei bis drei Notenpunkte waren keine Seltenheit, also haben wir das Projekt verlängert. Für die Zukunft wollen wir das Thema noch nachhaltiger gestalten, zusammen mit dem Kolping-Bildungswerk.

Sie engagieren sich mit der Stiftung in Ihrer alten Heimat. Wie würden Sie Heimat für sich selbst definieren?

RK: Ich bin seit über zwei Jahren in Augsburg und fühle mich dort angekommen. Augsburg ist definitiv eine Heimat für mich geworden. Stuttgart ist der Ort, an dem ich geboren wurde, an dem ich die ersten 19 Jahre meines Lebens verbracht habe. Das ist ebenfalls Heimat.

Sami, ist Turin für Sie zur zweiten Heimat geworden?

SK: Stuttgart werde ich als meine Heimat nie leugnen, dafür verbinde ich viel zu viele prägende Erinnerungen mit diesem Ort, die ersten großen beruflichen Erfolge mit dem VfB zum Beispiel. Hier lebt außerdem die Familie. Das ist das Wichtigste. Darüber hinaus definiere ich Heimat heute anders: Ich fühle mich auf der Welt zuhause. Ich bin gerne in Stuttgart, lebe aber genauso gerne in Turin. Als wir kürzlich in Madrid gespielt haben, habe ich gemerkt, wie sehr ich Spanien vermisse. Ich spreche neben Englisch auch ein gutes Spanisch und mittlerweile auch Italienisch, damit komme ich überall recht weit und man hat einen ganz anderen Bezug zu den Menschen.

Denny, wo liegt Ihre Heimat?

DK: Heimat ist ein Gefühl, man kann es daher nicht nur auf einen Ort beschränken, ähnlich wie Sami es eben beschrieben hat.

Und wie viel Tunesien steckt noch in Ihnen?

DK: Unser Vater ist im Alter von 24 Jahren von Tunesien nach Deutschland gekommen. Auch wenn wir selbst hier in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, steckt etwas Tunesien in uns. Wir haben es bisher geschafft, mindestens einmal im Jahr das Land zu besuchen, die komplette Familie von unserem Vater lebt dort.

RK: Unser Vater hat sich angepasst, hat früh einen Beruf gefunden, wo er heute noch arbeitet, nach über 30 Jahren. Er hat schnell die Sprache gelernt und fühlt sich sehr wohl hier. Das Temperament ist ab und zu aber noch tunesisch.

Sami, Sie leben schon lange im Ausland. War das Deutschland Ihrer Kindheit offener als die heutige Gesellschaft in Deutschland?

SK: Als ich 2010 zur Nationalelf gekommen bin, hat es niemanden interessiert, dass Spieler wie Jérôme Boateng oder ich einen Migrationshintergrund hatten. Mit der Flüchtlingswelle wurde es dann auf einmal ein Thema. Ich verstehe die Ängste von manchen, fände es aber besser, wenn die Menschen proaktiv ihre Werte vorleben, damit die, die hierherkommen, sich anpassen können. Das einzige, was ich jedem raten kann, der heute aus einem Land in ein anderes Land kommt: Verliere nie deine Herkunft, passe dich aber trotzdem an. Das habe ich an mir selbst erlebt, denn ich bin 2010 vom VfB Stuttgart zu Real Madrid gewechselt und musste mich auch den neuen Umständen anpassen. Ebenso 2015 beim Wechsel von Spanien nach Italien.

Wie war es eigentlich für Sie, mit der Nationalelf Teil eines so integrativen Narrativs zu sein?

SK: Das haben wir bewusst gar nicht so wahrgenommen. In allen Jugendnationalmannschaften war es so, dass Spieler mit türkischen, arabischen oder afrikanischen Wurzeln mit im Team waren. Es war nie ein Thema und war selbstverständlich, jeden so zu akzeptieren wie er ist. Von 2010 an war das eben das moderne Deutschland. Dahin sollten wir wieder gelangen: zurück zu dieser Offenheit, ohne die eigene Geschichte zu vergessen.




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