„Surf on, Europe“ in Böblingen Wellen, die die Welt bedeuten

Sehnsucht nach einem besseren Leben: Szene aus dem preisgekrönten Dokumentarfilm Foto: VeyVey Films

Tolle Wellen und ein Brett: Der Film „Surf on, Europe“, zeigt eindrücklich, dass Surfen auch politisch ist. Im Böblinger Bärenkino hat der Regisseur Constantin Gross mit Schülern diskutiert.

„Das Meer diskriminiert niemanden. That’s where I go to have Fun“ – das sagt einer der Protagonisten in „Surf on, Europe!“, dem Film, den Constantin Gross und Lukas Steinbrecher gemeinsam drehten, für den sie im Januar mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurden. „Surf on Europe!“ tourt durch die Kinos Europas und war diese Woche zu sehen im Böblinger Filmzentrum Bären. Dort beantwortete Constantin Gross am Donnerstag Fragen Böblinger Schüler.

 

„Surf on Europe!“ erzählt von drei jungen Menschen in Europa, die den Surfsport zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht haben: Rosy in Nordirland, Majid in Tarifa, Spanien, Margaux im französischen Biarritz. Für sie alle, dies wird schnell klar, ist das Surfen mehr als nur ein Sport: Es ist ihre wichtigste Motivation, lässt sie weitermachen, ihre Träume verwirklichen.

Berauschende Aufnahmen

Constantin Gross und Lukas Steinbrecher sind passionierte Filmemacher und Surfer. Sie zeigen berauschende Aufnahmen des Meeres und der Menschen, die über es hinweggleiten, mit ihren Brettern auf Wellenkämmen tanzen und durch Wassertunnel gleiten. Die Bilder der Freiheit wechseln sich ab, mit Bildern, die geduldig und genau erzählen vom Leben der Menschen auf den Brettern, ihrem Alltag, ihren Problemen, der politischen Situation, in der sie leben.

Filmemacher Constantin Gross (li.) und Jörg Litzenburger, der die Veranstaltung organisiert hat Foto: T. Morawitzky

Nordirland, in dem die Erinnerung an den Bürgerkrieg noch wach ist, an Bombenattentate, Maschinengewehre und allgegenwärtigen Tod – das ist Rosys Welt. Er lebt in Derry und träumt davon, sich als Hersteller von Surfboards selbstständig zu machen – der Brexit macht es ihm schwer, sein Land ist noch immer traumatisiert. Majid ist Lehrer für Kitesurfen in Tarifa, aber er ist auch Familienvater. Seine Familie lebt in Marokko; fehlende Visa verhindern ihre Einreise. Margaux erlebt als lesbische Frau eine von Geschlechterstereotypen bestimmte Surf-Szene, träumt davon, in Biarritz ein queeres Surffestival zu organisieren.

Zwei Fremde aus dem Meer

„Surf on, Europe!“ folgt diesen Menschen, die sich niemals begegneten, lässt sie zu Wort kommen, zeigt, welche Kraft sie aus ihrem Sport ziehen – und wie es ihnen gelingt, ihre Träume zu verwirklichen. Dabei zeichnet der Film auch ein klares und lebhaftes Bild von Europa und plädiert dringlich für den Erhalt der Europäischen Union. „Freedom is years in the making. We can’t let it be lost in the blink of an eye“ – dieser Satz läuft mit dem Abspann über die Leinwand. “ Es dauert Jahre, bis Freiheit entstehen kann. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie in einem Augenblick wieder verloren wird.“

Constantin Gross erinnert sich an ein Erlebnis, das für ihn wichtig wurde, ihn zur Arbeit an seinem Film inspirierte. Er war 19 Jahre alt, als er selbst am Strand von Tarifa stand, auf Surfurlaub, die Sonne ging unter. „Da kamen zwei Jungs in Neoprenanzügen aus dem Wasser und fragten, ob einer ein Handy hätte“, erzählt er in Böblingen. „Die beiden waren von Marokko herübergeschwommen, 17 Stunden lang, durch die Straße von Gibraltar, mit all den starken Strömungen dort.“ 2008 war das, ein Handy, damals noch größer und ohne Internet. Es fand sich eins, und bald wurden die beiden von Freunden abgeholt.

„Zehn Jahre später war das für mich die Inspiration, die Geschichte eines Surfers dort spielen zu lassen. Damals war mir klar geworden, wie privilegiert wir sind, in Europa – wir können in andere Länder reisen, dort arbeiten, uns verlieben, eine Familie gründen. All das ist selbstverständlich für uns, wir haben die Freiheit.“ Eine weitere Inspiration für „Surf on, Europe!“ kam 2017. „Damals kam Donald Trump in den USA an die Macht und Frankreich erlebte einen Rechtsruck, die EU wurde zum ersten Mal in Frage gestellt. So ist die Idee zu diesem Film entstanden, dazu, mit schönen Bildern Geschichten aus Europa zu einem Film zu verschmelzen.“

Die Schüler haben viele Fragen

Constantin Gross und Lukas Steinbrecher wuchsen in Köln auf, besuchten gemeinsam die Schule und sahen früh schon Filme, in denen Surfer ihren Sport zeigen und feiern. Früh schon begannen sie auch, eigene Filme zu drehen, gründeten schließlich ihre eigene Produktionsfirma. „Ich wollte immer einen Film machen, der mehr als einfach nur ein Surffilm ist“, sagt Constantin Gross. Mit den Dreharbeiten zu „Surf on. Europe!“ begannen sie 2019; mehr als 450 Stunden Filmmaterial entstanden.

Die Böblinger Schülerinnen und Schüler haben viele Fragen. Constantin Gross spricht über die Finanzierung des Projekts, über die Hürden, die Covid und andere Zwischenfälle ihnen in den Weg legten, auch über die Besonderheiten des Dokumentarfilmes, der Suche nach Geschichten in der wirklichen Welt. Vor allem aber interessiert sich das junge Publikum im Bärenkino für eben diese Geschichten, die Menschen, von denen „Surf on, Europe!“ erzählt. Für Margaux, die mit vielen Freunden schließlich ein Festival feiert, das nicht vom gestählten maskulinen Stereotypen bestimmt wird. Für Rosy und seine Familie. Für Majid, der schließlich die Hand seines Kindes nehmen kann, seiner Frau zusieht, wie sie auf dem Surfboard über das Meer gleitet – Geschichten, die längst nicht zu Ende sind.

Constantin Gross und Lukas Steinbrecher arbeiten bereits an ihrem nächsten Projekt: Sie begleiten zwei Surfer, Camilla Kemp und Tim Elter, die sich für Olympia 2024 qualifiziert haben.

Alle Infos zum Film unter https://veyvey-films.com/portfolio/surf-on-europe-feature-documentary-90/

Weitere Themen