Suizidprävention in Stuttgart Ein Gespräch hilft oft aus der akuten Not

Die Telefonseelsorgen beider Kirchen sind rund um die Uhr erreichbar. Vielen Menschen in Not hilft es, wenn ihnen jemand einfach nur zuhört. Foto: dpa/Jan Woitas

Fast neun Prozent der Anrufer bei der katholischen und evangelischen Telefonseelsorge haben akute Suizidgedanken. Die Einrichtungen fordern eine stabilere finanzielle Sicherheit – um weiterhin rund um die Uhr zur Verfügung stehen zu können.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Immer wieder hat sie Menschen am Telefon, die im Gespräch anklingen lassen, dass sie nicht mehr leben wollen. Hanna Brendle engagiert sich seit etwa eineinhalb Jahren bei der katholischen Telefonseelsorge Stuttgart. Viele würden nicht direkt von ihren Suizidgedanken anfangen, oft ergebe sich dies im Laufe des Gesprächs. Ihr Eindruck ist, dass Einsamkeit häufig der Auslöser für derartige Gedanken sei.

 

Etwa dreimal hätten Anrufer wirklich über ihre Suizidpläne gesprochen, konkrete Hilfe jedoch hätten sie abgelehnt. „Sie wollten einfach nur, dass ich ihnen zuhöre“, sagt Brendle. Beispiele möchte sie nicht nennen. Alle Gespräche sind anonym und streng vertraulich, sie will vermeiden, dass sich ein Anrufer vielleicht wiedererkennen könnte.

Suizidgedanken sind immer noch ein Tabuthema

27 269 Telefonate haben die katholische und die evangelische Telefonseelsorge in Jahr 2023 geführt. Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der kirchlichen Einrichtungen sind rund um die Uhr erreichbar für Menschen in Not. Dazu kommen 853 E-Mails und 2190 eingegangene Chatnachrichten. Rund neun Prozent der Menschen, die dort Hilfe suchen, haben latente oder sogar schon akute Suizidgedanken oder sprechen von Angehörigen, die davon betroffen sind. Die kirchliche Telefonseelsorge hat ihren Ursprung in der Suizidprävention, die bis heute eines der Kernthemen geblieben ist.

„Es ist selten, dass es konkret angesprochen wird“, sagt Bernd Müller, der stellvertretende Leiter der katholischen Telefonseelsorge Ruf und Rat. Einmal pro Tag vielleicht. Die Menschen seien in ganz unterschiedlichen Lagen: manche hätten den Entschluss gefasst, nicht mehr leben zu wollen und andererseits große Angst. „Sie sprechen dann vor allem über die moralische Verpflichtung ihren Angehörigen gegenüber“, ergänzt Müller. Und manche seien auch in einer dramatischen Krise: „Sie wollen ihre Not herausschreien.“ Jede Person, die anrufe, sei anders: „Es ist daher wichtig, dass wir da sind.“

Für Betroffene ist die Telefonseelsorge eine erste und wichtige Anlaufstelle in ihrer Not. Dort erfahren sie anonym Hilfe, indem ihnen die Mitarbeiter dort in erster Linie zuhören, sie nicht verurteilen, sie nicht direkt in eine Klinik einweisen lassen wollen, sondern einfach da sind. Niemand muss dort seinen Namen sagen oder wo er wohnt. Das ist wichtig, um die Hemmschwelle für die Anrufer zu senken, frei über ihre Ängste, Sorgen und Nöte sprechen zu können.

Laut des Statistischen Bundesamts haben sich im Jahr 2022 in Deutschland 10 119 Menschen das Leben genommen – das waren durchschnittlich etwa 28 Personen am Tag. Rund 17 Prozent davon waren Männer. Noch immer liegt das Suizidrisiko bei Männern deutlich höher als bei Frauen. Im Vergleich zum Vorjahr 2021 (9 215 Suizide) war ein deutlicher Anstieg um 9,8 Prozent zu verzeichnen. Suizidgedanken können in jedem Alter auftreten. Das durchschnittliche Alter von Männern lag zum Zeitpunkt des Suizides bei 60,3 Jahren, Frauen waren im Durchschnitt 61,9 Jahre alt.

