InterviewIslamkennerin zum Vorfall in der Moschee in Süßen „Propaganda aus der Türkei“

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Die Islamkennerin Susanne Schröter sagt im Interview, der Versuch der Indoktrination in Süßen sei kein Einzelfall – und warnt vor dem Einfluss der Türkei auf Ditib-Moscheen.

Wird in deutschen Moscheen türkische Propaganda verbreitet? Foto: dpa/Symbolbild
Wird in deutschen Moscheen türkische Propaganda verbreitet? Foto: dpa/Symbolbild

Süßen - Eigentlich ist sie Ethnologin, bekannt wurde Susanne Schröter aber vor allem durch ihre Forschung zum gelebten Islam in Deutschland. Sie warnt immer wieder vor dem türkischen Einfluss auf Ditib-Moscheen.

Frau Schröter, überrascht Sie der Vorfall in der Moschee in Süßen?
Nein, denn es war kein Einzelfall. Es gab in vielen Ditib-Moscheen Gebete für diesen Krieg. Dass in Süßen nun Kinder mit dieser Kriegsrhetorik berieselt worden sind, hat natürlich noch mal eine andere Qualität. Die haben ja gar keine Möglichkeit, sich dem zu entziehen, und sind auch noch nicht in der Lage, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Es gab in der Vergangenheit auch Fälle, bei denen in Predigten der Märtyrertod gepriesen wurde, was ich in Zeiten des Terrors für problematisch halte, oder Predigten, in denen die Heimatliebe verherrlicht und gewarnt wurde, sich zu sehr auf Deutschland einzulassen.
Sie sind für Ihre Kritik an den Ditib-Moscheen in Deutschland bekannt. Was ist aus Ihrer Sicht das Hauptproblem?
Die Moscheen werden als verlängerter Arm der türkischen Regierung in Deutschland benutzt, um die Leute auf Linie zu halten. Letztlich sind sie ein Instrument der türkischen Propaganda, und man muss sich fragen, ob Ditib inzwischen eher eine religiöse oder eine politische Organisation ist.
Wie funktioniert das konkret?
Die Abhängigkeit Ditibs von der Türkei ist unbestritten. Die Imame werden von der türkischen Religionsbehörde ausgebildet und nach Deutschland geschickt. Es gibt finanzielle Verflechtungen mit der Türkei und in den Gremien der Ditib, speziell auf Landes- und Bundesebene sitzen viele türkische Staatsbeamte. Die Moscheevereine vor Ort können freilich sehr unterschiedlich sein – je nach dem, was für Ehrenamtliche dort tätig sind.
Spricht man Türken auf den Vorfall in Süßen an, reagieren viele unwirsch . . .
Ja, das ist oft so. Natürlich ist nicht jeder Türke für den Krieg in Syrien. Aber für viele rechtfertigt seit Erdogan das Totschlagargument, man wehre sich gegen „Terroristen“, alles. Das darf dann auch gar nicht mehr hinterfragt werden, und es gibt keinen Diskurs darüber. Ein solches Denken kennt man aus Diktaturen.
Viele deutsche Organisationen und Kommunen machen seit Jahren ambivalente Erfahrungen mit Ditib-Moscheen, bei Kulturveranstaltungen erlebt man sie oft als freundliche Gastgeber, und wenn es um Politik geht, eher als Gesprächsverweigerer.
Deutsche Organisationen suchen mit gutem Recht den Dialog mit organisierten Muslimen und fragen sich, wer der passende Ansprechpartner sein könnte. Zu Ditib gehören mehr als 900 Moscheen in Deutschland, also lädt man die Vertreter von Ditib natürlich zu Gesprächen ein. Doch in den gemeinsamen Zirkeln wird dann oft viel über Islamfeindlichkeit geredet, aber wenn es um deutsche Kritik an Ditib geht, sind sie schnell beleidigt. Der Dialog, den man zu führen versucht, ist also leider oft nicht sehr konstruktiv.
Woran liegt das?
Das ist ein Kulturproblem: Bei uns schätzt man – zumindest in gebildeten Kreisen – den offenen Diskurs. Viele Muslime dagegen verstehen Kritik sehr schnell als Angriff. Entsprechend sind die Reaktionen. Die Idee eines offenen Diskurses und die notwendigen Kulturtechniken dafür fehlen häufig. Eine Lösung dafür habe ich auch nicht, aber ich sage mal eins: So wie in Süßen geht es jedenfalls nicht.



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