StZ/VHS direkt in Stuttgart China – ein Land mit großen Widersprüchen

Von Petra Mostbacher-Dix 

Chance oder Bedrohung? Im VHS Pressecafé hat Christian Gottschalk über China und das Verhältnis zu Deutschland gesprochen.

China-Kenner: StZ-Redakteur Christian Gottschalk Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
China-Kenner: StZ-Redakteur Christian Gottschalk Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Von „China kauft uns auf“ bis „Chinesische Investitionen in Europa brechen ein“ reichen die Schlagzeilen der vergangenen Jahre. „Alarmismus scheint um sich zu greifen, wenn es um China geht“, stellte Christian Gottschalk im Treffpunkt Rotebühlplatz fest. Dort sprach der Politikredakteur im Pressecafé, das die Volkshochschule gemeinsam mit der Stuttgarter Zeitung veranstaltet, über „Der Riese im Osten – Chance oder Bedrohung? Chinas Wirtschaft wächst unaufhörlich, wenn auch derzeit etwas langsamer“.

Bis 2025 technologisch an die Weltspitze

Gottschalk hatte dazu Zahlen dabei. Demnach investierte China vor dem Jahr 2000 nicht im Ausland. Von 2006 bis 2016 haben sich dann Chinas Ausländische Direktinvestitionen (ADI) verzehnfacht. im Jahr 2016 steckte das Land laut einer Bertelsmann-Studie 183 Milliarden Dollar in ausländische Betriebe. Das waren 12,6 Prozent der globalen ADI-Ströme. Ausländische Direktinvestitionen gelten als ein Schlüsselelement der internationalen wirtschaftlichen Integration.

In Deutschland kauften sich die Chinesen vor allem in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen ein. Der Bestand chinesischer Direktinvestitionen nach Deutschland lag Ende 2017 bei 3,3 Milliarden Euro.

Deutsche wiederum investierten 2017 knapp 80 Milliarden Euro in China. Deutschland sei mit Abstand Chinas größter europäischer Handelspartner. Und China war 2018 zum dritten Mal in Folge selbiges für Deutschland. „VW macht etwa ein Drittel seines Geschäfts in China“, so Gottschalk. „Die Chinesen planen indes bis 2049 zum 100. Geburtstag der Volksrepublik kein Schwellenland mehr zu sein.“ Die Führung hat die ambitionierte „Made in China“-Strategie initiiert, inspiriert von der deutschen Industrie 4.0“ soll sie die Automatisierungsquote ankurbeln. So will man das Land bis 2025 technologisch an die Weltspitze bringen. Dafür hat die chinesische Regierung zehn Branchen ausgemacht: führende Informationstechnik (IT), Fahrzeugtechnik mit neuer Energie, Energieversorgung, Automatisierung & Robotik, moderner Schienenverkehr, Neue Materialien, Luftfahrt und Luftfahrtausrüstung, Landwirtschaftliche Ausrüstung, Biopharma und fortgeschrittene medizinische Produkte sowie Maritime Ausrüstung und High-Tech-Versand.

Alles eine Frage der Sichtweise

In der lebendigen Diskussion mit den rund 80 Pressecafébesuchern ging es denn auch um Chinas Engagement in Afrika, um Patente und Plagiate, ob man dem chinesischen Konzern Huawei die geplanten G5-Netze überlassen solle, Hongkong und ob die deutsche Presse fair mit China umgehe. „Eine Frage der Sichtweise“, so der Redakteur. Ein Festlandchinese sehe Hongkong anders, als die dort Lebenden. „Wir müssen beide Seiten zeigen.“ Jeder habe seine Interessen, gerade in der Wirtschaft. „Die Frage ist, will man sich lieber von einer amerikanischen Heuschrecke aussaugen oder einen chinesischen Investor einsteigen lassen?“, so Gottschalk. Manche im Ländle seien mit letzterem nicht schlecht gefahren. Indes: Alles habe seinen Preis. Statt Arbeitsplätze in Afrika zu schaffen, schafften chinesische Investoren Heerscharen eigener Arbeiter dorthin. Der riesige Flughafen Peking-Daxing wurde pünktlich fertig. Aber: „Wenn dafür ein Dorf weg muss, ist es weg“, so Gottschalk. Dass in Europa das Sozialkredit-System, durch das die chinesische Gesellschaft per Überwachung zu mehr „Aufrichtigkeit“ erzogen werden soll, sehr kritisch betrachtet würde, könne mancher in China nicht verstehen. Und: Dort sei einerseits die Verschmutzung groß, andererseits tue kein Land so viel für Erneuerbare Energien. „1,38 Milliarden Menschen brauchen dort Infrastruktur – es ist ein Land mit großen Widersprüchen.“

Sonderthemen