Südwest-AOK schlägt Alarm Erhebliche Risiken bei der Produktion von Antibiotika

Die Antibiotika-Produktion findet hauptsächlich in Indien und China statt. Stichproben zeigen Mängel in der Produktion. Foto: dpa/Waltraud Grubitzsch

Ein Pilotprojekt der Krankenkasse ermittelt hohe Wirkstoff-Konzentrationen im Abwasser indischer Produktionsstätten.

Berliner Büro: Norbert Wallet (nwa)

Herstellung und stabile Versorgung mit Antibiotika sind ein großes Problem des globalen Gesundheitswesens. Die immer größere Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen löst eine stete Nachfrage nach neuen Antibiotika-Produkten aus. Der Markt hat aber erhebliche Dunkelbereiche. Das liegt an manchmal intransparenten Lieferketten und mitunter heiklen und schlecht kontrollierten Produktionsbedingungen – die meisten Produktionsstätten befinden sich in China und Indien. Eine Studie der AOK Baden-Baden-Württemberg liefert nun weiteren Grund zur Besorgnis, zeigt aber auch Wege zur Besserung auf.

 

Die Südwest-AOK hat für die gesamte deutsche AOK-Gemeinschaft, die 27 Millionen Versicherte abdeckt, die Gestaltung der Versorgung mit Arzneimitteln übernommen. Seit 2020 verankert sie in ihren Rabattverträgen mit Herstellern auch Umweltkriterien. In einem Pilotprojekt mit dem Bundesumweltamt und dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasserforschung (IWW) hat sie mit Herstellern von Antibiotika finanzielle Anreize vereinbart, wenn sie sich zu einer umweltgerechten Produktion von Antibiotika verpflichten. Dabei geht es um die Einhaltung einer Maximalkonzentration des jeweiligen Antibiotikums in ihrem Produktionsabwasser. Stichprobenartige Überprüfungen sind in den Verträgen vorgesehen. Die Ergebnisse der IWW-Prüfungen in Indien und Europa liegen nun vor. Sie sind durchaus beunruhigend.

Überschreitung der Grenzwerte an 40 Prozent der Standorte

Die Ergebnisse werden am Freitag offiziell vorgestellt. Unsere Zeitung erfuhr vorab die wesentlichen Trends. Seit September 2021 wurden an zehn Standorten in Indien und Europa insgesamt 21 Überprüfungen durchgeführt. Bei der Überprüfung des Produktionsabwassers fanden die Prüfer des IWW an 40 Prozent der Standorte eine Überschreitung der in den Verträgen festgehaltenen Wirkstoffkonzentrationen. Zusätzliche chemische Analysen zeigten zudem, dass viele der entnommenen Proben weitere Arzneimittelrückstände enthielten, teilweise in besorgniserregend hohen Konzentrationen.

Die Überschreitungen beim Produktionsabwasser wurden ausschließlich an den indischen Standorten festgestellt. Daraus lässt sich aber kein Argument für eine einfache Verlagerung der Produktion nach Europa herauslesen. Die Prüfer untersuchten nämlich nicht nur die Produktionsabwässer, sondern auch die Gewässer im Umkreis der Produktionsstätte. Hier stammte die Umweltprobe mit den meisten gemessenen Antibiotikafunden aus einem europäischen Bach. Insgesamt reichten die Einschätzungen der Experten von „vorbildlichen Anlagen und erfolgreichem Management“ bis hin zu „veralteten und teilweise umweltgefährdenden Anlagen“.

AOK dringt auf politische Unterstützung

Was folgt aus diesen Ergebnissen? Die AOK sieht, dass sie ohne politische Unterstützung an eine Grenze ihrer Einflussmöglichkeiten stößt. „Deutschland und Europa tragen eine Verantwortung, sich für sozial- und umweltverträgliche Produktionsbedingungen einzusetzen“, sagt Johannes Bauernfeind, der Vorsitzende der Südwest-AOK, unserer Zeitung. Die Ergebnisse wiesen einen „dringenden Handlungsbedarf“ nach. Es brauche „dringend Änderungen auf europäischer Ebene im EU-Arzneimittelrecht, um das Problem der antimikrobiellen Resistenzen bei der Wurzel zu packen“.

Tatsächlich sind die beobachteten Konzentrationen in Gewässern eine Gefahr. „Es ist schon länger bekannt, dass antibiotikaresistente Erreger in der Umwelt – unter anderem in Gewässern – vorkommen und sich dort auch ausbreiten können“, schreibt das Robert-Koch-Institut auf seiner Homepage. Einer Studie des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zur Krankheitslast durch multiresistente Erreger ermittelt, dass in Deutschland jedes Jahr rund 2400 Menschen an einer Infektion mit antibiotikaresistenten Keimen sterben, in Europa sind es insgesamt 33 000.

Immerhin zeigt die AOK-Studie auch positive Entwicklungen auf. Der direkte Austausch mit den Produzenten habe zu lokalen Verbesserungen bei der Aufbereitung der Produktionsabwässer geführt.

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