Ein Gespräch reicht in der ersten Not oft schon aus

Auslöser sind häufig Depressionen, Suchterkrankungen, schwere psychische Störungen sowie harte Schicksalsschläge und posttraumatische Belastungsstörungen. „Manchmal kommt auch alles zusammen“, sagt Bernd Müller, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der kirchlichen Telefonseelsorgen in Stuttgart. Studien gingen davon aus, so Müller, dass 80 Prozent der Menschen irgendwann in ihrem Leben Suizidgedanken haben. Menschen mit Suizidgedanken und Suizidabsichten fühlten sich in einer ausweglosen Situation. Die innere Beweglichkeit, der Gedanken- und Verhaltensspielraum, der einen gesunden Menschen auszeichne, sei häufig verloren gegangen.

Viele Studien zeigten aber, dass den Menschen geholfen werden kann. „Wir wissen aus unserer täglichen praktischen Arbeit mit Betroffenen: über die seelische Not zu sprechen entlastet und nimmt den suizidalen Druck“, sagt Martina Rudolph-Zeller, die Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge Stuttgart.

Zu den Möglichkeiten der Telefonseelsorge gehört es auch, neben dem reinen Zuhören, Wegweiser zu sein und die Menschen auf geeignete professionelle Stellen im Stuttgarter Hilfesystem aufmerksam zu machen. „Um nachhaltig zu wirken und die Tabuisierung suizidalen Verhaltens zu brechen, müssen sich die Einstellungen gegenüber suizidalem Verhalten ändern“, ergänzt Martina Rudolph-Zeller. Ein Wandel der gesellschaftlichen Einstellungen entlaste Menschen mit Suizidgedanken, aber auch ihre Angehörigen. Leichter über die eigenen Gedanken sprechen zu können öffne Wege für eine bessere Prävention und Versorgung suizidgefährdeter Menschen.

Ein großes Thema für Betroffene ist aber die eigene Scham: Viele fühlen sich als Versager, wenn sie akute Suizidgedanken haben. Deshalb ist Anonymität für viele Betroffene sehr wichtig: „Wir nehmen vor allem in der E-Mailberatung wahr, wo viel häufiger besonders schambehaftete Themen angesprochen werden und wo es inzwischen bei fast jedem zweiten Mailkontakt um Suizidalität geht“, sagt Claudia Pillmann, die stellvertretende Leiterin der evangelischen Telefonseelsorge. Genutzt werden Chat- und Mailberatung stärker von jüngeren Menschen. Wichtig sei, dass die Betroffenen sich in einem sehr geschützten Rahmen öffnen könnten und jemand haben, der für sie da ist.

Die finanziellen Mittel der Kirchen gehen zurück

Die Telefonseelsorgen beider Kirchen sind rund um die Uhr erreichbar – über hundert Ehrenamtliche unterstützen dort die Mitarbeiter. Ein Problem sehen beide Einrichtungen derzeit in ihrer unsicheren, finanziellen Lage. So werden sie unter anderem über die Kirchensteuer mitfinanziert.

Die konstant schwindenden Mitgliederzahlen bei den Kirchen reduziert aber auch langfristig die Mittel für die sozialen Einrichtungen. Deshalb plädiert Martina Rudolph-Zeller dafür, die Beratungsstellen zukunftssicher aufzustellen: „Wir benötigen einen stabilen institutionellen Rahmen für die Bereitstellung der 24-Stunden-Telefonbesetzung und für die Qualitätssicherung.“ Die finanzielle Sicherung sei eine dringliche gesellschaftliche Aufgabe.

Hilfe bei suizidalen Gedanken

Evangelische Telefonseelsorge
Die evangelische Telefonseelsorge Stuttgart ist zu erreichen, ob über Festnetz oder Handy unter 0800 111 0 111. Die bundeseinheitliche 0800-Rufnummer wird regional auf die jeweiligen Telefonseelsorge-Stellen verteilt.

Ruf und Rat
Die katholische Telefonseelsorge Stuttgart ist ein Beratungs- und Seelsorgeangebot der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Sie ist unter der Rufnummer 0800 – 111 0 222 kostenfrei rund um die Uhr für ein anonymes und vertrauliches Gespräch zu erreichen, sowohl über Festnetz als auch via Handy. Auch bei der katholischen Telefonseelsorge Ruf und Rat erfolgt eine regionale Zuweisung der Gespräche.

Mail oder Chat
Anmeldung und Einloggen zur Seelsorge per Mail oder Chat ist über folgende Internetadresse möglich: www.telefonseelsorge-stuttgart.de/hilfe-finden/online (nay)

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