Süchtige im Kreis Göppingen Bangen um Methadonabgabe

Zwischen 235 und 250 Suchtkranke jährlich werden im Kreis mit Ersatzstoffen wie Methadon behandelt. Foto: /Marc Weigert

Der Rückzug zweier Ärzte könnte Abhängigen im Landkreis den Zugang zu Ersatzstoffen erschweren. Suchtkranke warnen bereits vor dem Wiederaufleben einer Drogenszene am Hauptbahnhof in Göppingen.

Die Panik in der Stimme des anonymen Anrufers kommt nicht von ungefähr. Den jungen Mann, der schwer drogenabhängig ist, plagt die Angst, er und mit ihm bis zu 75 weitere Betroffene im Landkreis Göppingen könnten auf der Strecke bleiben, wenn die ärztlich kontrollierte Versorgung mit Drogenersatzstoffen wie Methadon eingeschränkt werden sollte.

 

Die Betreuung von Suchtkranken ist für Ärzte nicht unbedingt attraktiv

Tatsächlich wollen zwei von den sieben niedergelassenen Ärzten, die im Landkreis Süchtige mit Drogenersatzstoffen wie Methadon versorgen, nächstes Jahr in den Ruhestand gehen. Ihre Nachfolger wollen die sogenannte Substitution, die beim Start 1994 noch von zehn Arztpraxen im Landkreis angeboten wurde, nicht fortführen. Die Betreuung Suchtkranker erfordert eine Zusatzqualifikation und ist für Ärzte wenig attraktiv. „Die Behandlung darf nicht unterbrochen werden, weil das unvorhersehbare Effekte für die Gesundheit vieler Drogenabhängiger hätte“, sagt dazu Gisela Messerschmidt, Leiterin der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werks in Göppingen, die die psychosoziale Begleitung der opiatabhängigen Menschen übernimmt. Sozialarbeiter betreiben Präventionsarbeit und betreuen den Göppinger Kontaktladen Koala. Außerdem kümmern sie sich um weitere Suchtkranke und vermitteln Entgiftungskuren.

Im Landkreis werden pro Jahr zwischen 235 und 250 Abhängige mit Drogenersatzstoffen behandelt. Seit dies möglich ist, hat sich die Zahl der jährlichen Drogentoten von bis zu 14 im Jahr 1999 auf ein Drittel der Zahl reduziert. „Finden sich keine Nachfolger, stehen die Betroffenen ohne Arzt und Ersatzstoff da“, schildert Gisela Messerschmidt die Folgen. Der anonyme Anrufer formuliert es drastischer: „Dann entsteht am Göppinger Omnibusbahnhof wieder eine Drogenszene wie früher.“

Es gibt Hoffnung: Das Christophsbad will einspringen

Auch wenn die Zeit drängt, spricht aber vieles dafür, dass dies nicht geschehen wird. Die Hoffnungen des Suchthilfenetzwerks im Landkreis ruhen auf dem Göppinger Christophsbad. Die Privatklinik hat angeboten, sich mit zwei Ärzten in Teilzeit für 60 bis 70 Patienten an einer Schwerpunktpraxis für Suchtkranke zu beteiligen, wie Nenad Vasić bestätigt. „Wir haben schon vor längerer Zeit angeboten, die Substitution zu übernehmen, weil wir das für eine sinnvolle Sache halten und es heute nicht mehr genügend Ärzte gibt, die das machen wollen“, berichtet der ärztliche Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. „Wir wollten da einspringen, wir haben aber bis jetzt nicht die passenden Räumlichkeiten gefunden.“ Die Räume sollten 100 bis 120 Quadratmeter groß und für den öffentlichen Personennahverkehr gut erreichbar sein.

Auch der Geschäftsführer des Diakonischen Werks, Sascha Lutz, hält das für eine gute Idee. „Wir sind mit unserer Beratung nicht ortsgebunden und könnten diese auch in einer Schwerpunktpraxis anbieten“, meint er. Das sieht auch Gisela Messerschmidt so, die inständig darauf hofft, dass die „Erfolgsgeschichte der Substitution“ fortgesetzt wird. Die Behandlung mit synthetischen Opiaten sei zu einer unverzichtbaren Behandlungsform für abhängige Menschen geworden.

Die Gier nach Drogen zerstört den Alltag der Betroffenen

„Die Gier nach Drogen, die den Alltag des Suchtkranken und dessen Familie zerstört, wird erheblich reduziert und kann sich ganz verlieren“, schildert sie die positiven Effekte. Die 24-Stunden-Jagd auf die Originalstoffe und die damit verbundene körperliche und soziale Verwahrlosung werde unterbrochen und das Sterben durch Überdosierungen verhindert. Weitere Vorteile: Kriminalität wird reduziert und HIV- und Hepatitis-C-Infektionen werden gestoppt. Frauen und Männer müssen sich nicht mehr prostituieren.

Die Betroffenen seien wieder fähig, im Alltag zu bestehen. Eine realistische Herangehensweise sei aber notwendig, sagt Suchtberaterin Gisela Messerschmidt. „Eine gute Substitutionsbehandlung bleibt eine Herausforderung für den Patienten, den Arzt, die Sprechstundenhilfe, die Apotheke und die Suchtberatungsstelle.“

Beratungsstelle begleitet Abhängige

Beratung
 Während die ärztliche Behandlung der Substitutionspatienten durch die niedergelassenen Arztpraxen erfolgt, übernimmt die psychosoziale Begleitung die Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werks, einer Einrichtung des evangelischen Kirchenbezirks Göppingen. Die psychosoziale Beratungs- und ambulante Beratungsstelle für Suchtgefährdete versorgt Menschen mit verschiedenen Abhängigkeitserkrankungen (Alkohol, Medikamente, illegale Drogen oder Glücksspielsucht, Mediensucht) und bietet dabei auch Beratung für deren Angehörige an.

Substitution
 Der medizinisch-therapeutische Ansatz will die Verwahrlosung sowie den körperlichen Zerfall von Suchtkranken und das Abrutschen in Kriminalität verhindern. Eine kontrollierte Abgabe von Ersatzstoffen wie Methadon soll den Konsum von illegalem Heroin ersetzen. 

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