Süßen Helfer üben für den Katastrophenfall

Von Philipp Braitinger 

Um den Ernstfall zu proben, kamen am Samstag rund 300 Rettungskräfte am Bahnhof in Süßen zusammen und stellten sich einem Katastrophenszenario.

Die Rettungskräfte müssen eine komplexe Unfalllage in den Griff bekommen. Foto:  
Die Rettungskräfte müssen eine komplexe Unfalllage in den Griff bekommen. Foto:  

Süßen - Die Schreie der „Verletzten“ gingen einem durch Mark und Bein – zum Glück handelte es sich nur um Schauspieler: Am vergangenen Samstag trainierten Rettungskräfte der Feuerwehren aus Süßen, Salach und Eislingen, des DRK, der Malteser, des Arbeiter-Samariter-Bundes, des Technischen Hilfswerks, der Polizei und der Bahn am Bahnhof in Süßen für den Ernstfall. Rund 220 Rettungskräfte mit 50 Fahrzeugen wurden dafür zusammengezogen. Am Samstagnachmittag zog die Bahn ein positives Fazit. „Es ist alles sehr gut gelaufen. Die Koordination hat gut funktioniert“, resümierte ein Bahnsprecher.

Im Übungsszenario kam es zunächst zu einem Zusammenstoß eines Güterzuges mit einem Lastwagen. Schnell wurde die Rettungskette vom zuständigen Notfallmanager der Bahn in Gang gesetzt. Kurz darauf war der Leiter der örtlichen Feuerwehr vor Ort und begann damit, sich einen Überblick zu verschaffen. Nur wenige Sekunden später kamen Notärzte und weitere Feuerwehrautos mit Blaulicht und Martinshorn angefahren. Über Funk hielten die Rettungskräfte die Verbindung zu ihren übergeordneten Stellen aufrecht. Zunächst galt es für die Rettungskräfte, sich einen Überblick zu verschaffen: Die Verletzten wurden mit Nummern markiert, die medizinischen Notfallhelfer beurteilten, welche Verletzungen vorrangig versorgt werden mussten.

Rollenspielerin reist extra aus Mannheim an, um verletzt zu spielen

Um den Helfern ein möglichst realistisches Lagebild zu bieten, waren rund 80 Rollenspieler im Einsatz. Das DRK-Mitglied Anna Triebskorn etwa reiste eigens von Mannheim an. „Wir machen solche Übungen öfter, aber am Bahnhof ist es für mich das erste Mal“, berichtete sie. Ihre Rolle: Als verletzte Gleisarbeiterin mit gebrochenen Beinen lag die 19-Jährige im Rahmen der Übung unter dem Unfallwaggon und schrie, was ihre Stimme hergab. Doch ihre Rettung nahm Zeit in Anspruch. Denn auf dem Waggon wurde Gefahrgut transportiert. Eine grüne Flüssigkeit entwich von dem Waggon und sorgte neben den Knochenbrüchen für Verätzungen auf der Haut der Gleisarbeiterin. Die Feuerwehr musste mit Spezialausrüstung anrücken, um die Verletzte zu bergen.

Wenige Meter weiter spielte Marcel Gerbeisch (18) vom Jugend Rot Kreuz Geislingen einen jungen Mann, der in seinem Auto eingeklemmt wurde. Ein Oberleitungsmasten wurde durch den Unfall umgestoßen und hat den blauen Mazda des jungen Mannes getroffen. An seiner Stirn klaffte eine geschminkte, aber verblüffend echt aussehende Platzwunde. Das Gesicht war mit Kunstblut benetzt. Die Feuerwehr musste den jungen Mann aus seinem Auto befreien.

Das Szenario treibt vielen Helfern Schweißperlen auf die Stirn

Innerhalb weniger Minuten trafen mehr und mehr Rettungskräfte auf dem Parkplatz neben dem Bahnhof ein. Die Feuerwehr begann damit, eine Einsatzleitung vor Ort aufzubauen. Zeit zum Durchatmen blieb den Rettern jedoch nicht. Das aufwendige Szenario trieb vielen der Helfer Schweißperlen auf die Stirn.

Als die Einsatzkräfte sich gerade einen Überblick über den Zusammenstoß des Waggons mit dem Lastwagen verschafft hatten, wurde ein weiterer Unfall in das Szenario eingebaut: Ein Personenzug musste wegen des Zusammenstoßes des Güterwaggons mit dem Lastwagen eine Vollbremsung machen, zahlreiche Passagiere stürzten und verletzten sich.

Nach drei Stunden haben die Rettungskräfte die Situation unter Kontrolle

Die Situation gestaltete sich für die Retter erneut unübersichtlich. Panisch schrien die Verletzten um Hilfe und klopften an die Scheiben des Zuges. Einige kletterten aus dem Unfallzug heraus, darunter auch ein sehbehinderter Mann, der mit seinem Blindenstock über die Gleise irrte. Ein Pärchen im Manga-Look filmte das Ganze. Bei einer schwangeren Frau setzten durch den Unfall die Wehen ein.

In den Waggons lagen überall Verletzte, die mit Kunstblut und geschminkten Verletzungen hergerichtet waren. Es vergingen lange Minuten, bis die Rettungskräfte koordiniert mit den Rettungsarbeiten beginnen konnten. Die Passagiere begannen damit, auf die Rettungskräfte zuzugehen, sie in Gespräche zu verwickeln und damit zusätzliche Verwirrung zu stiften. Bis die Situation vollkommen unter Kontrolle war, alle Verletzten versorgt und die Übung beendet wurde, waren rund drei Stunden vergangen.